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Museum für Geschichte: Ausstellung 'Uns gehört die Zukunft'. Foto: N. Lackner
©: Universalmuseum Joanneum

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Rezension
Graz-Geschichte(n)

Die Multimedialen Sammlungen (MMS) im Universalmuseum Joanneum sind eine Schatzkammer der steirischen Geschichte. Rund 2,5 Millionen Fotografien, Filme und Tonaufzeichnungen lagern in dieser 1958 gegründeten Institution. Ihr Bestand hat als größte Sammlung des Joanneums weit über die Grenzen des Bundeslandes hinaus Bedeutung. Trotzdem sind die zugeteilten Mittel für Aufarbeitung der Bestände, Restaurierung, Digitalisierung und Ausstellungsbetrieb unverständlich dürftig. Dies hat zur Folge, dass nur in fragmentarischen Etappen der Bestand analysiert werden kann. Kostbarkeiten schlummern lange dahin, bis sie für die Allgemeinheit sichtbar werden. So geschehen bei der aktuellen Ausstellung der MMS im Museum für Geschichte: Uns gehört die Zukunft!
Der Fotograf Uto Laur (1904-1996) schenkte 1990 Negative, Fotos und Filme als Vorlass dem Vorgänger der MMS, dem Bild- und Tonarchiv. Laur bezeichnete sich zwar selbst als Amateur, seine Aufnahmen zeugen jedoch vom Gegenteil. Mit viel Gespür für Bildkomposition dokumentierte Laur politische und gesellschaftliche Ereignisse und die Veränderung des Stadtraums in Graz von den 1930ern bis in die 1970er. Laur konnte viele seiner Bilder an Zeitungen und Zeitschriften verkaufen. Die Aufnahmen zeigen aber nicht das Leben frontal. Der Fotograf ist nicht Teil der Fotoreporterschar, seine Kamera verfolgt das Geschehen nicht aus der ersten Reihe. Statt Seitenblicke kommt der Blick von Laur immer wieder vom Rand, von der tatsächlichen Seite. So ist sowohl die Einweihung 1937 wie auch die Demontage 1938 des Dollfuss-Denkmals am Opernring aus der Distanz aufgenommen. Viele Aufnahmen von Menschen zeigen sie von hinten im urbanen Umfeld. Das Besondere am Archiv von Laur ist seine Ordnung. Der Fotograf legte es nicht chronologisch an, sondern themenbezogen. Heimo Hofgartner, der Kurator der Schau, nimmt immer wieder diesen Zugang auf. Zum Hauptstrang der Bilder, die auf einer Zeitachse geordnet sind, zeigen andere Wände monothematische Fotografie-Serien. Der aktuell wieder heiß diskutierte Plabutsch mit seinem ehemaligen Sessellift, der Hochhausbau in der Stadt, alte Geschäfts- und Lokalansichten sind einige der Beispiele.
Besonders erfreulich – es gibt eine sehenswerte Publikation zur sehenswerten Schau. Das Manko früherer gelungener Ausstellungen, wie Kino in der Steiermark vor 1945 oder die Elektrifizierung der Steiermark, deren Inhalte nach Ausstellungende im Dunkel verschwanden, konnte dank des Clio-Verlags beseitigt werden. Mehr oder weniger auf eigenes Risiko will Clio auch in Zukunft ausgewählte Ausstellungen der MMS mit Büchern begleiten. Es wäre sehr erstrebenswert, wenn auch das Joanneum Budgetmittel für diese Buchreihe in Zukunft einplant. 

Heimo Halbrainer, Mastermind von Clio, ist unermüdlich dabei, Grazer Stadtgeschichte aufzuarbeiten. Allein heuer – und das Jahr ist noch jung – sind bereits vier Bücher neu erschienen.  

Jüdisches Geidorf? – Eine historische Spurensuche ist der erste Band aus einer Reihe, die in Kurzbiographien ehemalige jüdische Bewohner des Viertels vorstellt. Die Personen werden mit den konkreten einstigen Wohnadressen verortet. Dokumente und privates Fotomaterial ergänzen die Texte. Vertriebene und/oder ermordete Menschen machen einen Großteil des Buches aus. Eugen Szekely, einer der wichtigsten Grazer Architekten der Zwischenkriegszeit lebte in der Heinrichstraße 10. Margarethenbad, Arbeitsamt Graz, Siedlung Amselgasse sind nur einige umgesetzte Planungen des 1935 nach Haifa Emigrierten. Die Schwestern Paula Presinger und Margit Frankau, beide geborene Rosenthal, waren jüdischer Herkunft, aber die Eltern konvertierten früh, 1883, zum evangelischen Glauben. Beide waren überzeugte Antisemitinnen, was sie aber nicht davor rettete, nach Theresienstadt deportiert zu werden. Nur Paula überlebte das KZ. Aber auch weit vor der Shoa lebende Menschen erhalten ihren Platz. Bernhard Kollmann gilt mit seiner Pferdestraßenbahn 1878 als Begründer des öffentlichen Verkehrs in Graz. Nach Geidorf will Halbrainer gemeinsam mit Joachim Hainzl nach und nach sämtliche Bezirke von Graz erfassen. Aktuell wird gerade für Andritz recherchiert.

Mit den Bücherverbrennungen während des Nationalsozialismus beschäftigt sich ein weiteres Buch aus dem Clio-Verlag. In zehn Aufsätzen analysieren namhafte Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen den Umgang mit unerwünschtem Druckwerk und mit Bibliotheken zwischen 1933 und 1945 in Deutschland und Österreich. Zusätzlich werden Reaktionen des Auslands und von Exilanten präsentiert, der Umgang mit Büchern vor und nach Ende des nationalsozialistischen Terrors besprochen. Ein Kapitel setzt sich mit den Schwierigkeiten der Erinnerungskultur anhand des erst 2018 errichteten Mahnmals gegen die Bücherverbrennung in Salzburg im April 1938 auseinander. Ein Aufsatz erzählt unter anderem die nur wenig bekannte Geschichte des 1942 von den Nazis im besetzten Prag errichteten „Jüdischen Zentralmuseums“.

Im Clio Verlag neu erschienene Bücher:

Uto Laur: Amateurfotografien zwischen 1930 und 1970

Herausgegeben von Bettina Habsburg-Lothringen
und Heimo Hofgartner
Geb. 120 Seiten, Euro 20,00

Jüdisches Geidorf? Eine historische Spurensuche
Hg. v. Heimo Halbrainer und Gerald Lamprecht
Brosch., 92 Seiten, Euro 7,50

Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.
Bücherverbrennungen in der Vergangenheit, Gegenwart und in der Erinnerung.
Hg. v. Heimo Halbrainer, Gerald Lamprecht und Michaela Wolf
Geb. 190 Seiten, Euro 24,00

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Thu 13/02/2020

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Kommentare

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sind die Zeitzeugen der Zukunft... für Dinge, die mE keine Halbwertszeit haben! Herzlichen Dank, dass Sie das machen!

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Graz-Geschichte(n)

Emil Gruber zur

  • Uns gehört die Zukunft!
    Fotoausstellung im Museum für Geschichte, Sackstraße 16, 8010 Graz,
    bis 17. Mai 2020

und zu

  • Neuerscheinungen
    im Verlag CLIO
    Verein für Geschichts- und Bildungsarbeit

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