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Blick durch das Dachflächenfenster des Nachfolgers des alten Maiensässhäuschens nach außen
©: Tim Lüking

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Bericht
Zeitgemäßes Low-Tech
Die reichhaltige Detail-Armut des Refugi Lieptgas

Das Refugi Lieptgas in Flims ist ein kompaktes Ferienhaus für zwei Personen, dessen äußere Erscheinung als Nachfolgebau eines Maiensässhäuschens durch den Abdruck seines Vorgängers geprägt wird. (Eine Annäherung an dieses Gebäude aus räumlich-gestalterischer Perspektive können Sie hier nachlesen.) Auf den ersten Blick scheint es sich um ein expressiv gestaltetes Objekt zu handeln, bei näherer Betrachtung wird jedoch schnell deutlich, dass es sich mit den präzise entwickelten und ausgeführten Details in die Tradition der sachlichen Schweizer Architekturen eingliedert. Ausgewählte Rahmenbedingungen und Lösungen in der Planung und der Ausführung sollen in der Folge näher betrachtet und erläutert werden.

Einschichtige Gebäudehülle aus Leichtbeton

Der Entwurfsansatz der Architekten Selina Walder und Georg Nikisch für das Refugi Lieptgas sah vor, das alte Maiensässhäuschen mittels Versteinerung zu bewahren. Für die Umsetzung wurde der Vorgängerbau als Schalung für die einschichtig ausgeführten Leichtbetonwände genutzt. Die gesamte Gebäudehülle besteht von innen nach außen durchgehend aus einer homogenen Leichtbeton-Mischung von Misapor, die statt Kieselsteinen Blähton als Zuschlagstoff hat. Der leichte Zuschlag im Beton verringert zwar dessen Belastbarkeit, erhöht jedoch bedeutend seine wärmedämmenden Eigenschaften. Bewehrt wurde der Beton ausschließlich mit gewöhnlichem Baustahl. Das äußere Volumen des Refugi entspricht dem Innenraumvolumen des ursprünglichen Maiensässhäuschens. Selbstverständlich hat das Haus ein Satteldach wie sein Vorgängerbau, aber auch das ist ausschließlich betoniert worden. Was war bei der Ausführung zu beachten?

Schalungsbau

Ein Blockbau aus Rundhölzern lässt sich nicht ohne weiteres als Schalung verwenden. Zum einen schließen nicht alle Rundhölzer untereinander ausreichend dicht ab, zum anderen würde der Beton derart spitz zulaufen, dass er beim Ausschalen oder bei späterer mechanischer Einwirkung oder Bewitterung sehr leicht abbrechen würde. Aus diesem Grund wurden Bretter zwischen den Rundhölzern eingefügt, so dass der frische Beton beim Einbringen nicht mehr austreten konnte und die Spitzen zwischen den Kehlen abgeflacht sind. Zusätzlich wurden die Rundhölzer im Vorfeld intensiv gewässert, so dass sie ihr maximales Volumen erreichten. Die Rundhölzer quollen also durch freies Wasser beim Betonieren nicht weiter auf. Dieses hätte zu einem hohen Druck auf den Beton geführt und das Ausschalen erschwert oder sogar die Oberfläche geschädigt.
Trotz dieser Maßnahmen war das Ausschalen aufgrund der Schalungsgeometrie, also der Form der Rundholzwand, sehr aufwändig. Um Abbrüche beim Beton zu vermeiden, wurden die Stämme der Länge nach aufgetrennt, so dass ein horizontal durchgehender Spalt entstand. Mit Zwingen wurde danach Stamm für Stamm zusammengedrückt, der jeweilige Spalt also geschlossen. Dadurch löste sich der Stamm vom Beton und konnte ohne Schädigung entfernt werden. Das klingt an sich simpel. Allein bei dem Gedankenspiel, Zwingen an halb einbetonierten Rundhölzern anzusetzen, wird das ganze Unterfangen schon schwieriger.

Dacharbeiten

Die Herstellung der einschichtigen Außenhülle war aber nicht nur im Bereich der Wand schwierig, auch das Dach erforderte einen erhöhten Arbeitsaufwand. Für die Dachebene brauchte es wegen der Neigung eine untere und eine oberer Schalung. Erschwert wurde dieser Arbeitsabschnitt dadurch, dass Leichtbeton wegen seiner Zusammensetzung in kleinen Etappen eingebracht und verdichtet werden muss. Während die untere Schalung und die Bewehrung im Vorfeld komplett hergestellt wurden, musste die obere Schalhaut sukzessive ergänzt werden. Andernfalls wäre die richtige Positionierung der Rüttelflasche zum optimalen Verdichten nicht gesichert gewesen. In 30 cm Abschnitten Schalen, Beton einbringen, Verdichten und wieder von vorn, ist keine Hexerei; aber selbst bei bestmöglicher Zusammenarbeit gestaltet sich dieser Ablauf aufwendiger und zeitintensiver als ein konventionelles Vorgehen.
Um das gestalterische Konzept zu unterstreichen, durfte das Dach auch nur betoniert sein. Anstelle einer konventionellen Dachhaut, also Dachpfannen oder eine Dichtungsbahn, haben die Architekten sich dazu entschieden, im Dachbereich und bei der Fensterlaibung eine Schicht aus kunststoffgebundenen Zement aufzuspachteln. Dieser gewährleistet eine größere Sicherheit gegenüber eindringender Feuchte als der pure Leichtbeton. 

Öffnungen

Das Fenster im Erdgeschoss und die Eingangstür sind hinter dem Durchbruch auf der Innenseite angeordnet. Dadurch soll unterstrichen werden, dass Hülle und verschließendes Element losgelöst voneinander entstanden sind. Tür und Fenster könnten lediglich aus funktionalen Gründen hinzugefügt worden sein. Entfernte man diese, bliebe eine reine Betonskulptur übrig. Bauphysikalisch wäre die Lösung theoretisch bei diesen beiden Öffnung sogar derart realisierbar. Tatsächlich wird die Wärme durch einen eingelassenen, verdeckten  Dämmkeil spazieren geführt.
Das Dachflächenfenster für den Ausblick in die Baumkronen wurde außen aufgesetzt. Um einen unbehinderten Blick durch die kreisrunde Aussparung zu erhalten, wurde der rechtwinkelige Rahmen mit mehr als 10 cm Abstand zum Rand der Öffnung ausgeführt. An dieser Stelle ist es aus bauphysikalischer Sicht unbedingt notwendig, dass der Rahmen durch eine im Beton eingelassene Dämmung ergänzt wird. Ansonsten wäre die am Rahmen anschließende innere Oberfläche so kalt, dass Kondensat droht. Tatsächlich ist das Kondensatrisiko in der Luftkammer zwischen Dachflächenfenster und Dachoberfläche besonders groß, da die nach oben aufsteigende feucht-warme Luft in diesem Bereich bedeutend abkühlt. Bisher sind entsprechende Probleme nicht aufgetreten.

Türen

Ein weiteres, liebevoll gestaltetes Detail findet sich an den Türen zum Bad und vom Kleiderschrank. Sie wurden von einem Schweizer Tischler aus Weißtannenholz gefertigt. Die Türblätter bestehen aus zwei Lagen gehobelter Bretter, die miteinander durch quer verlaufende Bretter über einen doppelten Schwalbenschwanz verbunden sind. Die handwerklich präzise ausgeführte Konstruktion wird an der Schmalseite der Türen sichtbar. Die Scharniere wurden so angeordnet, dass sie im geschlossenen Zustand durch die Türblätter verdeckt werden. Nichts lenkt somit von der fein gemaserten Holzfläche ab. Während die Schranktür gänzlich ohne Griff auskommt – zum Öffnen der Tür muss man das Blatt an der Seite anfassen – hat die Badezimmertür einen einfachen Edelstahl-Schieber, mit dem sich auch gleichzeitig die Tür verschließen lässt. Dieser ist zwischen den beiden Bretterlagen eingelassen und zeichnet sich außen nur durch einen Rundstahl in einem Langloch ab. Auch dieses feine Detail reiht sich in die reduzierte Gestaltung des Refugi Lieptgas ein.

Obwohl es sich bei dem Refugi Lieptgas nur um ein kleines Objekt handelt, lässt sich vieles falsch machen. Selina Walder und Georg Nikisch haben es jedoch geschafft, die Details schlüssig und angenehm visuell zurückhaltenden auszubilden. Dieses kleine Schmuckkästchen wird damit zu einem Destillat der möglichen Bauqualität im Alpenraum.

Verfasser / in:

Tim Lüking

Datum:

Wed 14/10/2015

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Kommentare

Material aus Glasschaumgranulat

Sehr geehrte Damen & Herren,
es wird hier nicht Blähton als Zuschlag für den Beton eingesetzt sondern Glasschaumgranulat der Firma Misapor.

Danke für den interessanten

Danke für den interessanten Artikel. Wenn Ausführungsdetails zu diesem Projekt zur Verfügung stünden, täte dies der Vollständigkeit gut....

Mehr Informationen in weiterem Artikel

Lieber Herr Gruber,

das Fensterdetail wird in dem Artikel "Massiver Durchblick" http://www.gat.st/news/massiver-durchblick vertiefend dargestellt. Dort gibt es dazu einen Schnitt mit isothermischer Untersuchung.

Herzlichen Gruß
Tim Lüking

Infobox

Holzblockbau als Schalung: Die Schweizer Architekten Selina Walder und Georg Nickisch von Nickisch Sano Walder Architekten aus Flims, Graubünden (CH), konservierten mit dem Refugi Lieptgas ein Maiensässhäuschens in Beton.

Dieser Artikel erscheint im Rahmen des GAT-Fokus Monolithisch Bauen.

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