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Bericht
Was bleibt von der Grazer Schule? Teil 2
Ein Zeichensaal ist sicher nicht der sortierte Neufert-Arbeitsplatz

Was es auch ist, das die Grazer Schule ausmacht, „sie nahm in den Zeichensälen unserer Universität ihren Ausgang.“ Mit diesem Satz leitete Anselm Wagner ein spannendes Thema des vom Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz veranstalteten Symposiums „Was bleibt von der Grazer Schule“ ein. Referentinnen und Referenten aus mehreren Jahrzehnten beleuchteten ihre Erfahrungen in den Architekturzeichensälen der Alten Technik und versuchten deren Bedeutung für die Grazer Schule auf den Grund zu gehen.

In den 60ern waren die Zeichensäle der Ort, an dem in den Entwürfen der Studierenden radikale architektonische und gesellschaftliche Utopien entwickelt wurden, die das Fundament der Grazer Schule, einem zentralen Phänomen der österreichischen Architekturgeschichte, bilden sollten. Möglich wurde das nicht zuletzt durch die autonome Selbstverwaltung der Studierenden, die in dieser Selbstermächtigung eine systemische Gegenposition zum Akademismus in der Architektur entwickeln konnten, wie Simone Hain ausführte.

Das in jeder Ausbildung essenzielle Verhältnis zwischen Lehrenden und Schülern wurde von den Zeitzeugen durchaus unterschiedlich erlebt. Während Konrad Frey von einer „Schule ohne Lehrer“ spricht und laut den einen die Professoren die Zeichensäle überhaupt nicht betreten durften, heben die anderen die Rolle des Austauschs und der Diskussion, sowohl unter den Studierenden als auch mit den Assistenten und Professoren hervor.
Die Rolle der Lehrenden war auf jeden Fall keine unwesentliche, auch wenn Volker Giencke nicht ganz unernst meint: „Graz war dafür bekannt, dass die Studenten besser waren als die Professoren.“ So waren fast alle Protagonisten der Grazer Schule zumindest für einige Jahre Assistenten an der damaligen Technischen Hochschule, wo sie mit einem größeren Freiheitsgrad wirken konnten als im Büro und die so eine Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis darstellte.

Eine prägende – wenn auch in weiterer Folge ambivalente – Position nahm Ferdinand Schuster ein, der ab 1964 den Lehrstuhl für Baukunst und Entwerfen innehatte. Seine Überzeugung, dass das Studium in erster Linie als Selbsterziehung zu verstehen sei und die Hochschule als ein Ort, der die Praktiken des freien Lebensentwurfs zu erhalten habe, ist auch in der heutigen Diskussion rund um die zunehmende Verschulung des Studiums von Relevanz. Wenn man, wie Schuster, Architekturerziehung nicht als Verwaltung bestehenden Wissens versteht, sondern die Architektur als ein offenes Projekt begreift, so ist gerade in diesem Fach das schnelle Durchschleusen von Studierenden durch eine am Markt orientierte Ausbildung kontraproduktiv. „Die Hochschule ist nicht nur Stätte der Welterklärung, sondern auch des Weltentwurfs“, zitiert Daniel Gethmann Ferdinand Schuster in seinem flammenden, fast an ein Manifest erinnernden Vortrag, in dem er gemeinsam mit Winfried Ranz ein aktuelles Forschungsprojekt zum Wirken Schusters vorstellte. Für Gastgeber Anselm Wagner offenbart das derzeitige Interesse an der Grazer Schule deren Relevanz für den heutigen Architektur- und Bildungsdiskurs im Sinne Walter Benjamins „Tigersprung in die Vergangenheit“.

Eine zentrale Rolle für die Genese der Grazer Schule spielten also die Zeichensäle, die für Bettina Götz von ARTEC die Freiheit einer Akademie bieten, jedoch ohne die Nachteile des Meistersystems mit sich zu bringen. Die Studenten orientierten sich von sich aus an internationalen Phänomenen, die über Zeitschriften – das Internet war noch ferne Utopie – den Weg aus den USA, Großbritannien und Frankreich, aber auch den Niederlanden, Japan und interessanter Weise Norwegen nach Graz fanden. Quasi im Gegenzug reüssierten viele von ihnen später in der ganzen Welt und die Grazer Schule wurde im Ausland und Wien zunächst viel stärker wahrgenommen als in Graz selbst.

Die Umgebung, in der all das entstehen konnte, beschreibt Christoph Wiesmayr als „keinen Ort, den man seiner Oma präsentieren würde.“ In einer kurzen Diskussion mit Erasmus-Studierenden von vier europäischen Universitäten wurde deutlich, wie einzigartig die Zeichensäle in dieser Form auch noch heute sind, konnte doch keiner von ihnen von vergleichbaren „Möglichkeitsräumen“ auf seiner Uni berichten.

Die These Gabu Heindls, dass der unordentliche, chaotische Zeichensaal als Modell für die heutige Arbeitsweise in Architekturbüros (und auch anderswo, wie der Google Campus beweist) dient und so ein Gegenmodell zum fordistischen Arbeitsmodell etabliert werden konnte, wirft eine weitere Überlegung auf: Bereitet am Ende die Freiheit der Zeichensäle die Studierenden besser auf die Arbeitswelt des - in eben diesen Zeichensälen abgelehnten - Neoliberalismus vor als die von der Politik forcierte zunehmende Verschulung der Ausbildung?

*) Zitat Gabu Heindl

VORSCHAU:
Am Donnerstag, dem 09.12. lesen Sie auf www.gat.st Teil 3 des Berichts mit dem Titel "Utopien statt Formalismen und Stilen". Autor ist wieder Martin Grabner.

Verfasser / in:

Martin Grabner

Datum:

Thu 02/12/2010

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Was es auch ist, das die Grazer Schule ausmacht, „sie nahm in den Zeichensälen unserer Universität ihren Ausgang" (Anselm Wagner)

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