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Bericht
W:A:B: Wohnprojekte für Frauen von Frauen

Anlässlich des internationalen Frauentages am 08.März 2009 nehmen wir die Gelegenheit wahr, auf selbstorganisierte Wohnbauten für Frauen näher einzugehen. Den Schwerpunkt legen wir dabei auf ein Projekt in München und eines in Wien.

Wohnprojekte für Frauen wurden bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts gebaut, als es an Wohnmöglichkeiten für alleinstehende, erwerbstätige Frauen zu mangeln begann. In der frühen Phase der Frauenbewegung der späten 1970er und in den 1980er Jahren formulierten Frauen ihre Forderungen an Wohn- und Stadtraum, aber erst in den 1990er Jahren gelang es in Pilotprojekten, die Beteiligung von Frauen in allen Stadien des Planungsprozesses sicherzustellen, sowie Geschlechtergerechtigkeit und entsprechende Wohnungsgrundrisse durchzusetzen. Das größte Projekt dieser Zeit ist die Frauen-Werk-Stadt Wien 21 Bezirk.

Um 2000 wurden neben Vermietungs- auch Eigentumsmodelle entwickelt. So zum Beispiel in den Beginenhöfen in Deutschland, die zurückgehend auf ihre mittelalterlichen Wurzeln eine Renaissance erleben. Beispiel dafür ist der Beginenhof in Berlin-Kreuzberg als reines Eigentumsmodell. Weitere sind in Planung.

Genossenschaftsmodelle sind für Frauen interessant, weil sie leistbare, selbstbestimmte und gemeinschaftlich orientierte Wohnformen ermöglichen. Die ersten Frauengenossenschaften entstanden bereits vor und nach dem ersten Weltkrieg in Frankfurt.

Ein Beispiel für eine Frauen - Wohn- und Baugenossenschaft ist
FRAUENWOHNEN MÜNCHEN-RIEM, ein mehrfach ausgezeichnetes Gebäude.

DI(FH) Sabina Prommersberger, Mitglied des Vorstands, berichtet dazu:

“Die Genossenschaft FrauenWohnen wurde 1998 mit dem Ziel gegründet, preiswerten und unkündbaren Wohnraum für Frauen zu schaffen und zu erhalten. Es handelt sich dabei um eine selbstbestimmte, selbstverwaltete Solidargemeinschaft von inzwischen 260 Mitfrauen mit der Rechtsform einer Vermietungsgenossenschaft.

Unterschiedlichste Frauen jeden Alters, verschiedenster Herkunft, mit und ohne Kinder, mit und ohne PartnerIn wünschten sich eine Wohnanlage, gestaltet nach ihren eigenen Vorstellungen, in der sie gemeinschaftlich wohnen und leben können. Individualität und der Wunsch nach Rückzug ist genauso Teil des Konzepts wie gemeinschaftliches Miteinander und gegenseitige Unterstützung auf freiwilliger Basis.

Die Finanzierung der Wohnanlage war für eine neugegründete Genossenschaft eine Herausforderung. Knapp ein Viertel des benötigten Kapitals mussten die Bewohnerinnen einlegen. Der Rest wurde über Kredite finanziert. Die Kapitalkosten werden auf die monatliche Kostenmiete umgelegt. Es war nicht einfach in München ein geeignetes Grundstück für eine Mischung aus frei finanzierten und geförderten Wohnungen zu bekommen. Jahrelange Bemühungen führten 2004 endlich zum Erfolg.

Von Anfang an beteiligten sich bereits 25 Frauen an der Konzeption und Planung unserer ersten Wohnanlage mit 50 Wohneinheiten. Hohe Anforderungen an die Gestaltung, insbesondere der verschiedenen Wohnungen und der Gemeinschaftsflächen, an die Energieeffizienz und die Barrierefreiheit der gesamten Wohnanlage sollten erfüllt werden. Eine gut strukturierte, auch vertraglich mit den Planungsbüros geregelte Zusammenarbeit sicherte einen diziplinierten Partizipationsprozess, der drei Jahre dauerte und an dem bis zu 49 Frauen mit ihren Angehörigen beteiligt waren. Für das Gelingen waren Fachkompetenz und Moderationsgeschick auf Seiten der Genossenschaft unerlässlich. Dieser nicht unerhebliche Aufwand aller Beteiligten hat sich in mehrerlei Hinsicht gelohnt.

Zum Einen entstand eine mehrfach ausgezeichnete Architektur, mit der sich die NutzerInnen identifizieren können. Zum Anderen hat dieser Prozess nicht nur Kompetenzen (auch soziale) abverlangt, sondern dazu beigetragen, insbesondere bei den BewohnerInnen Fähigkeiten im sozialen Miteinander zu entwickeln, die bis ins jetzige Zusammenleben hineinwirken.

Kommunikationsstrukturen und Konfliktfähigkeit sowie das fröhliche Beisammensein und Festefeiern konnte schon vor Bezug eingeübt und kultiviert werden. So hat sich in den zwei Jahren nach Fertigstellung der Wohnanlage ein gemeinschaftliches Wohnprojekt mit einer stabilen Nachbarschaft entwickelt, das auch positiv ins Quartier ausstrahlt.

Ein nächstes Projekt, eine innerstädtische Hinterhofbebauung mit 27 Wohneinheiten ist in Planung (Bezug 2011). Ein weiterer Neubau mit 40 Wohneinheiten ist angedacht, denn die Nachfrage ist groß.”

Ein aktuelles Beispiel aus Österreich ist das
FRAUENWOHNPROJEKT RO*SA WIEN-DONAUSTADT

Die Initiatorin Univ.Prof.Dr.DI Sabine Pollak berichtet:

„Während frauengerechte Planung in den 1990er Jahren Faktoren wie Sicherheit als maßgeblich betrachtete, versucht Gender Planning weiter zu gehen. Ziel ist, Fragen der Gendergerechtigkeit in alle Stadien der Planung von Raum zu implementieren. Das vom Büro Köb & Pollak Architektur initiierte Frauenwohnprojekt ro*sa Donaustadt in Wien verfolgt solche Ziele. Ein Frauenwohnprojekt zu planen bedeutet, Rollenzuteilungen und Hierarchien zu durchbrechen, Frauen in alle Entscheidungsschritte mit einzubeziehen und ein Wohnprojekt, zugeschnitten auf die Wünsche von Frauen in unterschiedlichen Lebensphasen gemeinsam mit Frauen zu realisieren.

Für ein partizipatives Frauenwohnprojekt mit hohem sozialökonomischen Anspruch in Wien fanden sich augenblicklich viele Interessentinnen. Wie bei allen selbst bzw. durch ArchitektInnen initiierten Projekten dauern der Prozess der Gruppenbildung, die Moderation der Planung und die Grundstückssuche lange. Im Falle des Frauenwohnprojektes waren dies fünf Jahre mit intensiver Auseinandersetzung zwischen Nutzerinnen und ArchitektInnen. Nun wird die Gruppe von einem gut organisierten Verein gesteuert, die Bauabwicklung übernimmt ein Bauträger, in der Besiedelung des Projektes behält sich der Verein ein Vorschlagsrecht vor.

Für das lang gezogene, schmale Grundstück nahe dem Kagraner Platz wurde eine Erschließungsstruktur gewählt, die zugleich die Möglichkeit von interner Kommunikation bietet. Eine innen liegende Straße öffnet sich mit drei Metern Breite zu einem mehrgeschoßigen, durchlässigen Passagenraum, bietet Erweiterungsraum für die Wohnungen und wird über drei Höfe belichtet.

Grundprinzipien der Wohnungen sind größtmögliche Typenvariabilität und Flexibilität. Das Angebot erstreckt sich von Minimaleinheiten (30m2) bis zu Wohngemeinschaften (210m2). Neu sind Wohnungen für Alleinerzieherinnen mit variablen Zimmereinteilungen, Wohngemeinschaften neuen Typs, in der sich vier Kleinsteinheiten mit eigenem Bad und kleiner Kochzeile eine gemeinsame Wohnküche teilen sowie Assistenzwohnungen für Frauen mit permanenter Assistenzbetreuung. Das Patchwork aus Wohnungen unterschiedlichen Zuschnitts wird ergänzt durch ein über das Haus verteiltes Netzwerk aus Gemeinschaftsräumen: eine Werkstatt im Gartengeschoß, ein Workshopraum mit Gemeinschaftsküche im Erdgeschoß, eine Wohngemeinschaftsküche im 1. Stock, eine Bibliothek im 2. Stock sowie eine Waschküche und ein Saunaraum im Dachgeschoß mit anschließender Gemeinschaftsterrasse.

Alle Wohnungen lassen sich als Einraum-Loftwohnung oder Zimmer-Wohnung organisieren. Alle größeren Wohnungen erhalten die Möglichkeit eines zweiten Eingangs für veränderbare Lebensumstände (Eigenständigkeit für Kinder, Seniorin, Vermietung, Arbeitsraum). Um den privaten Raum knapp bemessen und dennoch maximieren zu können, wird die lange Wand entlang der Passage als Servicezone in 1,50m Breite für Stauraum und eine minimierte Nassraumzone ausgebildet. Anstelle eines traditionellen Wohnzimmers wird ein offener Wohn-Koch-Essraum vorgesehen, in dem eine Küche entlang der Servicezone offen im Raum positioniert ist. Alle persönlichen Zimmer sind gleich groß und öffnen sich an der Fassade durch Schiebewände, um die Längsorientierung der Wohnung spürbar zu machen.“

DATEN ZU DEN GEBÄUDEN

OBJEKTDATEN FRAUENWOHNEN MÜNCHEN-RIEM:

Entwurf und Planung: Planungsgemeinschaft Zwischenräume, München
Freiraumplanung: Arbeitsgemeinschaft Zaharias/Wiedmer-Thiel, München
Bauherrin: FrauenWohnen eG/ vertreten durch: Technische Projektleitung: Dipl.-Ing. Sabina Prommersberger
Kaufmännische Projektleitung: Elisabeth Gerner
Fertigstellung: Ende 2006

Wohngebäude mit 49 Wohneneinheiten, 4 Büros, Gemeinschaftsräume und Gästeappartement

Brutttogeschossfläche: 3.759 qm/ Wohnfläche/ Nutzfläche: 2.782 qm
GFZ (Geschossflächenzahl) 1,18
Konstruktion: Um einen Innenhof angeordnete zwei- bis fünfgeschossige Gebäude in Stahlbetonschottenbauweise mit hochgedämmten, nichttragenden Holzrahmenelementen, Laubengangerschließung.
Jahresprimärenergiebedarf < 40 kWh/qm Nutzfläche, Fernwärme,
Brauchwassersolarkollektoren, Kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung.
Nettoherstellungskosten: 1.093 € netto/qm Wohnfläche/Nutzfläche

PROJEKTDATEN FRAUENWOHNPROJEKT RO*SA WIEN-DONAUSTADT

Projektentwicklung und Planung: Köb&Pollak Architektur
Landschaftsplanung: Auböck+Kárász
Bauträger: GPA - WBV
Anton-Sattler-Gasse 100, 1220 Wien
Baujahr 2008 - 2009

38 geförderte Mietwohnungen mit Eigentumsoption
NUTZERINNENPROFILE/ PROTOTYPEN:
„HOME-OFFICE“ 30 – 75m2 + 15 – 20m2 Büro
Profil: allein stehend, selbstständig, zusammen lebend, selbstständig, teilweise selbstständig, mit/ohne Kinder, Homeworker
ANSPRUCH AN GEBÄUDETYPUS/ LAGE:
Urbane Großstruktur, Lage in Centrope-Region, nähe zu Wien/Brünn/Prag/Bratislava, Anschluss an GründerInnen- und Gewerbecenter, New Creative Bereich, Infrastruktur „Stadt in der Stadt“, Vielfalt trotz Homeworking, Vernetzung

WOHNUNGSQUALITÄTEN:
Zweiter Eingang in Office, Zweite Nasseinheit, Ausstattung Büro, größere Raumhöhe 2,80 Büro, smart equipped, Umbaubarkeit als Wohnung, ev. Splitlevel oder Zweigeschoßigkeit, ev. Erdgeschoß als Büro, Zugang von Straße
ANSPRÜCHE AN FREIRAUM: Je nach Wohnungsgröße minimal bis groß

OBJEKTDATEN BEGINENHOF BERLIN-KREUZBERG

Planung: PPL- Barbara Brankenhoff, Leipzig.
Bauherr: Beginenwerk e.V. Berlin.
Baujahr: 2007

Ziel des Projekts: Gemeinschaftlich orientiertes Haus in zentraler Lage, Eigentum für Frauen
Adresse: Erkelenzdamm 51-57, Berlin-Kreuzberg

5.500 qm BGF
53 WE, 2 Gäste-WE, Gemeinschafts-Räume, -Garten, -Dachterrasse und -Vorgartenterrasse.
ANSPRÜCHE AN DAS GEBÄUDE:
Einfügung in die gründerzeitliche Nachbarbebauung, Barrierefreiheit, kommunikative Erschließungsbereiche. Individuelle Wohnungen und Außenbereiche, partizipative Planung, Gemeinschaftbereiche für internen und externen Austausch. Aufenthaltsqualität in den halböffentlichen gartenseitigen Laubengängen.

Verfasser / in:

W:A:B - Wohnbau:Alternative:Baugruppen

Datum:

Thu 05/03/2009

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