02gluhweinmojoimg0779
Adventdorf am Eisernen Tor in Graz
©: Gernot Lauffer

_Rubrik: 

Sonntag
Vom Verschwinden des Stadtflaneurs ..

Der Erste Weltkrieg zerstörte diese Idylle auf dem Rücken der Ausgebeuteten, die Not verhalf dem protestantischen Arbeitsethos endgültig zum Durchbruch, noch eine kurze Scheinblüte in den 20ern, dann kamen die Diktaturen mit ihrem Plansoll und ‚Arbeit macht frei’, der zweite Krieg und dann der Wiederaufbau, der  als Wirtschaftswunder stattfand. Jetzt war endgültig Schluss mit lustig und Müßiggang, das Ethos der Arbeit hatte oberste Priorität, einfach so herumlungern, sich mit Flanieren vergnügen, das ging nicht mehr. Auch wenn man nur herumstreunte, der Schritt musste schneller und fester werden, der Körper zielorientiert, der Gesichtsausdruck dem Ernst der Lage angemessen. Es hatten schließlich alle viel zu tun. Nur so im Caféhaus sitzen und vergnügt in die Luft oder den Mädchen nachschauen wurde zunehmend obszön. Man hatte eine Besprechung zu haben, die Nachrichten aus den Zeitungen zu saugen, sich wiederherzustellen für den Arbeitsprozess. Auf der Straße waren die Auslagen nutzbringend zu mustern, wer mehr als viermal die selbe Strecke - wie am südländischen Corso - auf und ab ging, war ein oberflächlicher Charakter, ein Tunichtgut, ein eitler Geck, der nur glotzt und sich zur Schau stellt. Bei aller vorgetäuschten Geschäftigkeit, der Corso blieb ein Bedürfnis, aber er verlagerte sich in die Foyers von Theatern, Kinos und Musikschuppen, das Sehen und Gesehen-Werden spezialisierte sich nach Gruppen und Interessen. Aber das Bedürfnis nach Allgemeinheit blieb.

Das Auto, ein wichtiges Selbstdarstellungsmittel, wurde aus den Zentren ausgesperrt, in den Fußgängerzonen waren wieder alle gleich und alle mussten Geschäftigkeit und Zielstrebigkeit simulieren. Der Gammler, der Herumhänger, der schnorrende Punk, sie wurden zum Feindbild. Die mussten weg von den Ruhebänken, auf denen niemand anderer ruhte, von den Stufen der Denkmäler, an denen niemand gedachte, von den öffentlichen Anlagen, in denen sich kaum einer erbaute und erholte. Nur die Beaufsichtigung spielender Kinder enthob etwas des Leistungsdrucks. Waren früher diejenigen arm, die arbeiten mussten, so sind nunmehr die bedauernswert, die arbeitslos (geworden) sind. Es gäbe ja genug Vergnügungen und Beschäftigungen, mit denen man sich angeregt die Zeit vertreiben könnte, von der Leihbibliothek bis zum Waldlauf, aber das ist in seiner konturlosen Beliebigkeit nicht attraktiv. Auch das Flanieren in der Stadt ist zur Arbeit geworden. Es ist anstrengend, Hektik zu produzieren, wenn der Tag lang ist. In der muselosen Gesellschaft ist der Müßige einsam, weil unproduktiv, hat er doch selten Partner für produktiven Müßiggang. Und in der Gesellschaft, der Öffentlichkeit, sind die Hervorbringungen seines Müßiggängers auch nichts wert, die hauptsächlich aus dem vor/gelebten Leben bestehen. Der Kaffeehausliterat mit seinen Wortschöpfungen des Augenblicks erzeugte einst geistige Öffentlichkeit, so ge/wichtig wie die verfließende Zeit. Und doch trugen gerade diese Gedankenblitze ganz wesentlich zur geistigen Atmosphäre bei, zur Aura, die eine Stadt zum geistigen Schwerpunkt machte.
 
Im Kino kann man ja noch zustimmend/ablehnend grunzen, lachen oder schmerzgeplagt aufstöhnen und ist dabei in der Öffentlichkeit des Publikums eingebunden, den Fernseher hingegen können wir anschreien, so viel wir wollen, dem ist alles wuascht. Vor diesem sitzen wir nun vereinsamt und bilden eine Empfangsöffentlichkeit ohne Erwiderung, in der restlichen Zeit füllen wir den Monitor unseres Rechners mit synthetischen Fragen und Antworten, aus denen jedes Leben gewichen ist: die abstrakte Öffentlichkeit einer fiktiven Gemeinschaft. In den Fußgängerzonen hat der Druck der Passanten schon längst nachgelassen. Man muss dort nicht mehr gewesen, um gesellschaftlich anwesend zu sein. Große Teile dieses ewigen Corsos fehlen nunmehr. Die haben sich eine neue Öffentlichkeit in den Einkaufsburgen an den Stadträndern geschaffen. Dort  sind die Teilnehmer unter sich und können viel leichter die erste Geige spielen. Inmitten der Warenangebote der aufgereihten Läden vergnügen sie sich in den Cafés und fühlen sich richtig und wichtig. Einkaufen ist zur größten Lustbarkeit geworden, Beute ausspähen, beobachten und eventuell erlegen, voll der Projektion, was mit dem Erbeuteten alles gemacht werden könnte. Wo sind die vielen Sportler, Heimwerker ..., die sich bei den Diskontern mit Ausrüstungen aller Art versorgen? Die Vorstellung des Augenblicks steht für den Vollzug. Noch nie konnte man sich mit so wenig Geld der Illusion einer sportlicher Betätigung hingeben.

Bei all dieser vordergründigen Befriedigung unserer Bedürfnisse, wir leiden an der Auflösung der Öffentlichkeit, unsere Sehnsucht gilt weiterhin der universellen südländischen Urbanität. Ein Mal im Jahr, wenn es zu Ende geht, wird für unsere Sehnsucht ein Steh-Corso eingerichtet. In den Zentren werden Buden aufgestellt und vor diesen ballen wir uns dann in der Kälte, das warme Glühweinheferl umklammernd. Endlich haben wir einander wieder, sehen und gesehen werden, reden miteinander oder wild durcheinander dank des Alkohols. In der kalten, dunklen Nacht des Dezembers haben wir doch wieder zu so etwas wie eine allgemeine Öffentlichkeit gefunden. Frohe Weihnachten!

Verfasser / in:

Gernot Lauffer

Datum:

Sun 23/12/2012

Das könnte Sie auch interessieren

Infobox

Gernot Lauffer wurde 1942 in Kitzbühel veröffentlicht, besuchte öffentliche Bildungseinrichtungen in Zell am See, Graz, Huben in Osttirol und Innsbruck sowie die öffentlichen Vorlesungen der TH Graz, machte mit Klaus Kada Archtitekturentwürfe auch durch Verwirklichung öffentlich und veröffentlicht nun schon seit Jahrzehnten die Zeitschrift STERZ, um abdruckbare Kreativeinfälle zu einem Thema öffentlich zu machen
Kontakt: zeitschrift@sterz.mur.at

Fotostrecke:

Kommentar antworten