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politicum 121 – baukultur und politik wurde am 29. April 2019 präsentiert.
©: STVP/Fischer

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Kommentar
"… und zwar von beiden Seiten her" (*)

Im Steinernen Saal des Landhauses drängte sich am Montag, den 29. April 2019, die steirische ÖVP-Politprominenz und einige Architektur- und Kulturschaffende, um der Präsentation des neuen politicums (Ausgabe 121) mit dem Titel baukultur und politik beizuwohnen. Die Herausgabe dieser periodisch erscheinenden Zeitschrift des Vereins für Politik und Zeitgeschichte, die jeweils einem aktuellen Thema und seinen politischen Bezügen gewidmet ist, wird vom Landtagsklub der Steirischen Volkspartei unterstützt, was einerseits die illustre Location erklärte, andererseits die naturgegeben ÖVP-dominierte Politik-Dominanz.

Klubobfrau LAbg. Barbara Riener hatte somit zunächst die diffizile Aufgabe der ordnungsgemäßen Begrüßung der anwesenden Granden, die sie aber mit der souveränen Grandezza einer kk Hofmarschallin erledigte. Danach wurde kurz die Gratwanderung angesprochen, die Politik zu erfüllen hat, um Baukultur aktiv zu fördern: Festlegung vs. Flexibilität, starrer Rahmen vs. Freiraum, Altes erhalten vs. Neues ermöglichen etc.
Dass als Beispiel für (aktuelle?) Baukultur der über 400 Jahre alte Steinerne Saal angesprochen wurde, war sicherlich weniger Versehen wie hellsichtige Diagnose der aktuellen Lage. Man könnte höchstens fragen, ob es um die Baukultur nicht besser gestellt war, als es das Wort noch gar nicht gab. Gerne hätte ich mich an dieser Stelle noch ein wenig über diesen Begriff unterhalten, allerdings hat das in fulminanter Art und Weise Anselm Wagner in seinem Beitrag Zur erstaunlichen Karriere einer Nazi-Vokabel im heutigen architektur-politischen Diskurs erledigt. Analog zu Michael Köhlmeiers Vorlesungen zum Thema Wir im Literaturhaus letzte Woche sieht man, wie gefährlich ein Wort sein und werden kann, in Bezug zu seiner historischen Konnotation und in seiner Funktion als inkludierender oder exkludierender Begriff.
Die Ehre des provokantesten Artikels im politicum 121 gebührt jedoch trotzdem Ferdinand Schuster, dessen Antrittsvorlesung an der TU Graz 1965 (!) im Reprint das Heft sozusagen beginnt.

Zwei der drei Herausgeber, Klaus Poier und Markus Bogensberger, hatten die nächste schwierige Aufgabe: In etwa fünf Minuten die grundlegende Intention des Heftes zu erläutern, die über 20 Beiträge des Heftes kurz vorzustellen und auch noch die großteils anwesenden AutorInnen zu begrüßen – in bester Speed-Dating-Manier ausgeführt hielt sich alles im Zeitrahmen.

Der dritte Herausgeber, Wolfdieter Dreibholz, wanderte zunächst durchaus anekdotisch durch seine Vergangenheit im Modell Steiermark, die mit wachsendem zeitlichen Abstand immer mehr zum Golden Age des offiziellen steiermärkischen Wohnbaus zu mutieren scheint, bevor er die aktuelle Beziehungskrise zwischen Architektur und Politik rundum ortete: Zunächst in der Ziviltechnikerkammer, deren verwaltungstechnische Seite die Beschäftigung mit Befugnissen, Regeln etc. die Zielrichtung Qualität in den Hintergrund dränge – zudem seien Kreative immer unbequem. Die Fakultät für Architektur ziehe sich mit der Entschuldigung, eine Massenuni zu sein, immer weiter vom Alltag, von der politischen Welt zurück, und würde ihre Verantwortung, eindeutig und entschieden Stellung zu beziehen, nicht mehr wahrnehmen. Die Politik selbst wiederum entwickle kein Programm, keine Vision zum Thema gebauter Raum: Als Bauherr von Schulen etc. würde die Verantwortung auf die damit überforderten Gemeinden abgeschoben, eine Reform des Lenkungsinstruments der Wohnbauförderung in Richtung Qualität wäre nach all den wohlgemeinten Workshops, Arbeitskreisen und Gesprächsrunden lange überfällig, und ein weiteres politisches Versagen sieht Dreibholz in der fehlenden Bodenbeschaffung, wo man am Beispiel Südtirol sehen kann, dass auch so etwas tatsächlich funktionieren kann, wenn man gemeinsam eine starke Vision trägt.
Architektur und Politik sollten in einer Dauerdiskussion stehen, das Gespräch müsse permanent von beiden Seiten gesucht und offen geführt werden, um eine gemeinsame Handlungsebene überhaupt erst aufzuspannen.

Als Abschlussredner des Abends konnte (oder musste) Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer zustimmen: Die Vorbildrolle, die die Steiermark vielleicht einmal eingenommen hatte, sei derzeit verloren. Zu viele wirtschaftliche Interessenskonflikte (Beispiel Holz vs. Ziegel) und auch die wachsende Disparität und Konkurrenz zwischen urbanen und ruralen Bereichen hätten Architekturvisionen auf- oder abgelöst. Inwieweit die ArchitektInnen ein „bisserl nachgelassen“ haben – in ihrem Handwerk oder als politische Unruhestifter – blieb leider offen.
Aber der Cliffhanger des Landeshauptmannes lautete: „Das Fundament ist da, aber wir brauchen einen neuen Anlauf...“.

War das ernst gemeint? Oder bleibt es bei „alles in allem ein gelungener Abend mit hervorragendem Buffet“? Wir sind gespannt.

(*) aus Ferdinand Schuster, Antrittsvorlesung, TU Graz, 1965, Reprint in politicum 121, Seite 15

Verfasser / in:

Sigrid Verhovsek

Datum:

Fri 03/05/2019

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Kommentare

mittlerweile ist der

mittlerweile ist der totalübernehmer auch im schulbau, eine der hauptpflichten der öffentlichen verantwortung, angekommen. vielliecht kann das der gute herr dreibholz dem herrn landeshauptmann, dem hermann, bei gelegenheit flüstern, es könnte doch ein klares bekenntnis zur planung und baukultur sein ohne dass er dafür geprügelt wird. es würde genügen dafür einen cafe-trinken zu gehen.

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 … und zwar von beiden Seiten her (*)

zur Präsentation von politicum 121 – baukultur und politik

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