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Bericht
Theoriegeleitete Projekte
Im Fokus: ENERGIE BAU KULTUR
Plädoyer für eine ressourcenorientierte, an Mensch und Umwelt gerichtete, nachhaltige Raumplanung
Die Zukunft der Planung – so meine These – liegt in einer Stärkung der Berücksichtigung einer empirisch-kulturwissenschaftlichen Analyse materieller und immaterieller Ressourcen, die zwar von globalen Strukturen beeinflusst, jedoch an einem konkreten Platz im Raum verortet sind. Nur so können Handlungspotenziale und die physische Welt für zukünftige Planungsaufgaben und Energiefragen nachhaltig nutzbar gemacht werden. Diese Art der Projektentwicklung nenne ich „Theoriegeleitete Projekte“. Die Planungsergebnisse können einerseits auf wissenschaftliche Methoden und Theorien gestützt werden und greifen andererseits auf schon vorhandene lokale Gegebenheiten zurück.Schon in der Renaissance wurde beispielsweise der Entwurf neuer Städte nicht von der Gesellschaftsordnung getrennt betrachtet, sondern als eine „Wissenschaft“ begriffen, die Gesellschaft und Entwurf als untrennbar miteinander verbunden verstand. Entsprechend ist die Geistesgeschichte der (Stadt-)Planung zugleich eine Geschichte des utopischen und des frühen soziologischen Denkens. (1)  Global anwendbare Planungskonzepte setzten sich als Folge der Industrialisierung und der damit verbundenen Bevölkerungsexplosion sowie mit dem Beginn der modernen Architektur als bestimmende Praxis durch. Man könnte sagen, die Räume unserer spätmodernen Zeit zeichnen sich wegen ihres Anspruchs auf Universalität durch eine Art Gedankenlosigkeit aus, die aus einem Übermaß an Ereignissen, Raumdiskursen und Individualisierung resultiert. Durch fortschreitende Individualisierung und gesellschaftliche Differenzierung entstehen zum Teil hybride Lebenskonzepte, die zwar lokal verortet sind, aber deren Probleme durch zunehmende Ausdifferenzierung nicht mehr durch globale Konzepte lösbar sind.

Die Menschen verlangen quasi selbst nach einem „differenzierten Blick“ in der Planung, durch den lokale Befindlichkeiten, soziale und räumliche Ungleichheit, neue Armut, Tendenzen der Verschwendung und Ähnliches erst erkennbar und beschreibbar werden. Die heutige Welt erfordert aufgrund ihres beschleunigten Wandels ein genaueres „Hinschauen“, einen fokussierten und fragenden Blick. Die Menschen verlangen nach einem neuartigen, methodischen Nachdenken über ihre jeweils eigene Art der Andersheit. (2) Um eine nachhaltige und energieeffiziente Raumplanung gewährleisten zu können, müssen Methoden und Theorien des Entwerfens mit Methoden und Theorien der Kulturwissenschaften insbesondere mit dem sogenannten „ethnologischen Blick“ verknüpft werden. Wie im philosophischen Diskurs der Phänomenologie geht es in der heutigen Planung vermehrt darum, „wieder das zu sehen, was Sache ist“, denn das Gemeinte zeigt sich so wie es gemeint ist und ist so gemeint, wie es sich selbst zeigt. (3)

Zukünftige Aufgaben an Planer und Planerinnen
Zentrale Fragen einer nachhaltigen Raumplanung sind: 1. Was sind prägende Handlungsstrategien im Planungsgebiet? 2. Wie stehen sie in Beziehung zum physischen Raum? und 3. Wie können diese unterschiedlichen Handlungspraktiken als Ressource berücksichtigt werden? Um differente Handlungsstrategien begreifen und sie als nachhaltige Grundlagen der Planung erkennen zu können, müssen zukünftig auch Planer und Planerinnen dem Fremden oder dem Anderen begegnen und sie müssen sich darauf einlassen, Unbekanntes zu verstehen. Entwürfe müssen auf Basis „Theoriegeleiteter Projekte“ entwickelt werden, das heißt auf Basis von Theorien und Methoden – die Praxis des Forschens, der Epistemologie und der Reflexion muss in die Grundlagen der Planung miteinbezogen werden, um den Umfang lokaler Ressourcen als Potenzial nachhaltiger Möglichkeiten erschließen zu können. Das meint: Sich auf materielle Ressourcen wie Gebäude, lokal vorhandene Materialien oder immaterielle Ressourcen, wie räumliche Charakteristika, (historische) Eigenheiten oder lokal tradierte Handlungspraktiken zu beziehen.

Nicht nur an planungsorientierten Universitäten werden Möglichkeiten einer „demokratischen“ Stadtentwicklung diskutiert, vor allem europäische Stadtentwicklungskonzepte sind damit konfrontiert, benachteiligte Stadtgebiete aufzuwerten, sich mit Hierarchien und den Problemen sozialer Inklusion und Exklusion auseinanderzusetzen. Unter dem Label „nachhaltige Entwicklung“ wird bereits auf wissenschaftlicher und international politischer Ebene diskutiert, wie besonders die Lokale Agenda 21 deutlich macht. Vor allem europäische Stadt- und Regionalentwicklungskonzepte sind damit konfrontiert, benachteiligte Stadtgebiete sowie Regionen aufzuwerten und sich mit dem Veränderungspotenzial sozialer Inklusion und Exklusion auseinanderzusetzen. Allen voran ist hier das Aktionsprogramm von Lille zu nennen, das eine europaweite Stadtentwicklung auch in Fragen der Forschung, Ausgewogenheit und Förderung benachteiligter Stadtgebiete postuliert. Im Nachfolgeprogramm Rotterdam Urban Acquis von 2005 geht es schließlich vor allem um strategische Schlüsselprinzipien einer gemeinsamen städtischen Entwicklung, wie zum Beispiel soziale Kohäsion und Umweltschutz, konstruktive Zusammenarbeit von BürgerInnen, ExpertInnen, Wirtschaft und KommunalvertreterInnen usw. In der Leipzig Charta (2007) wird schließlich eine umfassende Einbindung der Öffentlichkeit gefordert. Die Einbindung der Qualitativen Methode ist allerdings noch Neuland. Die neue LEADER Periode 2014–2020 eröffnet möglicherweise reale Chancen, die Ergebnisse endogener Raumentwicklung tatsächlich den Menschen zugutekommen zu lassen. In Zukunft wird es vermehrt darum gehen, dass sich die Planung in einem interdisziplinären Diskurs überlegt, wie wir in unsere Umgebung eingreifen und welche Anforderungen wir durch den Bau oder Umbau materieller Strukturen verantworten wollen.

Das Ergebnis Theoriegeleiteter Projektentwicklung bildet: 1. Ein nachhaltiges und benutzerorientiertes Instrument der endogenen Raumentwicklung. 2. Eine wissensorientierte Formulierung von Hypothesen bezüglich lokaler Räume (urbane oder rurale) als Felder kontingenter, aber politisch, ökonomisch und ökologisch widerstreitendender „place-making strategies“. (4) Die Akteure (Individuen, Institutionen, Betriebe) sind aufgefordert, ihre Handlungspraxen prozessual zu erneuern: Diese prozessuale Erneuerung von Handlungspraxen wird anhand qualitativer Gespräche mit BewohnerInnen sowie mit VertreterInnen von Institutionen und Betrieben erhoben und in Anlehnung an die „Grounded Theorie“ ausgewertet und interpretiert. Ergebnis sind Handlungspraktiken von lokalen Organisationen oder Individuen, die als Ressourcen des Lokalen definiert werden und als Entwurfsgrundlage dienen. Nachhaltigkeit ist in dem Sinn gegeben, als die entwickelten Konzepte lokale Bedingungen besonders hinsichtlich der Dauerhaftigkeit und der Ausgewogenheit sozialer, ökonomischer und ökologischer Beziehungen begreifen.

Theoriegeleitete Projektentwicklung am Beispiel Aflenzer Becken
Theoriegeleitete Projektentwicklung verfolgt das Ziel, die Logik von lebensweltlichen Verarbeitungsstrategien als Folge struktureller Veränderung für die Planung nutzbar zu machen. Konkret ging es in einem Forschungspraktikum des Studienjahres 2012/13 und einem anschließenden Entwurfspraktikum (5) um die Analyse dreier Gemeinden, nämlich den von der Eisenindustrie geprägten Ort Thörl, den ehemaligen Tourismusort Aflenz Kurort und den von der Landwirtschaft geprägten Ort Turnau. In diesem Projekt wurde danach gefragt, wie unterschiedlich diese Gemeinden und ihre EinwohnerInnen jeweils strukturelle Veränderungen verarbeiten und welche kollektiven und individuellen Handlungspraktiken daraus resultieren. Es sollten jene strukturellen und lebensweltlichen Ressourcen definiert werden, die dafür verantwortlich sind, dass eine Gemeinde den Strukturwandel schafft, eine andere Gemeinde aber dabei scheitert. Diese benachbarten, jedoch lebensweltlich, ökonomisch und historisch sehr differenten Gemeinden im rund 6800 EinwohnerInnen umfassenden, südlichen Bereich des Hochschwabmassivs (im nördlichen Teil des österreichischen Bundeslandes Steiermark) wurden auf der Grundlage qualitativer Methoden analysiert, um Einblicke in die subjektiv gelebten Bedeutungsgefüge lokaler Ressourcen zu bekommen.

Die hohe praktische Relevanz, sich erkenntnistheoretisch mit dem Thema Gemeinde auseinanderzusetzen, bezieht sich auf die z.T. prekäre Situation ländlicher Regionen. Die Intention unseres Projektes stützte sich auf die Frage, welche lokalen Übersetzungspraktiken durch global motivierte Strukturveränderungen ausgelöst werden. Gefragt wurde nach den Übersetzungspraktiken, mit denen auf lokalen Ebenen auf global motivierte Strukturveränderungen reagiert wird, und nach den sozialhistorischen und lokalen Gründen, die zu unterschiedlichen Anpassungsleistungen und zu derem subjektiven und objektiven Gelingen oder Nicht-Gelingen führen (6) (beziehungsweise wie dieses „Gelingen“ oder „Nicht-Gelingen“ von den BewohnerInnen definiert wird).

Lokale Eigenheiten als Ressource
Die Analyse der lokal unterschiedlichen Auswirkungen globaler Einflüsse gehört „zu den entscheidenden Fragen der Gemeindeforschung“. (7) Außerdem besteht eine Eigenart bzw. ein Charakter, der Gemeinden oder auch Städte auszeichnet und sie unverwechselbar macht. Der Charakter eines konkreten Ortes lässt Rückschlüsse auf das „lokale Wissen“ als Qualität und Ressource zu. Die unterschiedlichen sozialhistorischen und lebensweltlichen Hintergründe der drei Gemeinden Thörl, Aflenz Kurort und Turnau wurden aus kulturanthropologischer Sicht als wesentliche Bedingungen angesehen, um strukturelle Veränderungen überhaupt erfolgreich verarbeiten zu können. Im Projektvorhaben ging es also darum, herauszufinden, inwiefern (neue) Ökonomien integrale Identifizierungen zulassen, die Perspektivencharakter haben.

Es wurde von der Hypothese ausgegangen, dass alltägliche Handlungspraktiken, die auf dieses lokale Wissen zurückgreifen und die den Umgang mit aktuellen Szenarien wirtschaftlichen Niedergangs bedingen, in historisch fundierten Sinnkonstruktionen angelegt sind, die sich für die drei Untersuchungsgemeinden wesentlich unterscheiden: Während Thörl (1677 Einwohner) gegenwärtige Strukturveränderungen sozialhistorisch wie kulturell vor dem Hintergrund eines Arbeitnehmermilieus verarbeitet, bewältigt die Gemeinde Aflenz Kurort (1033 Einwohner) ihre z.T. globalen Anforderungen aus der Perspektive einer Tourismus- und Kurgemeinde. Turnau (1588 Einwohner) schließlich agiert hauptsächlich aus der Perspektive der Landwirtschaft und des Kleingewerbes.
Während Thörl in den letzten Jahrzehnten mit dem Einbruch der arbeitgebenden Industrie (Firma Pengg, Kabelhersteller, und Böhlau, Edelstahlindustrie im 15 km entfernten Kapfenberg) konfrontiert war, erlebt die Marktgemeinde Aflenz seit den 1970er Jahren den Niedergang seiner touristischen Infrastruktur. Von den Einheimischen als „sterbender“ Ort bezeichnet, brechen die Infrastruktur und das gesamte Gefüge ein. Turnau hingegen scheint als bäuerlich geprägte Gemeinde zu prosperieren und verdankt den Erfolg nicht zuletzt der Landwirtschaft und einer funktionierenden Mischung aus Klein,- Industrie-, Handels- und Tourismusbetrieben. (8)
Diese ortseigenen Charaktereigenschaften bilden insofern die Grundlage für Gelingensoptionen der aktuell nötigen Anpassungen, als die jeweils unterschiedlichen Handlungsstrategien auf früher erfolgreiche Praktiken zurückgreifen können. (9)

Folglich lautete der Ausgangsbefund, dass sich die drei genannten Orte, die nahe beieinander liegen, ganz wesentlich voneinander unterscheiden und somit je eigene Praxisformen als Antwort auf strukturelle Veränderungen entwickeln. Die Etablierung eines unverwechselbaren Charakters fungiert, wie es Bernhard Tschofen formuliert, zudem als notwendiges Erkennungszeichen, das auch als Potenzial, als eine „Macht des Lokalen“ innerhalb globaler Systeme interpretiert werden kann. (10) Dieses lokal verortete Potenzial von Individuen, Betrieben und Institutionen als regionale Ressource sichtbar zu machen, war Ziel des Projektes.

(1) Vgl. Gerd de Bruyn: Die Diktatur der Philanthropen. Entwicklung der Stadtplanung aus dem utopischen Denken. Braunschweig, Wiesbaden: 1996.
(2) Vgl. Marc Augé: Orte und Nicht-Orte. Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit, Frankfurt am Main: 1994, S. 46.
(3) Bernhard Waldenfels: Einführung in die Phänomenologie, München: 1992, S. 19.
(4) Vgl. Gisela Welz: Epistemische Orte: Gemeinde und Region als Forschungsformate, in Gisela Welz, Antonia Davidovic-Walther und Anke S. Weber (Hg.): Epistemische Orte: Gemeinde und Region als Forschungsformate, Frankfurt am Main: 2011, S. 9–19, hier S. 15.
(5) Das Forschungspraktikum wurde mit Studierenden der Kulturanthropologie (Universität Graz) durchgeführt, das Entwurfspraktikum mit Studierenden der Architektur (TU Graz).
(6) Die Fragestellungen wurden gemeinsam mit Elisabeth Katschnig-Fasch im Herbst 2011 entwickelt.
(7) Vgl. Johannes Moser: Gemeindeforschung in der Spätmoderne, in: Schweizerisches Archiv für Volkskunde, 98, 2002, S. 295–315, hier S. 298.
(8) vgl. dazu die Ortsmonographien von Thörl, Aflenz Kurort und Turnau von Josef Riegler.
(9) Elisabeth Katschnig-Fasch: Möblierter Sinn. Städtische Wohn und Lebensstile. Wien 1995, S. 85.
(10)  Vgl. Bernhard Tschofen: Vom Geschmack der Region. Kulinarische Praxis, europäische Politik und räumliche Kultur – eine Forschungsskizze, in: ZV, Jg. 103, 2007/II, S. 169–196, hier S. 174.

Verfasser / in:

Manfred Omahna

Datum:

Wed 08/01/2014

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Im Fokus:
ENEGIE BAU KULTUR

Zum Thema "Theoriegeleitete Projekte" wurden im Studienjahr 2012/13 ein Forschungspraktikum (Kulturanthropologie, Universität Graz)  und im Anschluss ein Entwurfspraktikum1 (TU Graz) abgehanlten, bei denen es um die Analyse dreier Gemeinden, nämlich den von der Eisenindustrie geprägten Ort Thörl, den ehemaligen Tourismusort Aflenz Kurort und den von der Landwirtschaft geprägten Ort Turnau ging.

Manfred Omahna, Mag.phil. DI. Dr. Geb. 1970. Studium der Kulturanthropologie, Geschichte und Philosophie an der Karl-Franzens-Universität Graz und Studium der Architektur an der Technischen Universität Graz. Lehrbeauftragter an der KF-Uni Graz und an der TU Graz.

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