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Kanalinsel Guernsey, St.Peter Port, Castle Cornet, 2015
©: Archiv Eugen Gross

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Sonntag
Stadt in Bewegung / Teil 2
Learning from London and Beirut

Die heutige Verbauung von Beiruts downtown weist neben der Rekonstruktion historischer Bauten das Bild einer zeitgnössischen Moderne auf, die sich auch in der Beauftragung bekannter europäischer und internationaler ArchitektInnen zeigt. Zaha Hadid baute innerhalb der Amerikanischen Universität ein dynamisch erscheinendes Institutsgebäude in Sichtbeton. Herzog und de Meuron realisieren gerade einen plastisch strukturierten Hochhaustower, der deutliche Elemente der Begrünung im Sinne einer aktuellen Green Architekture zur Schau trägt. Dabei wird den Anforderungen des lokalen Klimas deutlich besser entsprochen als bei anderen Hochhaustürmen, die als Bürohäuser auf vollständige Klimatisierung angewiesen sind.
Die Küstenlinie auf überwiegend neu gewonnenem Terrain wird als Freizeitzone erschlossen, die in niedriger bis mittelhoher Bebauung Hotels, Resorts, Restaurants und Marinas aufweist. In allen diesen baulichen Interventionen ist bei temporärer Nutzung eine Zeitstruktur baulich wirksam, die bei starker Funktionsmischung besonders die Ausrichtung auf das Meer als TIME PATTERN einem kleingliedrigen Netzwerk verdankt.

Zur machttheoretischen Dimension
Die Antwort berührt grundsätzlich die Frage, wie städtebauliche Vorstellungen politisch durchsetzbar sind. Im Falle von Beirut nach 15 Jahren Bürgerkrieg, der zugleich durch ausländische Interessen der Einflussnahme (teilweise Besetzungen des Landes durch Syrien und Israel als Folge der palästinensischen Einwanderungswelle 1969) gekennzeicnet war, ist bemerkenswert, dass sich die Kriegsparteien als verfassungsmäßigen Kompromiss ihrer Gründung eines autonomen Staates 1943 besannen. Damit war ein seit den 20er-Jahren bestehendes französisches Mandat zu Ende gegangen, das eine starke Bindung zum Westen herbeiführte und im ausgereiften Bildungswesen nachhaltige Spuren hinterließ.
Dieser politische Grundkonsens war die entscheidende Voraussetzung für den Willen zum Wiederaufbau von Beirut, der ab 1990 einsetzte. Die inhaltliche Basis bot französisches Know-how zur Erstellung eines Masterplans, der sich in Entsprechung der lokalen Voraussetzungen keiner funktionalistischen Doktrin verschrieb, sondern der Komplexität der historischen Stadt entsprechen sollte.

Einem ersten Touristenführer nach der Bürgerkriegsära entnehme ich den Satz: „In Beirut the unwary traveller is led round in ever-decreasing circles because the names used locally for places are not the names in your map, whatever language your map is in“.  Diese Aussage vermittelt, dass die Stadtnutzer, Bewohner oder Gäste, ihre räumlichen Erfahrungen in einem Zeitmuster, eben TIME PATTERN, machen. In enger werdenden Kreisen dringen sie in die Stadt ein, was darauf hindeutet, dass die Stadtstruktur unter dem Aspekt der Kommunikation sich in enger werdenden Maschen, was besonders auf eine orientalische Stadt zutrifft, entwickelt. Die Analogie zu einem Fluss ist naheliegend, der von einem zielgerichteten Oberlauf sich in einer Mäandrierung im Tal ausbreitet, wobei sich das Land den Fluss aneignet. Dem entspricht eine Abschwächung der Fließgeschwindigkeit, was auch auf das städtische Verkehrssystem anwendbar ist.

In diesem Sinn spiegelt Stadtentwicklung ein Wechselspiel von Beherrschung des Raumes durch ein technisch differenziertes Infrastruktursystem, das sich über Transformationspunkte, Plätze und Freiräume unterschiedlicher Funktionsbestimmung, und den Verhaltensweisen der Bewohner, die sich den Raum aneignen wollen, ausbreitet. Bereits die Stadt kann die Schwellen des Übergangs von Öffentlichkeit zu Privatheit anbieten. Dies geschieht in kommunikativen Nischen, die verschiedene kulturelle Ausrichtung aufweisen können.

Diese TIME PATTERN als zeitgesteuerte Transformationsprozesse lassen dabei Erfahrungen aus der Vergangenheit in die Visionen der Zukunft münden. Die Gegenwart fordert dabei die Entscheidung heraus, welche neue Ansprüche aus den vollzogene Zyklen an einen kurz-, mittel- oder langfristigen Zukunftsentwurf gestellt werden. Wie im „sand-glass-tree“, einem Stammbaum in der Genealogie, die Generationenwechsel als Einschnitte und Ordnungsdaten dargestellt werden.
Urbanität ist ein fragiler Zustand, der nicht ein für alle Mal aufrecht erhalten werden kann. Als Anspruch muss er immer wieder gestellt werden, mit jeweils anderen Mitteln. Beirut hat die Mäandrierung der Zeit als Chance angenommen, auch wenn die Stadt in der Überwindung alter Hemmnisse wie die schrankenlose individuelle Mobilität erst auf dem Weg ist. Ein hochrangiges Schnellbahnsystem nach dem Vorbild Japans sollte als lineares Bewegungsmoment im Gegensatz zu den urbanen Schleifen die ausgedehnten Stadt wieder zusammenwachsen lassen.

Die Mahnung aus dem Stadtführer, dass die Nennung von Orten einer Missdeutung unterliegen kann – in der Unterschiedlichkeit von Bezeichnungern und Plänen – enthält zugleich die Chance, die Aneignung der Stadt als poetischen Akt anzusehen, der eine besondere Atmosphäre erleben lässt.

Learning from Beirut – Larning everytime – Learning everywhere.

(1) Ludger Schwarte, Über die Erfahrung der Architektur - Eine Auseinandersetzung mit Michel Foucault, Vortrag bei der Österreichischen Gesellschaft für Architektur, Wien, am 19.02.2016

Verfasser / in:

Eugen Gross

Datum:

Sun 17/04/2016

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zu urbanen Entwicklungen.

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