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Theo Deutinger bei der Eröffnung der Ausstellung 'Handbook of Tyranny' im HDA – Haus der Architektur Graz.
©: Emil Gruber

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Rezension
Spielräume der Macht

Aktuell umfasst die Liste der von den Vereinten Nationen anerkannten Staaten der Erde 195 Länder. Wer die österreichische Staatsbürgerschaft hat, braucht vor Antritt einer Reise für den Besuch von 164 Staaten kein Visum. Freifahrt-Spitzenreiter in einer aktuellen Tabelle sind derzeit die Vereinigten Arabischen Emirate mit 167, knapp gefolgt von Deutschland mit 166 visumsfreien Zutritten. (Nicht berücksichtigt sind hier Visa, die bei der Einreise ins Land vor Ort im Regelfall recht unbürokratisch ausgestellt werden. Das gilt bei allen Zahlen hier ungefähr für ein Viertel der Staaten).
Ein afghanischer Staatsbürger hat gerade einmal 29 Staaten im Angebot, in die er ohne vorherige Formalitäten an der jeweiligen Botschaft, spontan einreisen könnte. Irak mit 32, Pakistan mit 35 und Syrien mit 36 komplettieren diese auch klar geopolitische Aussage.
Das vor einem Jahr erschienene Handbook of Tyranny des Architekten Theo Deutinger trägt einen martialischen Titel. Der Versuch, einen Überblick über staatliche Maßnahmen zu geben, die sich mit Kontrolle, Überwachung, Grenzschutz auseinandersetzen, zeigt aber nicht nur brachiale Ergebnisse auf. Er weist auch auf subtile Eingriffe der politischen Verantwortlichen hin, die Verhaltensweisen, Bewegungsmuster oder die Nutzung von öffentlichen Räumen steuern.
Im Grazer Haus der Architektur hat Deutinger zusammen mit Brendan McGetrick eine auf dem Buch basierende Ausstellung gestaltet. McGetrick ist Direktor der Global Grad Show in Dubai. Jedes Jahr werden in einer Messe die neuesten Resultate weltweiter, studentischer Kreativität in Design und in neuen Technologien präsentiert.
Der Ausstellungsraum des HDA wurde für die Schau zu einem komplett geschlossenen Behältnis. Nur ein schmaler Eingang und am Ende des Parcours wieder ein Ausgang durchbrechen die Holzkonstruktion. Beim Ausstellungsinhalt haben sich die Ausstellungsmacher auf Maßnahmen beschränkt, die sich um die Freiheitsgrade von menschlicher Bewegung drehen. Der klaustrophobische Rahmen verstärkt die Visualisierung dieser sechs von zwölf Kapiteln aus dem Buch.
Nach dem Eingang weist ein erstes Tableau auf die Ausdehnung von menschlicher Reichweite durch technische Entwicklungen hin. Konnte ein geübter Werfer in einer Vorzeit maximal auf 150 Meter Distanz sein Ziel treffen, erschoss 2017 beim Kampf um Mosul ein kanadischer Scharfschütze mit seinem Highend-Gewehr einen Kämpfer des Islamischen Staates in unfassbaren 3,5 Kilometern Entfernung.
Am Boden aufgetragene rote Rahmen weisen auf die unterschiedlichen Mindestmaße von Gefängnissen hin. Geben Zellen in manchen asiatischen Staaten mit Vorgaben von 2 Quadratmetern einem Insassen nicht einmal die Möglichkeit, sich auszustrecken, bieten viele westeuropäische Normen mit 9 bis 12 Quadratmetern ihrem Häftling deutlich mehr „Beinfreiheit“ an.
Eindrucksvoll skizziert die schon erwähnte „Hitliste“ der weltweiten Reisefreiheit das massive Ungleichgewicht in der Möglichkeit, sich die eigene kleine Welt zu einer etwas größeren zu machen. Neben den nackten Zahlen zeigen kleine Landkarten, wo sich am Globus die einzelnen visafreien Länder befinden.
Handbook of Tyranny zeigt uns, wie vielfältig Nutzdesign bei Mauern oder Grenzzäunen eine Rolle spielt, wie ganze Stadtviertel unter Aspekten eines möglichen Anschlagsszenariums umgestaltet werden.
Aber nicht nur Terroristen werden als Bedrohung eines wohlsortierten Stadtraums gesehen. Die Stadt muss auch vor Aktivisten, Jugendlichen, Obdachlosen, Bettlern, Sprayern und natürlich auch Drogendealern sowie anderen Feinden von innen geschützt werden.
Viele dieser Maßnahmen werden, wenn überhaupt, erst auf dem zweiten Blick sichtbar. Eine Sitzbank mit Lehnen auch zwischen den Sitzflächen gibt einem sich dort Niederlegen keine Chance. Eine leicht geneigte Fläche verhindert ein Abstellen von Getränken oder ein Sitzen vor Geschäftsauslagen. Lautsprecher übertragen an neuralgischen Plätzen Störgeräusche in einer Frequenz, die nur für junge Leute hörbar ist. Laternen werden mit Materialien beschichtet, an denen keine Sticker mehr haften. Wände werden mit Farben gestrichen, die ein Graffito leicht wieder entfernen lässt.
Aber es gibt auch gute Nachrichten von der bürgerlichen Front. Seit japanische U-Bahn-Stationen in ein spezielles blaues Licht getaucht wurden, sind die traditionell hohen Selbstmorde bei einfahrenden Zügen deutlich zurück gegangen. Im HDA leuchtet das WC während der Ausstellung in einem solchen Licht. Auch wenn Architekten normalerweise nicht zu den besonders suizidgefährdeten Berufsgruppen gehören.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Thu 21/03/2019

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Spielräume der Macht

Zur Ausstellung
Handbook of Tyranny

bis 26. April 2019
Di-So, 10:00 – 18:00 Uhr
HDA - Haus der Architektur
Mariahilferstraße 2, 8020 Graz

Im Rahmen der Ausstellung findet am 20.03.2019, 19 Uhr, im HDA ein ARCH+ feature statt.

Buch
Theo Deutinger
HANDBOOK OF TYRANNY
Mit einem Essay von
Brendan McGetrick
Design: Theo Deutinger
21 × 29,5 cm, 160 Seiten
987 Bilder, Hardcover, 2018
ISBN 978-3-03778-534-8
Englisch
, EUR 30,90

Erhältlich im gut sortierten Buchhandel und im HDA

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