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LES PALETUVIERS. Ein Bekenntnis zum gemeinschaftlichen Wohnen nach einem Konzept, das der Architekt Fritz Matzinger vor 35 Jahren erdacht und erprobt hat und seither oftmals vervielfältigen konnte.

Ausgewählt von Karin Tschavgova zum Motto „Gemeinsam statt einsam“, dem Thema des HDA-Programms für die Jahre 2008 und 2009.

LES PALETUVIERS (Wurzelbaum)

Eben weil die Baukunst, weit mehr als die anderen bildenden Künste,
eine soziale Schöpfung ist und bleibt, kann sie im spätkapitalistischen Hohlraum nicht blühen. Erst die Anfänge einer neuen Gesellschaft ermöglichen wieder echte Architektur,
eine aus dem Kunstwollen konstruktiv und ornamental durchdrungene.
Ernst Bloch

Architektur bildet die Schönheit gesellschaftlicher Beziehungen, sie entwirft Vorstellungen des Lebens, an denen sich die Freude an der Meisterung des Schicksals ausspricht. F.u.H. Möbius (1974)

Entwicklung
1973 hatte ich zwar bereits eine neue wunderschön gelegene 120 m2 Wohnung direkt an der Donau, mitten in Linz. Der Wohnungsbedarf war sozusagen gedeckt.
Warum also dann die Suche nach einer Alternative?
Die bekannten physikalischen dreidimensionalen Ansprüche an die Wohnung (vier Wände und das Dach über dem Kopf) waren wohl ausreichend erfüllt. Statistisch gesehen ein Wohnungswerber weniger. Die ”Behausungsfrage” (F.Neutra) war aber doch scheinbar und real in diesem Fall nicht zufriedenstellend gelöst. Es war ein Wohnbau bar jeder Philosophie.

Erst durch die Berührung mit der Dritten Welt, der verwandtschaftlichen Beziehung zu einem Psychologen, dem Studium der Berichte von der Kommunebewegung aus Dänemark und Holland, entstanden dann in mir unter den starken sozialen Eindrücken eines Aufenthalts an der Elfenbeinküste sehr spontan die Ideen zu einem neuen Wohnkonzept mit der metapherartigen Bezeichnung Les Palétuviers (zu deutsch: Wurzelbaum, eine Art Mangrove).

Der Leitgedanke war und ist seit damals unverändert: das nachbarschaftliche, soziale Wohnen in einer überschaubaren Gemeinschaft:
Eine Hausgruppe um einen gemeinsamen ”Dorfplatz”, dem winterfesten Atrium, überdacht mit einem mobilen Glasdach, im Sommer als offener Hof, im Winter als attraktiver Raum für Spiel, Sport, Feste - Begegnungsort, also ganzjährig nutzbar als ”lebendiges Herz” der Anlage.
Kommunikationsfördernd sollte auch ein Schwimmbad, eine Sauna und eine gemeinsame Küche integriert sein.
Von Anfang an war aber sehr wohl die Wahrung der Intimsphäre der Familie, der Rückzugsbereich neben den vielen attraktiven Gemeinschaftseinrichtungen für jeden Bewohner unumstritten - hier wurden Erfahrungen aus Dänemark umgesetzt.

Experiment
Das Experiment begann 1975 mit der Errichtung der ersten Siedlung in Linz-Leonding. Die Vision sollte Wirklichkeit werden. Die Gunst einer staatlichen Förderung wurde uns mit dem unergründlichen Argument verwehrt „ob das wohl funktioniere, man müsse das Ganze erst einmal ausprobieren“ (Bruno Kreisky, 1975).
Eine Ironie des Zufalls wollte es, dass zur gleichen Zeit auch die beiden 20-geschoßigen Arbeiterwohntürme der VÖEST (im Standard als Wohnbau-Super-Gau bezeichnet) errichtet wurden, die mit viel Polit-Publicity und Steuergeld 2003 wieder abgerissen wurden.

Abgesehen von der im ersten Entwurf von Les Palétuviers vorgesehenen gemeinsamen Küche (nach der alten Idee des Einküchenhauses), die nie in der geplanten Form umgesetzt wurde, ist das Konzept bis heute unverändert und hat seine Nagelprobe, auch nach nunmehr 33 Jahren betrachtet, bestanden.
Dabei wurde uns erst in Laufe der Zeit wirklich die ganze Tragweite des Konzepts bewusst, welche Vielfalt an Chancen darin verborgen liegen:
dass das Modell nicht nur für junge Familien mit Kindern Lebensqualität liefert,
dass es den benachteiligten Alleinerziehenden hervorragend ein soziales Netz bietet,
dass es für die problemlose Integration von Ausländern funktioniert und - ganz aktuell -
dass es für unsere alten Mitmenschen ein lebenswertes soziales Zuhause sein kann.

Dass das Zusammenrücken der Häuser alleine schon vom planerischen Ansatz, ohne zusätzliche Investitionen, ein enormes Energiesparpotential aufweist, ist ein wirklich glücklicher Nebeneffekt, den wir eigentlich auch im Städtebau schon viel früher erkennen hätten müssen. Die energiepoltisch gewaltige Last der Sprawls unserer Städte wird uns sicher sehr bald massiv zu schaffen machen, ganz abgesehen von der darin verborgenen sozialen Zeitbombe (siehe Standard 31.5.2004, Christoph Chorherr).

Entgegen vieler anderslautender Prophezeiungen wohne und arbeite ich noch immer in diesem allerersten Prototyp in Leonding (Fertigstellung Ende 1975). Das hat für mich den großen Vorteil, dass ich das Experiment am eigenen Leib erlebe. Meine Erfahrungen fließen als Rückkoppelungseffekt ständig in die laufenden Planungen ein.
Auch wenn ich selbst in der Beurteilung von Les Palétuviers nicht unbefangen bin,
so stimmen doch die Ergebnisse der vielen Forschungen über diese Projekte, und vor allem die Reaktionen der Bewohner, insgesamt sehr positiv.

In Graz-Raaba, am Silberberg, wurde 1979 die zweite Siedlung dieser Art, mit 24 Wohneinheiten um drei Höfe, fertiggestellt. Inzwischen gibt es in Österreich und Deutschland 19 Siedlungen nach diesem Konzept und weitere in Österreich (Graz und Linz) und in Tschechien (Prag) sind in Vorbereitung. Die höchste Anerkennung erhielt die Siedlung in Baden-Württenberg mit dem mit 100.000 DM dotierten Karl-Kübel-Preis. Das Preisgeld wurde den Bewohnern mit der Auflage gestiftet, damit eine Photovoltaikanlage zu installieren.

Was in diesen Siedlungen passiert, entspricht in etwa den Forderungen von Erwin Ringel, der bei einem Architektursymposium in Bad Ischl sagte: “Kommunikation und Begegnung sind absolute Notwendigkeiten. Die menschliche Entwicklung ist ohne Gemeinschaft nicht möglich. Alles was der Mensch tut ist darauf ausgerichtet, dass er nicht allein ist. Wenn man Wände zwischen Menschen aufrichtet, wird das die Entfremdung fördern. Man kann sich öffnen, ohne aufgefressen zu werden”.

Die Realität
Der Mensch ist nach Eberhardt Richter ein soziales Wesen und nur die Umweltbedingungen verändern ihn. Deshalb muss davon ausgegangen werden, dass dieses Modell nicht von Jedermann angenommen werden kann. Es ist ein Modell für offene, tolerante und kommunikative Menschen, die neben dem gebauten Wohnumfeld auch die dort lebenden Menschen als Teil des Ambientes verstehen. Deshalb halte ich es für wichtig, bei der Zusammensetzung dieser Wohngruppen mit Sorgfalt und Erfahrung umzugehen.

Wir wissen aus gebauten Beispielen, daß kommunikative Architektur nicht automatisch eine Nachbarschaft entstehen läßt,
a) sie kann nur Hemmschwellen beseitigen,
b) sie kann nur Chancen ermöglichen,
c) sie legt nur gleichsam einen Keim in den Humus. Gegossen und gedüngt muss der Keimling naturgemäß werden. Hier kann ich mich der Meinung von Sir Winston Churchill nicht ganz anschließen wenn er meint: Zuerst formen wir die Häuser und dann formen die Häuser uns. Nicht auszudenken, wenn unsere Gesellschaft tatsächlich so aussehen würde wie der Großteil der Städtebauproduktion unserer Zeit.

Auch bei der Projektsgröße sind andere, ethnologische Maßstäbe anzulegen, von denen man nicht abweichen darf. Schon bei den ersten großen Gemeinschaftshäusern im 19.Jahrhundert im Norden Frankreichs, der Wohnanlage Familistére von Joan Baptist Godin in Guise, musste man diese wesentliche Erfahrung machen, die die Ibans auf Borneo als überlieferten Erfahrungsschatz längst kannten.
Will man Nachbarschaften fördern, darf die Gruppengröße eine bestimmte ”humane Größe” nicht überschreiten, dafür sind wir nicht konditioniert.
Im Gegensatz dazu dürfen die Gruppengrößen auch nicht zu klein sein, dann wird die Gemeinschaft zur Belastung und konfliktträchtiger, sie wird immer eheähnlicher und Probleme wirken sich stärker auf die Gemeinschaft aus.

Ein ganz wichtiger Aspekt ist die Tauglichkeit von Gemeinschaftseinrichtungen.
Raymond Unwin und Barry Parker (zwei Architekten der Gartenstadtbewegung) haben uns schon 1901 darauf hinwiesen, dass nur sorgfältig gestaltete Gemeinschaftsräume auch wirklich angenommen werden. Lieblose Resträume im Keller oder Dachgeschoß sind dazu völlig ungeeignet und sind nur sinnlos vergeudetes Kapital.
Politisch gab und gibt es leider keine erkennbare Absicht, solche Räume finanziell zu fördern, obwohl sie einen nicht zu unterschätzenden gesellschaftlichen Wert besitzen.
Alleine zwei Hinweise mögen dazu schon ausreichen, den nachweislichen Nutzen dieser Gemeinschaftsräume zu veranschaulichen:
_ Die soziale Entwicklung der in diesen Siedlungen geborenen Kinder gegenüber solchen aus normalen Wohnformen ist schätzungsweise ein Jahr voraus.
_ Nachbarschaft und Gemeinschaft beeinflussen nach den Forschungen von Prof. Strozka in den 50iger Jahren die Stabilität der Familien. ”Fehlenden Nachbarschaftsbeziehungen” machen Familien zunehmend instabil.

Forschung
Mein Forschungs-Interesse liegt im Studium der weltweit vielfältigen, und vor allem nach wie vor gelebten gemeinschaftlichen Wohnformen, die primär noch in den unterentwickelten Ländern vorhanden sind und in den von dort zu bekommenden Informationen und Erfahrungen der Bewohner z.B. aus den chinesischen Erdsiedlungen in Henan und Shannxi, den berühmten Wohnanlagen der Hakkas in Fujian (neuerdings UNESCO-Weltkulturerbe), oder den Langhäusern der Ibans in Sarawak auf Borneo,
aus den Siedlungen in der Casamance in Südsenegal u.s.f.

Und letztlich natürlich das Wichtigste, das eigene Erleben und die Erfahrungen durch das Wohnen im Prototyp, das Wohnen im Experiment 1:1 - dem ”Les Palétuviers 1” .
Stellvertretend für die vielen Rückmeldungen von Bewohnern sei hier ein Brief zum 30-Jahr Fest im Les Palétuviers 1 von einem dem Atrium entwachsenen Kind zitiert:
„.........für mich ist diese Wohnform elementarer Bestandteil meiner Identität geworden. Auch wenn ich mich fernab davon durch die Welt bewege, der Traum kommunikativer Wohnformen holt mich immer wieder ein. Was ich hier schreibe, ist daher eine Liebeserklärung an das Atrium und seine Bewohner.....”.

Gedanken an die Zukunft:
Die Zeit der Entstehung dieses Wohmodells war geprägt durch eine in den 68iger Jahren entstandene Aufbruchsstimmung, eine Bereitschaft, alle Dinge des Lebens in Frage zu stellen und neu zu überdenken. Damit war der Weg vollkommen offen für Utopien und in der Folge für gänzlich neue Antworten.

Der Zugang zu neuen Wegen kommt heute von der pragmatischen Ecke, ich meine, er kommt von der unbedingten Notwendigkeit
* Energie sparen zu müssen (nicht nur im Hochbau, viel wichtiger noch im Städtebau)
* die Umwelt/Gesundheit schützen zu müssen,
* gesellschaftlich das Altenproblem bzw. der integrativen Versorgung alter Menschen lösen zu müssen

Daraus erklärt sich mir der aktuell starke Trend zu gemeinschaftlichen Wohnformen in Deutschland und den USA und ein Revival auch bei uns in Österreich.
Die Ergebnisse unterscheiden sich nicht allzu sehr von jenen aus den 70iger Jahren -
damals waren die jungen Bauherrn Utopisten, heute sind sie Realisten, die ihren Traum in dieser zukunftsträchtigen Form verwirklichen wollen.

Zwei Zitate als eine Art Epilog
Philip Langdon schreibt 1994 in ”A better place to live”:
Wenn ein Phänomen die westliche Gesellschaft in wachsendem Maße prägt, so ist es die zunehmende Individualisierung in allen Lebensbereichen. Sie führt im Extrem zu einer Atomisierung der Gesellschaft.
Amitai Etzioni meint 1995 in dem Buch “Verantwortungsgesellschaft”:
“Ohne gemeinschaftliche Bindungen und geteilte Werte führen die garantierten Freiheitsrechte des Individuums zu verantwortungslosem Handeln
und untergraben somit die Solidargemeinschaft sowie die Demokratie.

Dieser Text ist eine Abwandlung und Erweiterung eines Vortrags, den Fritz Matzinger 2000 im MAK hielt.

Fritz Matzinger ist Architekt in Linz.

Verfasser/in:
ausgewählt von Karin Tschavgova zum Motto "Gemeinsam statt einsam"

Datum:

Sun 01/06/2008

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