sonnTAG 212

Vom Leben in einem Kampung.

Ein Bericht vom Leben und Arbeiten einer deutschen Architektin in Jakarta.

Teil 2

Zwischen den Welten

Ich lebe inzwischen seit einigen Wochen im Kampung Kalipasir, einer der unzähligen informellen Armensiedlungen in Jakarta. Und der Kontrast zwischen meinen Wohn- und Arbeitswelten könnte kaum größer sein. Morgens mache ich mich mit dem Taxi auf zur Universität Trisakti und unterrichte ausschließlich Stundenten aus besten Kreisen. Die monatliche Studiengebühr entspricht in etwa meinem indonesischen Gehalt. Als ich den Studierenden erzähle, dass ich in einem Kampung lebe, denken sie, das sei ein Scherz! Die allermeisten kennen einen Kampung, wie sie sagen, höchstens vom Durchfahren.

Bei mir hat sich jedoch erstaunlich schnell ein Gefühl von Zuhause oder Zugehörigkeit eingestellt – ich habe ja auch nicht wirklich eine Wahl. Die miserablen hygienischen Zustände, wie offene Abwasserkanäle, Gestank, Ungeziefer im und ums Haus werden schnell zur Normalität. Doch dank der starken sozialen Kontrolle bin ich inzwischen als Kampungbewohnerin akzeptiert. Konkret heißt das, dass ich mich tagsüber zu Fuß überall, auch ohne lokale Begleitung, sicher bewegen kann. Auch meine anfänglichen Bedenken, dass es vielleicht nicht gerne gesehen wird, wenn ich fotografiere, sind schnell vom Tisch. Alle - aber besonders die Kinder - haben ganz offensichtlich Spaß daran. „Mister, Photo!“, rufen sie mir schon von weitem zu und die Ergebnisse auf dem Display lösen regelrechte Lachsalven aus. Schwieriger ist der Umgang mit den Jugendlichen des Kampung (wobei nur Burschen auf den Straßen zu sehen sind). Ihr Übermut kann leicht kippen und viele von ihnen haben ein Drogenproblem.

Die Selbstverwaltung des Kampung

Eines Abends rege ich mich ziemlich auf über eine Gruppe Jugendlicher, die über Stunden einen Höllenlärm vor ihrem „Tonstudio“ veranstalten. Ich denke mir, da geh´ ich doch mal vors Tor und bitte sie, etwas leiser zu sein. Isah, unser Hausmädchen hält mich gerade noch auf. Sie ist regelrecht ängstlich. „Das kannst du nicht machen!“ „Warum nicht?“, frage ich. „Das ist gefährlich. Das muss Bunda (die Hausbesitzerin) mit dem RT besprechen.“ Doch wer oder was ist dieser RT?

Städtische Kampungs waren früher völlig selbst verwaltet und hatten keine Schnittstelle zur Stadtverwaltung bzw. zur Regierung, doch wegen der zunehmend schlechter werdenden Verhältnisse in den Siedlungen (Abwässer, Brandgefahr, Kriminalität, Seuchengefahr usw.) wurden Mitte des 20. Jahrhunderts neue Formen der Administration eingeführt. Sie sind eine Mischform der Hinterlassenschaft des Kolonialverwaltungssystems der Holländer und dem Verwaltungssystem der japanischen Besatzungsmacht. Außerdem spielen hier die traditionell streng vertikalen Hierarchien und das indonesische Prinzip des ´Mufakat´, der Übereinstimmung in jeder Entscheidungsfindung, eine große Rolle.

Der RT (Rukun Tetangga = Nachbarschaftseinheit) ist die kleinste Selbstverwaltungseinheit in einem Kampung. Mehrere Familien in einer Straße wählen den RT, der Mann oder Frau sein kann und ehrenamtlich tätig ist. Mehrere RT unterstehen dann einem RW (Rukun Warga = Nachbarschaftseinheit). Zu den Pflichten der RT und RW gehören unter anderem die ´Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung und die Überwachung von Bevölkerungsaktivitäten´, wie es offiziell heißt.

So wird meine Beschwerde wegen Lärms also durch unsere Vermieterin dem RT vorgetragen, der sich mit den Jugendlichen bespricht. Diese versprechen Besserung, was der RT wiederum unserer Vermieterin berichtet. Es kann also keine Rede davon sein, dass die Möglichkeit besteht, Unstimmigkeiten durch ein nachbarschaftliches Gespräch ´über den Zaun hinweg´ zu beseitigen.

Auch als unser Nachbar ganz unerwartet verstirbt, wird die Nachbarschaftseinheit (RW) aktiv. Die Kinder der Nachbarschaft basteln gelbe Trauerfahnen, die in der Umgebung des Hauses aufgehängt werden. Der RW stellt für Anlässe wie diese oder auch politische Versammlungen Tische und Stühle in ausrechender Zahl zur Verfügung. Trotz des traurigen Anlasses sehe ich viele lachende Gesichter. Ich stelle wieder einmal fest, dass die Menschen hier mit Krankheit und Tod ganz anders umgehen als wir Europäer.

Die eigenen Grenzen

Einerseits empfinde ich diese totale Unsentimentalität als ausgesprochen wohltuend und andererseits stoße ich auch an meine ganz eigenen Grenzen. Über Schmerz und Trauer geht man mit einem Lachen hinweg. Eine Reaktion, die mir bis zum Ende meines Aufenthaltes in Indonesien große Schwierigkeiten macht, zumal ich wegen eines Unfalles selbst ins Krankenhaus muss. Ich vermute, dass das ein Schutzmechanismus ist, da Krankheit und Tod hier viel präsenter sind. Die hygienischen Bedingungen sind schlecht, und die Mehrheit der Bevölkerung kann sich weder Arztbesuch noch teure Medikamente leisten.

Unabhängig von der sozialen Schicht ist es außerdem in der indonesischen Kultur ganz normal, lautstark Schadenfreude zu zeigen. So kommt es beispielsweise in unserer Frauen WG während eines Abendessens zu einem der wenigen echten Konflikte. In den Nachrichten wird über einen Flugzeugabsturz berichtet. Die Kameras halten drauf und zeigen wirklich ALLES. Als meine Mitbewohnerinnen dann noch lachend auf die Bilder der Schwerstverletzten zeigen, ist es mit meiner Anpassungsfähigkeit vorbei. Ich bestehe darauf, den Fernseher auszuschalten und bin geschockt. Auf beiden Seiten macht sich komplettes Unverständnis breit. An diese Kultur der Schadenfreude kann und will ich mich nicht gewöhnen. „We agree to disagree“ – auch wenn das eine etwas eigenwillige Form des indonesischen Prinzip des ´Mufakat´ darstellt.

Und so bringe ich nach einem Semester in Jakarta viele außergewöhnliche, verstörende, aber natürlich auch wunderbare Eindrücke nach Deutschland mit. Ich hoffe, ich habe meine indonesischen Mitbewohner und Nachbarn im Kampung nicht allzu häufig vor den Kopf gestoßen und möchte ihnen danken für ihre herzliche Aufnahme und die Geduld, die sie mit mir hatten!

ANKE STRITTMATTER (* 1965), Architektin, seit 1997 eigenes Studio für Architektur und Städtebau, Mitglied von osa_office for subversive architecture, Mitglied von f.o.g._forum öffentlicher gegenwartskultur, derzeit Lehrbeauftragte am Fachbereich Architektur der TU Graz, Hauptbetätigungsfelder: Architektur und Stadtentwicklung, perfomative Architektur im (öffentlichen) Raum, interdisziplinäre und internationale Lehrprojekte an der Schnittstelle von Architektur, Städtebau und Kunst.

Verfasser/in:
Anke Strittmatter

Datum:

Sun 03/02/2008

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