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Sonntag
sonnTAG 176 – On Shad

Der Weg, den er zurückgelegt hatte, war weit, ohne daß er die Stationen je verleug-net hätte. Zu so unterschiedlichem Ergebnis er nun gelangt war, blieb die Größe LC’s für ihn unbestritten. Er hatte für ihn als Bauleiter an der Unité d’Habitation in Marseille gearbeitet und mit Soltan im Atelier. Das Ergebnis, zu dem er nun gelangt war, war so weit davon entfernt! War es möglicherweise auf seinen Einfluß zurückzuführen, daß das großartige, unrealisierte Projekt für ein Krankenhaus in Venedig so ganz anders und Woods-artig war, als alles was LC zuvor gebaut hatte, oder war es doch ein Eingehen auf die räumliche Struktur Venedigs (wogegen spricht, daß die Anlage eineinhalbgeschoßig ist)? War sich Kahn der Arbeit von Woods bewußt? Etwas Gemeinsames ist jedenfalls vorhanden: Ordnung; order is.

Wesentlich ist, daß Woods, wie die meisten Mitglieder der Architektenelite damals, vom Städtebau her kamen und über ihn referierten. Wie hat sich die Lage geändert. Von Städtebau spricht man nicht mehr und wenn man in den USA urban design studierte, so studierte man städtebauliche Architektur; heute versteht man auch in den USA darunter Straßenpflasterungen, Straßenmöblierung etc. Ich will diese Orientierung auf den Städtebau in der Folge in einem Artikel von Lucius Burckhardt, ebenfalls aus dem Jahr 1964, fortsetzen. Woods starb zu früh, um nachhaltigen Einfluß zu haben. Er erlag 1973 fünfzigjährig einem Krebsleiden und konnte die Fertigstellung der Feien Universität Berlin nicht mehr erleben.

Ohne Hochbauausbildung Denker zu sein hat Nachteile. Der Bau für die FU endete schließlich beinahe als Ruine. Was bei einem Architekten, der mit seinen Partnern eine große Anzahl von Bauten verwirklicht hatte – wenn auch technisch weniger an-spruchsvolle -, die Ursache dafür war, weiß ich nicht. Der große Erweiterungsbedarf und die programmatische Umstrukturierung der FU wurden nicht mehr im ursprünglichen Sinn der Vernetzung befriedigt sondern eher konventionell mit einem Zugang-Stiegenhaus-Gebäude Konzept. Jedes Gerüst hat Grenzen der Flexibilität, es überfordern zu wollen, ist nicht ihm anzulasten; es konzeptionell aufzugeben jedoch ein Zeichen, daß die Reaktion immer stärker ist im Umgang mit Neuem als das sich der Herausforderung Stellen. Heute ist das ursprüngliche Konzept in der „Rostlaube“ – wegen des verwendeten Cor-Ten Stahls so genannt – erhalten und von Studierenden gut angenommen; in der „Silberlaube“, dem eher konventionellen Erweiterungsbau, nicht. Hier kann ich das ursprüngliche Projekt nicht mehr erkennen. Anbau, Umbau, Erweiterung ja, aber gestalterische Destruktion?

Tatsächlich ist mit Woods’ Beitrag die traditionelle Auffassung von Architekturästhetik in Frage gestellt, nämlich die der unveränderlichen Komposition. Dies war mir damals vollkommen bewußt und das ist auch einer der Gründe, warum ich im Projekt der Flußüberbauung die baulich-konstruktive Struktur als „Fassaden“ verwendete und ästhetisch wirken ließ. Ich meine, auch darin liegt ein Grund für die wenig nachhaltige Wirkung von Woods, will der komponierende Architekt doch das Werk in seiner ästhetisch komponierten Integrität erhalten sehen. Es ist dies zugleich ein Beweis für das Beharrungsvermögen, das so radikalen Änderungen entgegenwirkt.

Verbeulen, Durchdringen und schief Hineinfahren, Zerreißen, Gebrauch und Nützlichkeit in Frage stellen ja, aber eine grundsätzlich andere Ästhetik, die das Unfertige enthält? Dies nein. So ist es verständlich, daß sich in den siebziger Jahren vom frühen LC her kommende Traditionalisten unter den New York Five wie Richard Meier und Charles Gwathmey durchsetzten und der Strukturalismus auf der Strecke blieb, bevor die postmoderne Beliebigkeit ihren Triumphzug begann.

Ich habe Woods zuerst aus Zeitschriften kennengelernt. Dies zu einer Zeit, als diese noch nicht Bilderbücher mit Fotos von Häusern waren und es noch einen Diskurs theoretischer Natur mit nicht gebauten Projekten gab. Persönlich traf ich ihn beim Studentensymposium „Synposion 1964“ in Berlin, wo er den im letzten sonntag im GAT publizierten Vortag hielt. Zum letztenmal sprach ich ihn 1967 an der Harvard, als er schon von seiner Krankheit gezeichnet schien und ich ihn stur und seiner eigenen Theorie gegenüber unflexibel fand. Ich hielt ihn damals und halte ihn auch heute noch für einen großen Mann, sozusagen meinen Mitkämpfer. Seine Stärke war weniger das entwerferische Talent als gedankliche Klarheit, Konsistenz und Tiefe, was er mit Stringenz vertrat. Was er vertrat, war eine Herausforderung an die Zeit: den Berufsstand und die Gesellschaft mit ihrer begrenzten Vorstellung von Architektur, von der man damals schon wußte, daß sie städtebaulich gescheitert war.

Beim neuerlichen Lesen der Aufsätze aus 1964 ist es vielleicht die größte Offenbarung, daß alle Vortragenden Architektur immer im Zusammenhang mit der Stadt betrachteten, nicht als Nabelschau eines Gebäudes. Nicht auf bauliche Realisierung zurechtgemachte Entwürfe hatten vor der Mitte der sechziger Jahre auch Raimund Abraham, St. Florian, Gartler-Rieder und ich verfaßt, schließlich auch Huth-Domenig, als diese schon praktizierende Architekten waren. Welch ein Kontrast zu den heute erfolgreichen Vertretern dessen, was sich immer noch „Grazer Schule“ nennt, die allesamt nie, weder in ihrer Studienzeit noch danach, irgendein theoretisch bedeutsames oder Idealprojekt verfaßten und sich ausschließlich auf Bauen im gegebenen, geistigen Umfeld konzentrierten oder, wie Domenig, als eine Art von Architekturkamäleon bei jedem gegebenen Anlaß die Farben wechselte, bis er in Thom Mayne sein Vorbild fand. Welch ein Kontrast zur Theoriefeindlichkeit und Selbstzufriedenheit von heute und zum geistigen Provinzialismus von Hochschulen: 1964 organisierten Studierende an den Hochschulen von Delft und Berlin, Symposien mit international prominenten Architekten oder Lehrern, die etwas zu Architektur oder Stadt zu sagen hatten: Leute wie Woods, Bakema, Aldo van Eyck, Stirling, Burckhardt, Giancarlo di Carlo, aus allen Teilen der Welt. Können Sie sich vorstellen, wen man heute dazu beriefe? Ich sage es Ihnen: Leute, die über kaum etwas anders reden können als über sich selbst.

Verfasser / in:

Bernhard Hafner

Datum:

Sun 27/05/2007

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Bernhard Hafner zum
New Yorker Architekten Shadrach Woods
 
BERNHARD HAFNER
wurde 1940 in Graz geboren. Er studierte an der Technischen Universität Graz und an der Harvard University. Hafner war Professor und Gastprofessor an der University of California, Los Angeles (bis 1974), Cornell University (1974), University of Texas, Arlington (UTA, 1977-79) und am New Jersey Institute of Technology (2000, 2005). Er ist seit 1976 als freischaffender Architekt tätig und betreibt seit 1980 ein Architekturbüro in Graz. Außerdem ist er Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten und theoretischer Texte zur Architektur.

HINWEIS: sonnTAG 175 "Words and Pictures – The Designer’s Dilemma" - Vortrag von M. Shadrach Woods, Symposion 64, Paris. Ausgewählt von Bernhard Hafner

sonnTAG 176 ist erstmalig am 27.05.2007 in der Reihe "sonnTAG"  erschienen.

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