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Bericht
Slowenien vor dem Herbst
Spaziergänge durch die Partnerstädte der Kulturhauptstadt 2012 Maribor - Teil 2

Auch kleine Dinge können uns entzücken – Slovenj Gradec



Nun habe ich leider nicht den Eingang des unterirdischen Tunnels zwischen Graz und Slovenj Gradec gefunden, den Muhammed Müller 2010 gegraben hat. (Neugierige oder solche, die es besser als ich machen wollen, können sich zu diesem Projekt aus dem Jahr 2010 auf der Homepage der Werkstatt Graz schlau machen.) Denn der Weg nach Slovenj Gradec verlangt Konzentration vom sonst geradlinigen Autofahrer. Die Straßen abseits der Autobahn führen durch kurvenreiche Berg- und Tallandschaften. Bergauffahrende Traktoren bremsen mich mit ihren schwerbeladenen Anhängern voller Hopfen auf Gehgeschwindigkeit hinunter. Dazwischen schlägt mir mein GPS Abzweigungen vor, dorthin, wo statt Straße ein Wald oder eine steile Böschung warten. Ich bin Gott sei Dank kein Technikergebener und ignoriere es.

Bevor ich aber nach all den Widrigkeiten in die Innenstadt darf, bin ich im ersten Moment verblüfft. Nicht nur London hat sie, sondern auch Slovenj Gradec: Die Citymaut. Um ins Zentrum zu gelangen, muss ich zuerst an einem Gebührenposten halten und ein Ticket ziehen. Die Stadt hat sich Automaten und Per-Pedes-Kontrollore für die Kurzparkzonen erspart und stattdessen die Parkwächter in Häuschen gesteckt, die jeweils auf den beiden einzigen Zugangsstraßen zur Altstadt aufgestellt werden. Es gilt also wie in einem Parkhaus – um zwei Western zu zitieren – Niemand kann entkommen und abgerechnet wird am Schluss. 

Auch Slovenj Gradec gehörte bis 1918 zur seinerzeitigen Untersteiermark. Die Stadt in den Ausläufern der Karawanken hieß noch Windisch-Graetz, als dort 1860 Hugo Wolf geboren wurde. So war es durchaus naheliegend, dass dem Werk des k. u. k. Liedermachers ein Sommerschwerpunkt gewidmet wurde. Wie gesagt im Sommer; Ende August ist auch hier das Kulturhauptstadtpartnerprogramm praktisch zu Ende, es herrscht Beschaulichkeit. Dafür bietet das Städtchen mit seiner Galerie der Bildenden Künste eine der attraktivsten Plätze für moderne slowenische Kunst. Nur die ist geschlossen, sonntags gibt es immer eine dreistündige Mittagspause.

Was bleibt, sind die zahlreichen Skulpturen im Freien. Dort ein im Schatten eines Baumes in sich ruhender Gandhi, unweit davon ein drahtiger Recke, der in einem leicht verrutschten Slip den Siegeslorbeer über dem roten Stern in die Höhe streckt. So knapp ist die räumliche Distanz der beiden, dass mir wieder dieser streitbare Pfarrer und der rote Bürgermeister aus Italien in den Sinn kommen, diesmal mit Hindugeschmack.

„Ich erfahre die Vergangenheit durch die Gegenwart“, betitelt sich eine andere Skulptur eines Gesicht waschenden Mannes. Slovenj Gradec trägt seit 1989 den Ehrentitel „Friedensherold“.

Vor der Galerie steht ein Pferd, dessen Stromlinienform nicht verleugnen kann, dass sein Erschaffer Oskar Kogoj auch einer der wichtigsten slowenischen Industriedesigner ist. Und die an der nächsten Ecke wartende Bronze eines ziegenbärtigen Mannes mit daneben stehendem Schild und Schwert lässt mich auch sofort assoziieren: Wie hieß es doch im Mann von La Mancha? „Ein Königreich für ein ….“. Auch für mich wird es Zeit, weiterzufahren.

Kuchen, Kohle, Kühlschrank, Kürbis – Velenje 



„Ein Stück Kuchen?“, fragt mich Mateja. Gemeinsam mit ihren Helferinnen steht sie auf den Planken der Floating City am Velenje See und verteilt gratis köstliches Backwerk. Die dahintreibende Stadt sollte ein Projekt werden, in dem Künstler mitten auf dem See, reduziert aufs Wesentliche, im Einklang mit der Natur und isoliert von der Außenwelt eine Zeitlang unabgelenkt der Kreativität nachgehen können. Doch trieb das Budget die ursprünglich geplanten, mitten im See verankerten Wohn- und Arbeitskuppeln redimensioniert zurück ans Ufer. Little Buckminster, wie ich es für mich nenne, ist dennoch ein freundlicher Platz geworden. Es herrscht reges Treiben. Die Segelschule gleich nebenan fährt Jollen ins Wasser, ein Kurs startet gerade. Wer nicht in einem Boot sitzt, badet im lauwarmen See oder sitzt am Pier aufgefädelt und bröselt Kuchenreste vor die sich drängelnden Enten und Schwäne.

Bei strahlender Sonne und rund dreißig Grad ist das Innere der Kuppeln nicht gerade ein Anziehungspunkt, dafür bieten die Plattformen herum für Badelustige ideale alternative Absprungmöglichkeiten ins Wasser. Eine improvisiert aufgestellte Tonanlage liefert den Soundtrack zum Tag. Als Paradoxon eins drängen sich im Hintergrund aus den Kühltürmen des Braunkohlekraftwerks Sostanj, das ein Drittel des landesweiten Stroms liefert, dichte weiße Dampfschwaden in den lückenlos blauen Himmel. Nummer zwei ist nur teilweise hinter den Baumwipfeln in südlicher Richtung sichtbar. Die Dachlandschaft von Gorenje, das hier seinen Sitz hat. Der Haushaltsgerätehersteller ist der achtgrößte seiner Zunft in Europa und sorgt so für einen Hauptteil der Arbeitsplätze in Velenje. Gerade dieser Umstand bereitet aber hier auch vielen Sorgen, denn der europäische Haushaltsgerätemarkt schwächelt. Eine einigermaßen konsolidierte Bilanz erreicht Gorenje derzeit nur, weil es seine Beteiligungen verkauft; das reine Produktionsergebnis verläuft negativ. „Wenn ich hier meinen Job verliere, habe ich keine Idee, wie es weitergehen soll“, erzählt mir einer.

Was hingegen noch immer auf vollem Betrieb läuft, so zwiespältig er und sein Produkt auch sein mögen, ist der Bergbau. Rund 1500 Männer graben in den Schächten im Schichtbetrieb rund um die Uhr. Mit hundertfünfzig Meter Schichtdichte findet sich hier in Velenje eines der größten Braunkohlevorkommen der Welt. Richtig bedeutsam wurde Velenje, auf dem halben Weg nach Slovenj Gradec von der Autobahn Maribor – Ljubljana gelegen, als Industrie- und Bergbaustadt erst nach 1945. So prägen Plattenbauten und funktional geplante Gebäude das Bild der 35.000-Einwohner-Stadt. Es gibt keine Altstadt mehr, ja nicht einmal ein wirkliches Zentrum. Besonders augenfällig wird das, als ich auf das einzige Relikt aus alter Zeit, auf die Burg, steige. Als markantestes Bauwerk bleibt so – rostig und mit abgeblätterter Schutzschicht – der Sprungturm am Grajski Grič gleich neben der Burg übrig. Hier finden einmal im Jahr zum Continental Cup zählende Skispringen statt. Aber heute ist zuerst einmal der Bauer an der Reihe, der am, den Turmfuß umgebenden Feld seine orange-leuchtenden Kürbisse erntet.

Ein alternatives Ende – Ljubljana



Eigentlich müsste da nun Novo Mesto als fünfte und letzte Partnerstadt Maribor stehen. Doch ich gestehe, ich habe gebremst und zwar für Ljubljana. Aus drei rein architektonischen Gründen:

 Wegen des Prekmurska Gibanica, einem Schichtwerk aus Mohn, Topfencreme, Walnüssen und Äpfeln zwischen Mürb- und Strudelteigblättern beim Gostilna Mencigar in der Mestni trg, weil damit der Beweis erbracht wird, dass ein guter Bau durchaus kompakt und locker, nicht lange beständig und nachhaltig zugleich sein kann.
 Wegen des Besuches der für zeitgenössische Kunst immer am Siedepunkt befindlichen, wunderbaren Galerija Škuc und dem saftigen Erdäpfelschmarrn mit Krainer im Beisl gleich nebenan. Was ich gerne danach genieße, weil mich eine Krainerwurst nach dem Anstechen immer das Grazer Kunsthaus, vom Schlossberg aus betrachtet, erinnert, und mir daher statt dem Anglizismus „Friendly Alien“ der Spitzname „Kunst Wurscht“ viel sympathischer wäre.
 Und wegen des Glases Wein hoch über der Štefanova Ulica auf der Terrasse der Skyscraper-Bar am Nebotičnik, dem 1933 fertiggestellten, damals höchsten Gebäude Jugoslawiens, weil das oberste Gebot eines Stadtbesuches lautet, am Abend nach der Arbeit auf das Lichtermeer hinunterzublicken.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Wed 19/09/2012

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