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Essay
SCHWEIGEN FÜR EICHHOLZER

Ist die Saat „bei uns unten“ aufgegangen? Hätte die heutige Staatsform seine Billigung? Eher nicht, gemessen an der sozialistischen Utopie. Aber denken darf man an ihn sogar öffentlich, ohne verhaftet zu werden. Soll uns das genügen? Und hat uns ein jahrzehntelanger Pragmatismus nicht verdorben für jede Vision, die über den Tellerrand schaut? Und erscheint dann jede Handlung, die das eigene kleine Wohlleben nicht zum einzigen Maßstab erhebt, als unverantwortlich? Obwohl sie genau das Gegenteil ist. Im falschen Leben verkehrt sich alles. Der Angepasste ist Herr seines Geschicks, der Revolutionär ein Narr, der Künstler ein Zulieferer der Unterhaltungsindustrie.  

Eichholzer und die anderen Widerständigen beschämen uns. Wer könnte von sich behaupten, zu solchen Handlungen fähig zu sein? Es könnte uns ja ein Härchen gekrümmt werden. Eichholzer blieb in der Aussicht auf seine Auslöschung erstaunlich gefasst. Er schreibt: „Nun geht es wohl dem Ende zu. Es ist keine solche Nervenprobe, wie Du glaubst, man schließt mit dem Bewegten ab und bleibt beim ‚ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht‘.“ Spricht er sich hier selber Mut zu, ist die Gelassenheit gespielt? Und flüchtet er sich deshalb zu Schiller, ins Zitat? Sein Anwalt, der die letzten Stunden mit ihm verbrachte, hatte den Eindruck, dass Eichholzer „ruhig (…) und ausgesöhnt mit seinem Schicksal“ gestorben sei. Allein der Begriff „Schicksal“ will so gar nicht zu Eichholzer passen. Wer an ein Schicksal glaubt, lehnt sich nicht auf, der schickt sich in alles.

Alles, was wir sehen, könnte auch anders sein. Alles, was wir erleben, ist nur eine Möglichkeit. War Eichholzer als Architekt womöglich der Konstrukteur seines Lebensweges? Ist er auch darin dem Goldenen Schnitt verpflichtet? Entspricht das Verhältnis des Ganzen zu seinem größeren Teil auch dem Verhältnis des größeren zum kleineren Teil? Soviel Harmonie können wir in seinem gewaltsam verkürzten Leben, das als Bruchstück erscheint, nicht erkennen. Zu unrund läuft hier manches, wir sehen eher einen Getriebenen am Werk. Einen Bauplan für das Leben gibt es nicht. Schon gar nicht in Zeiten, wo man leicht unter die Räder kommt.

Die austrofaschistischen wie die nationalsozialistischen Machthaber versucht Eichholzer über seine Ziele zu täuschen. Ob er seine Gegner sträflich unterschätzt oder offen verhöhnt hat, ist schwer zu entscheiden. So will er in seiner Verteidigungsschrift „Mein Weg“ dem Gericht weismachen, seine Aktivitäten seien ein Versuch gewesen, Nationalsozialisten und Kommunisten im Interesse des Reichs zu vereinen. Der Nationalsozialismus sei nämlich fortschrittlich und in Opposition zum Kapitalismus. Vielleicht ist diese Strategie von Verzweiflung diktiert, Eichholzer kann schwerlich angenommen haben, dass man ihm glauben werde. Aber die Aussichtslosigkeit seines Unternehmens ist wahrscheinlich der blinde Fleck eines Widerstandskämpfers. Er muss sich in diesem Punkt selber täuschen, sonst kann er nicht agieren. Das irrationale Element darin könnte der Schlüssel zu einem Verständnis sein.

Fast alle Widerstandszellen waren unterwandert, darum der geringe Erfolg ihrer Aktivitäten. Eichholzer wurde durch den Gestapo-Spitzel Kurt Koppel verraten, der im zentralen KPÖ-Apparat über alle Informationen verfügte. Koppels Motiv war es vermutlich, als Jude der Vernichtung zu entgehen. Er konnte nach dem Krieg untertauchen, welche Identität er angenommen hat, ist unbekannt. Angeblich ist er nach Palästina gegangen, zur Verantwortung konnte er nie gezogen werden. Seine Spur verliert sich, wie man so sagt, intensiv gesucht wurde nicht nach ihm, ihn zu finden wäre für mehrere Seiten unangenehm gewesen. Er ist verschwunden, als sei er selbst ein Opfer. Und als Opfer der Zeitumstände können wir ihn sehen, allerdings ist unklar, wann seine Spitzeltätigkeit begonnen hat. Falls Koppel wirklich schon im Spanischen Bürgerkrieg die Fronten gewechselt hat, könnten Margarethe Schütte-Lihotzky und andere wohl recht haben, die ihm Gewinnsucht oder Geltungsdrang nachsagen.

Wahrscheinlich war es ein ganzes Bündel an Motiven. Eine heillose Verstrickung. Handeln wir oder werden wir gehandelt? Wenn es keine Willensfreiheit gibt, wie manche Neurobiologen behaupten, gibt es auch kein Heldentum. Und selbst die Täter-Opfer-Dialektik ist aufgehoben. Die Frage der Schuld wird gegenstandslos. Bei solchen Über-legungen kann einen Schwindel befallen. Und dieses Schwindelgefühl wäre vielleicht jeder Erörterung weit überlegen.

Verfasser / in:

Günter Eichberger

Datum:

Wed 30/10/2013

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Symposium zu
Herbert Eichholzer

Ort: Institut für Kunst im öffentlichen Raum
Marienplatz 1, 8020 Graz
Mi. 30.10.2013
17.00h - 19.00h

Im Rahmen der Ausstellung
Pavillon – Hommage à Herbert Eichholzer
Ort: Rondo (Gartengelände),
Marienplatz 1, 8020 Graz
Dauer: bis 31.10.2013
Sa. 11.00-13.00 Uhr, Di. bis Fr. 15.00-17.00 Uhr

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