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Rezension
Nachlese steirischer herbst 2014

AUSSERHALB DES WETTBEWERBS

CHRISTINE GAIGG/ 2ND NATURE, Maybe the way you made love twenty years ago is the answer. Vom Dom im Berg eine Zeitreise zurück in die Sechziger bzw, Siebziger, als der Sex (für die Rundumbefreiung) angeblich noch geholfen hat. In ihren a-chronologisch vorgetragenen Tagebucheintragungen bemühte sich die immer noch sehr ansehnliche Vortragende um eine Art politisch korrekte Schamlosigkeit, während "um`s Eck" ihrer Installation ihre Tanzzgruppe – aus zwei Mädchen und einem Jungen bestehende Formation – sich in anrührender Jugendfrische für eine durch und durch klinische Orgie entkleideten. Die proper in Jeans und Bluse gekleidete Choreografin als Entsprechung von Meister Proper wiederholte in ihrer Aufführung also genau die autoriztären Verklemmungsmuster, die aufzubrechen sie versprach. Die tragische Maryse Holder in diesem Zusammenhang zu strapazieren ist ... Schön allerdings der Wunsch ihres Sohnes sich für einen Maskenball als Morgenerektion zu verkleiden. Gut gemeint und weit daneben.

THOMAS EBERMANN/KRISTOF SCHREUF/ANDREAS SPECHTL/ROBERT STADLOBER, Der eindimensionale Mensch wird 50. Guter Einstieg, die biografisch-essayistische Einführung Thomas Ebermanns war informativ, engagiert und dabei (selbst)ironisch. Und die berühmte Streitschrift der 68er die für einen Gegenentwurf zur bestehenden Entfremdung  plädiert, ist vielleicht immer noch gut als Lackmustest für eine Gegenwart, die korrumpierter ist, als alles was damals verteufelt wurde. Aber dann scheint Ebermann das Heft unvorsichtigerweise seinen jugendlicheren Kollegen überlassen zu haben: Ihr Konzert-Theater bot an Stelle von Diskurs nur Musikkrach, statt Neugier auftrumpfendes Pathos - dabei hat der Schlagzeuger krankheitshalber noch gefehlt. Gezeigt wurden immergleiche Videos (eines davon mit Marcuse), gleiche, schampig inszenierte Dialoge und vor allem die Pose, irgendeine Revolution mittels einer Art Kunst in eine Utopie weiter voranzutreiben. Dazu strange Ankläge an Rilke. Thomas Ebermann durfte sich  nur noch einmal kurz und undeutlich melden; wie schön wäre ein federnder Diskurs zwischen ihm und seinen Kollaborateuren gewesen; man wünscht sich ein verbessertes Remake. Vielleicht nächstes Jahr?

DIE TRANSMISSIONARE Nein, ich will! Eine Hochzeit für alle. fand ebenfsalls im Heimatsaal statt und war, wie die meisten Veranstaltungen dort rundum unbefreidigend. Aber so sollte es nach dem Konzept der Autorin Natascha Gangl und der Regisseuse Kathrin Mayr auch sein. Das Ritual der Hochzeit wird zum Ausgangspunkt für Wege in die Irre, für das Enttäuschen von Erwartungshaltungen, wobei der Diskurs sich immer weiter fortsetzt. Allerdings bleiben auch die bloß prätendierten Sinnangebote blass, das sinnlich oder ironisch Gemeinte (wie ein Absperrungsband, oder auf die Serviette geschriebene Gerichte) geraten zu bloßen Illustrationen des Textes, das Theater wird zur lauten Sinnsuche mit verteilten Rollen, die zwischen undefinierten semantischen Ebenen changiert. Wenn nichts eingehalten wird von dem, was das Konzept so schön verspricht, und eben das sein Kern ist: Großartig!
 
SONDERREIHE
Einige der faszinierendsten Veranstaltungen lassen sich nicht in Listen zwängen, für sie gibt`s die Sonderreihe.

RICHARD MOSSE, The Enclave (als Veranstaltung des Musikprotokolls) im Cafe Luise im Kunsthaus: Auf sechs Projektionsflächen werden Filmbilder mal simultan, mal abwechselnd aus dem Bürgerkrieg im Kongo gezeigt - schlimme Sache, noch dazu ohne Sitzgelegenheit. Und der farbliche Verfremdungseffekt durch den verwendeten Infrarotfilm ist dazu angetan, die nervöse Reizbarkeit noch zu steigern. Wer das aber einmal hinter sich hat, den erfüllt tiefer Respekt vor der monumentalen Arbeit des irischen Filmemachers Mosse und seines Kameramanns Trevor Tweeten, die für diese conditio humaine zwei Jahre vor Ort gedreht haben. Zu erleben ist in diesen unkommentierten, bis auf O-Töne stummen Film(en), eine Enzyklopädie des Grauens, aber auch Bilder gelegentlicher Hilfe und Solidarität. Am merkwürdigsten eine Halbtotale, in der ein junger Mann mit umgehängter Guzzi von der Kamera weg und in einen Fluss hineingeht, bis sich das Wasser über seinem Kopf schließt. Die Kamera bleibt ohne Schnitt auf den Wellen, aber der Untergegangene kommt nicht wieder.

HEISZE OHREN, ohne Zweifel ein semantischer Scherz in Kornberg, glich einem Veteranentreffen österreichischer Avantgarde bzw. der Exilwiener im Burgenland. Das ortsansäßige Publikum bekam schnell kalte Füße und wärmte sich an den Feuern im Hof, während drinnen die Performance anlässlich eines Films von Kurt Mayer über das Kürbisputzen ablief. Frau Wiener verteilte (heiße) Schweinsohren, deren Zubereitung hinter ihr groß auf die Wand projiziert wurde. Und nebenher produzierte Oswald Wiener, gefürchteter Rudelführer der Wiener Gruppe, auf seinem Laptop Musik. Assistiert wurde er dabei von einer Violinistin, einer Cellospielerin, einem Elektronik- und einem Lärmdesigner, die es insgesamt schafften, die Ohren anders zu erhitzten. Toll! Jedenfalls für Avantgardenostalgiker.

BENJAMIN VERDONCK, notallwhowanderarelost im Festivalzentrum: eine  kleine, große Arbeit, die in ihrer Bescheidenheit an einen Wanderkünstler denken lässt. Der Schauspieler und Performancekünstler bietet ein völlig transparentes, so kluges wie poetisches Ideentheater. Begleitet von einem Gitarristen agiert er neben einem mit "Aufzügen" gefüllten kleinen Kasten, dessen Prospekte er mit Schnüren bewegt. Auf den Tafeln zeigt er einfache Sätze, die Bilder einer Realität im Kopf des Publikums entstehen lassen. Das scheint einfach, ist aber in seiner zurückgenommenen Konzentration sehr klug, sehr medidativ und sehr elegant. Was hätte Wittgenstein zu Verdoncks Umgang mit Sprache gesagt? Jedenfalls ist die Zahl der Zuseher der kleinen Bühne wegen sehr beschränkt.

MARIO FORMENTINI, One to One & One for the Road. Der Star dieser Sonderreihe war zweifellos der Pianist Formentini, der in One to One das Spiel für/mit den Zuhörern extrem betrieb, indem er an unterschiedlichen Orten jeweils nur für einen Hörer spielte. (Der Kritiker, zu schüchtern, um sich dem Meister zu nähern, kann darüber nichts berichten. Es soll aber nicht geschmerzt haben). Der Italiener "gastierte" bereits voriges Jahr mit nowhere im wahrsten Sinn des Wortes als er über acht Tage und Nächte im Stadtmuseum musizierte, ohne es zu verlassen. 2014 ist der Liebling des Festivals mit seinem musikalischen Vieraugengespräch wohl das leibhaftíg gewordene Motto des steirischen herbstes. Sein one for the road am Sonntag Vormittag des letzten Wochenendes erinnerte an die Proust`schen Salons in der Recherche, wobei unklar blieb, ob man bei den Verdurins zu Gast war oder bei den Guermantes. Für Formentini dient das Klavierspielen (wie das Schreiben für Proust) der Neugier auf andere, dem Ausforschen, wie weit der Hunger nach Nähe reicht, und wann der Überdruss daran einsetzt. Dafür trägt er mit sich ein Klavier in seinem Körper herum, das er in geeigneter Umgebung herauslässt. Auf ihm - mal ein Steinway mal ein Wegenstein -spielt er dann Zaubertöne, erzeugt vergängliche Klangräume, die er mit seinen Zuhörern für eine kurze Weile teilt. Und schön an dieser Matinee bei den Honoratioren von Gleichenberg war, dass auch ein kleiner Beitrag von dem greisen Oswald Wiener kam, der dafür, gleich wie im nahe gelegenen Kornberg, die gleich Regie übernahm. Anrührendes, sehr gelungenes Ende des Festivals. 

Wie war er nun, der herbst. Man muss schon sagen, so wie er ist, kann er nicht besser gemacht werden. Und die freilich erst durch eine zusätzliche Dotierung ermöglichte Öffnung in ländliche Bereiche hat ebenfalls fuktioniert. Besser könnte - vielleicht - nur ein anderer herbst sein. Ein Intendant steuert mit seinem persönlichen Schwerpunkt das Festival auch in eine bestimmte Richtung, daher sind Richtungsänderungen Gegenstand kulturpolitischer Entscheidungen. Wie der Vorige ein Besessener der Neuen Musik und des Musiktheaters war, hat es Veronika Kaup-Hasler eben mit dem dekonstruktivistischen Theater.

Daneben bestehen freilich Lücken, von denen die schmerzhafteste die Absenz der Literatur und zwar keineswegs bloß der hiesigen ist. Und nach seiner verdienstvollen Öffnung für die Jugend verharrt das Festival in einer merkwürdigen Angebotsroutine. Warum in der Bildendenden Kunst stets alle hiesigen Galerien mit ihrem gewiss akzeptablen aber doch eintönigen Angebot das jeweilige Motto bebildern müssen, bleibt zum Beispiel schleierhaft. Auch im Bereich der Kuratoren bestehen noch Gestaltungsspielräume.

Bis Weihnachten dieses Jahres muss der steirische herbst 2015 jedenfalls konzipiert sein. Auch die Kultur ist, wie man sieht, ein hartes Dienstleistungsgewerbe, erleichternd ist allenfalls, dass viele Künstler von Gästen zu Stammgästen aufsteigen. Alles soll sich um das Begriffsfeld heritage ranken. Was für ein Thema für die Produktion von noch mehr philosophischer Schmuckprosa.

Verfasser / in:

Wilhelm Hengstler

Datum:

Sat 25/10/2014

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Der steirische herbst 2014 stand unter dem Motto I prefer not to ... share! Ich ziehe es vor, nicht zu teilen. Wenn der steirische herbst mit seinem Leitmotiv Anleihen an Herman Melvilles Verweigerer Bartleby nimmt, dann weil wir zerrissen sind – zwischen dem Wissen, dass wir mehr teilen und gleichzeitig auf mehr verzichten müssen, wenn wir das Auseinanderdriften der Reichsten und Ärmsten auf diesem Planeten stoppen wollen. (Zitat aus dem Programm)

Wilhelm Hengstler teilt mit GATleserInnen seine persönlichen Eindrücke.

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