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Glosse
JOANNEUMSVIERTEL: Ameisenlöwen im Museum

Der Ameisenlöwe wartet am Boden seines Trichters auf die Beute. Der Trichter hat eine Tiefe von fünf Zentimetern, sein Durchmesser beträgt bis zu acht Zentimeter. Die Trichter im Hof des Grazer Museumsviertel an Stelle des früheren Beserlparks sind ungefähr hundertmal größer. Und während die Beute des Ameisenlöwen, die im lockeren Sand hinabrutscht, sich aus winzigem, kaum sichtbarem Getier zusammensetzt, wird den Besuchern des Museumsviertels eine Rolltreppe offeriert.
Genauso wenig allerdings wie die Baulöwen mit Ameisenlöwen vergleichbar sind, entsprechen Erweiterung und Umbau des früheren Joanneums einer Menschenfalle. Die Kühle der Anlage ist weit davon entfernt, sich architektonisch anzubiedern oder gar Opfer anzulocken. Für die extrem steile Rolltreppe braucht es extra hohe Stufen, die allerdings, anders als die noch höheren Stufen heidnischer Tempel, nicht gen Himmel, sondern hinab zur Kunst führen. Dort unten, wo die Billets verkauft und die Besucherströme zu Landesbibliothek, Bruseum, Sonderausstellungen und wissenschaftlichen Sammlungen umgeleitet werden, herrscht allenfalls Besuchergetröpfel, gedämpfte Leere.

Der kritische Ansatz besteht darin, dass Bauwerke nicht darauf verzichten sollten, den in ihren Benützern angelegten Bewegungen und Gewohnheiten zu entsprechen. Selten entgeht ein Architekt der Geschichten stiftenden Macht des von ihm Gebauten. Selbst wenn er nur den Wahnsinnsentwurf eines Superrechners tollkühn realisiert, die reine Betriebswirtschaftslehre in Glas und Stein präsentiert oder einen schnell verglühenden PR-Coup landet: Je weiter sich die eigene, gleich frei Haus mitgelieferte Botschaft des Architekten von jener den Menschen und den Bauten inhärenten Geschichte entfernt, desto unweigerlicher wird er von dieser Macht eingeholt. (Man kann sich auch auf „Mythos“ und „Ideologiekritik“ berufen.)

Während der Sechziger-/Anfang Siebzigerjahre empörte sich noch mancher frei geborene Steirer darüber, dass man ihn als Fußgänger, als Gottes Ebenbild meinetwegen, vom Antlitz der Erde verbannte. Er wurde zum Durchlaufen von Beton- und Neonkanälen gezwungen, die euphemistisch Fußgängerpassagen genannt wurden. Der Moloch Auto hatte seine Götzendiener unter den Stadtplanern rekrutiert und ihr Erfolg kann heute an diesen vollgeschissenen, unpassierbaren, oft schon wieder geschlossenen Tunnels abgelesen werden. Trotzdem hat sich der (politische) Trend, Menschen, vor allem jene ohne Kaufkraft, aus der Öffentlichkeit, von Straßen und Plätzen, zwischen und vor öffentlichen Gebäuden zu entsorgen, seither noch verstärkt.

An dieses Ideal der Entsorgung erinnert auch das neue Museumsviertel. Dementsprechend ist auch der Blick vom Trichterrand hinab in den Lesesaal oder aus dem unterirdischen Gelass hinauf gegen die den Himmel beschneidenden Gebäudefronten am eindrucksvollsten dann, wenn maximal eine Menschensilhouette für die Maßstäblichkeit sorgt. Diese Architektur ist am schönsten dann, wenn sie von keiner Menschenseele und den mit ihr einhergehenden Turbulenzen getrübt wird. Das Museumsviertel zeigt den Widerspruch zwischen einem für Liebhaber (Kunst, Literatur, Wissenschaft) realisierten Bau (bzw. dessen Adaption), der gleichzeitig dessen Erfahrungen und Bedürfnisse ignoriert. Klar gesagt: Dort, wo er scheinbar ganz zu sich kommen darf, trifft er auf eine Architektur der Entfremdung.

Bot früher ein Museumsgebäude – wie heute noch das „Kunsthistorische" in Wien – eine Plattform für die selbstbewusste Eigeninszenierung von Kunst- bzw. Literaturfreunden, wurde der ursprüngliche Eingang des Joanneums und der sich prachtvoll gebende Stiegenaufgang in einen architektonischen Blinddarm verwandelt. Der vordere Trakt des alten Gebäudes, heute der Gegenwartskunst gewidmet, kann nur mehr von hinten bzw. unten betreten werden – eine unappetitliche Vorstellung. Die Besucher müssen sich durch ein so unübersichtliches wie gesichtsloses System von Stiegenaufgängen und Fahrstühlen auf ihren Bestimmungsort zu bewegen. Ihnen werden vom Tiefgeschoß aus anonyme, gelegentlich verschlungene Pfade wie für Schnäppchenjäger geöffnet. Das Motiv für den architektonischen Paradigmenwechsel war anscheinend eine Kostenersparnis durch die zentrale Kontroll- bzw. Kartenverkaufsstelle im Keller. Aber zeigen Thermen und U-Bahnen nicht, dass mittels elektronischer Zahlkarten unterschiedliche Barrieren gelöst werden können?

Der Beserlpark zwischen dem vorderen und hinteren Trakt ist durch garantiert pflegeleichten Beton ersetzt worden. Bislang stehen dort weder Bänke noch Radständer, die bei Veranstaltungen dringend benötigt werden. Einer steht gegenüber, neben dem Foto Weiss in der Kalchberggasse.

Und die Ameisentrichter erschweren jede großräumigere, spielerische Inbesitznahme dieses im Übrigen eher kleinen, bislang schattenlosen Platzes. Ein möglicher öffentlicher „Aufenthaltsraum“ wurde auf eine nackte Passage zwischen Kalchberggasse und Landhausgasse reduziert.

Ein Bericht über die Landesbibliothek erfolgt, sobald der renovierte Lesesaal im Juni eröffnet wird.

Verfasser / in:

Wilhelm Hengstler

Datum:

Sun 03/06/2012

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