Italienische Reise zu SLO ITA AUT

Den Abschluss der dreiteiligen Kongressreihe SLO ITA AUT bildete eine Exkursion nach Udine, Gorizia, Triest und Muggia am 20. und 21. März 2009, veranstaltet von der ZV Steiermark in Kooperation mit Architekturinstitutionen in Triest sowie www.gat.st, gesponsert von Interface FLOR und züco.

Im Anschluss an die Vortragsreihe zu Beispielen aktueller Architektur mit Stationen in Graz, Triest und Ljubljana führte eine abschließende Busreise zu öffentlichen und privaten Bauten im Friaul - Julisch Venetien, die im bemerkenswerten Vergleich mit dem Complesso Residenziale Rozzol-Melara (Triest) nachgerade einen Eindruck von Architekturgeschichte seit den 1960er Jahren vermittelte. Die Organisatoren ZV-Präsident Martin Krammer, Anke Strittmatter (HDA Graz und osa - office for subversive architecture) und Maria Nievoll wurden unterstützt von Dimitri Waltritsch (Studio Waltritsch a+u, Triest). Zwischendurch, während des Besuches von Privathäusern, hatte die Studienreise allerdings durchaus Invasionscharakter, wenn an die 40 BesucherInnen per „Buongiorno“ vor der Tür standen.

Erste Station am Headquarter Italia der Hypo Alpe Adria Group
An der Peripherie Udines gelegen, errichtet nach einem Entwurf des Kaliforniers Thom Mayne (Morphosis), wurde das Gebäude 2006 eröffnet. Die Bauleitung war dem italienischen Büro GEZA - Gri e Zucchi Architetti Associati, Udine übergeben worden. Der siebengeschossige Komplex in Tavagnacco gleicht einer Skulptur aus Glas, Stahl und Beton. Auf einem Areal von etwa 110.000 Quadratmetern umfasst der Gesamtkomplex neben der Bankzentrale mit Büros und Auditorium für 500 Personen auch ein Hotel, ein Kongresszentrum, ein öffentliches Schwimmbad, ein Fitness-Center und einen Kindergarten. Anders als die ebenfalls von Thom Mayne entworfene Hypo-Zentrale in Klagenfurt besteht der Bau in Udine aus zwei Flügeln über 21.000 Quadratmetern, die neben der durchgehend verglasten Nordfront mit Aussicht auf die Karawanken über Korridore und Treppenhaus im südlichen Teil verbunden sind.

Nicht weit davon entfernt, in der Vorstadt von Udine, folgte der Besuch von drei Wohnbauten mit 42 Wohnungen, geplant und gebaut von geza, Gri e Zucchi Architetti Associati. Die Anlage basiert auf einem Konzept von fünf gleichen Zellen, die in Kombination in bis zu elf Varianten ausgeführt werden kann. Gegenüber der in Oberitaliens Peripherien geringen Bau- und Wohnqualität halten die Architekten fest, soll dieses Konzept kommunalen Wohnbaus die Wiederherstellung der „Würde“ architektonischer Gestaltung befördern.
Ebenfalls von geza stammt eine nah gelegene Privatvilla, die sich augenscheinlich von Altbestand und Standardbauten in der Umgebung der Wohnsiedlung abhebt. Sichtbeton, Glas und Mahagoni dominieren Innen- und Außenbereich. Zwei kubische Baukörper, rechtwinkelig sich zum Garten öffnend, bilden den Wohnbereich, Schwimmhalle und darunter liegende Garage.

Weiter führte die Reise nach Gorizia. Dort haben Waltritsch A+U (Dimitri Waltritsch, Renzo Cocetta, Fabio Garizio) das Kulturzentrum der slowenischen Gesellschaft im Jahr 2006 fertig gestellt. Der zweigeschossige Bau ist ein Kubus mit synthetischer Holzfassade und raumhohen Verglasungen, der wenige Zentimeter über dem Boden zu schweben scheint. Gelegen in einem kleinen Innenhof mit Mikropark, beherbergt der Bau Bibliothek, Kinderhort, die slowenische Kultur- und Wirtschaftsvereinigung und eine Musikschule auf einer Fläche von 1800 Quadratmetern über beide Geschosse. Bemerkenswert die Baukosten von 650.000 Euro. Der mit Dimitri Waltritsch befreundete Autor Veith Heinichen sagte über den sehr kompakten und eigentlich kleiner wirkenden Bau, er habe den Eindruck, dieser Kubus hätte sich „schon immer“ an diesem Ort befunden.

Wir fahren weiter nach Triest. Unterwegs sorgt Martin Krammer für Kurzweil mit seinem „Quiz für umfassendes Halbwissen“. Diesem angemessen war noch die Frage, wer in Duino was geschrieben habe. Beantwortet mit: Rainer Maria Rilke, die Duineser Elegien. Unbeantwortet dagegen blieb die Frage nach dem Namen des Schiffes, auf dem Erzherzog Ferdinand Max 1864 nach Mexiko fuhr, um sich dort Maximilian, Kaiser von Mexiko zu nennen. Hier also nachträglich die Antwort: Es war die Segelfregatte Novara, die er zuvor schon zu einer wissenschaftlichen Expedition um die Welt geschickt hatte. Maximilian wurde von den mexikanischen Republikanern 1867 zum Tod verurteilt und erschossen. Sein Leichnam wurde von Admiral Tegetthoff auf der Novara nach Triest überführt.

Der letzten „Heimsuchung der Vierzig“, kurz vor Sonnenuntergang des ersten Tages, sah sich in seiner Sottoilfaro Residence der österreichische Architekt und Lehrbeauftragte an der Universität Triest, Peter Lorenz, ausgesetzt. Lorenz hatte ein Grundstück „unter dem Leuchtturm“ an der Strada del Friuli geerbt und 2006 eine terrassierte Wohnanlage mit sechs Appartements fertig gestellt. Auf drei Ebenen unter dem Straßenniveau wurde der Baukörper aus Stahlbetonplatten und Stahlpfeilern ausgeführt. Über eine Stiegenrampe gelangt man zur obersten, Lorenz’ eigener Wohnung mit etwa 140 m2 Fläche auf trapezförmigem Grundriss, die sich über eine Glasfront in ganzer Länge zur Terrasse, hoch über der Küste, öffnet - dort gerade Sonnenuntergang. Die Baugenehmigung erhielt Lorenz schon im Jahr 2002 und im Jahr darauf sollte der Bau beginnen. Den bautechnischen Anforderungen, erzählt Lorenz, zeigte sich nach Ausschreibung keine einzige italienische Firma gewachsen. Konfliktpotential entstand so schon durch Beauftragung von Tiroler und Vorarlberger Firmen. Weitere Probleme entwickelten sich aus der Nähe zum Faro della Vittoria, dem Denkmal für die im Ersten Weltkrieg gefallenen Marinesoldaten, in dessen Umgebung nichts „Turmartiges“ errichtet werden darf. Ein Liftschacht aus Glas wurde etwa von der Stadtverwaltung als Turm interpretiert und als Intermezzo wurde der Bau vor laufender TV-Kamera vom Triester Bürgermeister auch eingestellt - Rückbau, neuerliche Genehmigungen, nochmaliger Weiterbau etc. In der italienischen Bauordnung ist beispielsweise auch festgehalten, dass durch Einwände von Nachbarn aufgrund Missfallens alle privaten Bauprozesse während der Ausführung eingestellt werden können. So resümiert Peter Lorenz, Österreich sei im Vergleich zu Italien ein Bauparadies und Gegenwartsarchitektur spiele in Triest so gut wie keine Rolle.

Dem könnte man immerhin entgegnen mit einer Wohnanlage von Simonetta Rossetti und Thomas Bisiani (TomA2), die gerade fertig gestellt wird und erste Station des zweiten Reisetages war. 30 Einheiten von 40 bis 120 m2, zum Teil über zwei Etagen angelegt, haben jeweils individuelle Balkone, „damit die Fassade nicht so langweilig ist“, sagt dazu Thomas Bissiani.
Und dann per Bus in Richtung Karst zu einer Wohnfestung, die zwischen 1969 und 1974 erbaut wurde. Der Komplex Rozzol Melara ist, wie Exkursionsteilnehmer Paul Rajakowitsch ausführte, einer der letzten Superblocks nach Le Corbusiers Unité d’Habitation. Diese Wohnmaschine aus Stahlbeton wurde erdacht und geplant von einer Gruppe Triestiner Architekten unter der Leitung von Carlo Celli. In 468 Wohnungen leben etwa 2500 Bewohner in einer Stadt in der Stadt, ausgestattet mit aller notwendigen Infrastruktur. Der weithin sichtbare Komplex besteht aus zwei Hauptkörpern mit einem Gesamtvolumen von 267 000 Kubikmetern. Die Idee hinter solchem Konzept war eine Art „unabhängige Siedlung“, angesichts der man sich heute aber fragen müsste, unabhängig wovon? Ursprünglich, sagt Rajakowitsch, wohl auch dem Denken um unabhängige bzw. neue Gesellschaftsformen entspringend. Spätestens mit 1968 und einer Tendenz der Individualisierung wurden Wohnanlagen nach dem Modell Superblock aber obsolet. Abseits aller Theorie vermittelt die Anlage ein kaum zu bestimmendes Unwohlsein, bestärkt durch die unvermindert mit sieben bis acht Windstärken pfeifende Bora während unseres Besuches. Im Inneren wie im Hofbereich von Rozzol Melara heult der Wind um den gebirgeartigen Block und man fühlt sich wie ein Statist in den Dreharbeiten zu einem utopischen Film.

Abschließend, wie zur Beruhigung, ging es nach Muggia und zum Museo d’arte moderna Ugo Carà, das im Jahr 2006 eröffnet wurde, erbaut zu Ehren des 2004 verstorbenen Bildhauers Ugo Carà und Ort der Werksammlung. Das Gebäude wurde entworfen und ausgeführt von Claudio Farina – Starassociati (Bartoli, Dambrosi, Markez, Martinelli). Es steht am Ort des alten Genossenschafts-Sitzes der Werft S. Rocco. Südseitig schirmt eine große oxidierte Wand aus Corten-Stahl gegen direkte Sonneneinstrahlung. Durch leichte Anhebung wird der dahinter liegende Hauptraum wie indirekt mit Tageslicht erhellt. Der dreiteilige Innenraum, etwa 350 m2, entspricht im Prinzip dem White Cube und ist geteilt in einen Bereich der permanenten Ausstellung der Skulpturen von Ugo Carà, einen Multimediaraum und einer Abteilung für wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst. Die technische Ausführung deutet allerdings auf ein von Peter Lorenz angesprochenes Problem hin: Der grauweiße Estrich zeigt deutliche Risse.

BILDNACHWEIS:
Emil Gruber: 13, 17, 19a, 19b, 28, 29, 32, 33b, 36a, 44, 45, 49, 53
Martin Krammer: 1, 4, 7, 10, 12, 15, 16, 22, 23, 25, 26, 27, 34 b, 35a, 35b, 35c, 37, 38, 39, 40, 42, 43, 50
Eva Mohringer-Milowiz: 8, 24, 31, 34 a, 46, 52, 54
Wenzel Mracek: 2, 3, 5, 6, 9, 11, 14, 18, 20, 22, 30, 33a, 36b, 41a, 41b, 47, 48, 51, 55

> > BUCHEMPFEHLUNG von Eva Mohringer-Milowiz
im Zusammenhang mit der SLO ITA AUT Exkursion nach Friaul

"Triest, Stadt der Winde"
von Veit Heinichen und Ami Scabar

München 2005, Sansscouci im Carl Hanser Verlag
144 Seiten, 15,90 Euro
ISBN 978-3-8363-0092-6

Einige SW-Fotos, 18 Rezepte
Eine Liste der Fische und Meeresfrüchte im Golf von Triest
Italienisch, Triestinisch und Deutsch

Beschreibung:
Den meisten Lesern wird Veit Heinichen als Krimiautor ein Begriff sein. Er kommt aus Süddeutschland und lebt seit vielen Jahren in Triest. Nebenbei ist er ein Freund unseres Reisebegleiters Dimitri Waltritsch.
Auch die im Buch beschriebene Bora konnten wir hautnah kennen lernen. Denn Triest lebt mit den Winden aus allen Himmelsrichtungen. Aus allen Himmelsrichtungen wurden auch die Menschen verschiedener Sprachen, Gewohnheiten und Essrezepten im Laufe von mehreren Jahrhunderten zusammen geblasen.
Ami Scabar, Mitautorin und Chefin des Restaurants ‚Scabar’ in Triest hat sich der ‚Haute Cuisine’ verschrieben und lehrt uns einkaufen, kochen und genießen in Triest. Ratschläge und wunderbare Rezepte wechseln mit Landschaftsbeschreibungen, Erlebnissen und Ausflügen in Triests Geschichte ab. Natürlich kommen auch Wein und Kaffee nicht zu kurz.

Dieses kleine, schöne Büchlein aus der Reihe ‚Oasen für die Sinne’ ist ein literarischer, historischer, soziologischer und kulinarischer, ein sehr persönlicher Reiseführer von zwei Personen, die Triest lieben und genießen und uns auch dazu einladen.

VERANSTALTER VON SLO ITA AUT:
ZV Steiermark in Kooperation mit Architekturinstitutionen in Triest.

KONTAKT:
ZV Steiermark
Zentralvereinigung der Architekten Steiermark

c/o HDA
Haus der Architektur
im Palais Thinnfeld
Mariahilferstraße 2
8020 Graz

Projektleitung SLO ITA AUT:
Martin Krammer, Anke Strittmatter
Ansprechperson & Organisation:
Arch. DI Anke Strittmatter
strittmatter@osa-online.net

Verfasser/in:
Wenzel Mracek, Bericht

Datum:

Thu 16/04/2009

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Kommentare

Liebe ZV: weiter so!

Die Exkursion diente neben dem Besichtigen von Architektur, vor allem dem Austausch, der Vernetzung und war außerdem unheimlich kurzweilig und lustig - eine Leistung des ZV-Teams. Highlight war der Besuch bei Peter Lorenz (und das Abendessen, Dank an die Sponsoren). Es wäre, so glaube ich, im Interesse vieler, dass die ZV mindestens 1x im Jahr kurze Architekturexkursionen veranstaltet, für die man kurzfristig Zeit hat. Vorschlag für die nächste Reise: eine Region in Ungarn.

dankeschön!

..ein dankeschön an die organisatoren!
..war eine tolle fahrt!

beste grüsse
arch di viktor jung

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