Historische Stadtrandsiedlung aus den 1930er-Jahren durch Nachverdichtung bedroht

Zwischen 1932 und 1937 entstanden in Österreich im Rahmen der Randsiedlungsaktion der Bundesregierung insgesamt 340 Stadtrandsiedlungen, um den Folgen der wirtschaftlichen Krisensituation in der Zwischenkriegszeit – hohe Arbeitslosigkeit und äußerst prekäre Lebensumstände - entgegenzuwirken. Ihre Errichtung wurde staatlich gefördert. Siedlungsträger waren gemeinnützige Baugenossenschaften oder Kommunen. Die sechs größten entstanden in Wien, die typischen Randsiedlungsstädte waren aber Graz, Linz, Klagenfurt, Salzburg und St. Pölten.

Stadtrandsiedlungen in Graz
Eine der größten Siedlungsaktionen in Graz fand im Bezirk Gries, westlich der Triesterstraße auf Höhe der Vinzenz-Muchitsch-Höfe statt. Zwischen Amselgasse und Adalbert-Stifter-Gasse wurden von drei Wohnbaugenossenschaften – unter Mitarbeit der SiedlerInnen – auf ca. 1000 m² großen, schmalen, aber tiefen Parzellen mit 80-jährigem Baurecht insgesamt 116 Siedlerhäuser errichtet (Abb. 1, 2). Davon entstanden 16 Doppelhäuser nach Plänen des Sezessionsarchitekten Eugen Székely, der in Graz eher unbekannt ist. Auch der erste Gesamtplan der Stadtrandsiedlung stammt von ihm. Die Doppelhäuser mit jeweils rund 50 m² Wohnnutzfläche und integriertem Kleintierstall sind in Giebelmitte geteilt, ein bemerkenswerter Trick, um die beiden Haushälften als ein Haus und damit größer und weniger ärmlich erscheinen zu lassen. Der Entwurf entspricht dem von Székely in der Jubiläumsausstellung der Sezession Graz 1933 gezeigten Modell (Abb. 3, 4, 5). Die im Bebauungsplan festgelegte Erschließung, Parzellenteilung und Bauweise - Häuser und Vorgärten zur Straße, Wirtschaftsgärten im privaten, hinteren Bereich - trugen wesentlich zum einheitlichen Siedlungsbild bei und bestimmen auch heute den besonderen Gebietscharakter.

Siedlerkurse für erfolgreiche Subsistenzwirtschaft:
Nachdem die Häuser an die Siedlern verlost wurden, erhielten sie kostenlose Siedlerschulungskurse über Bewirtschaftung der Siedlerstelle, Einteilung des Gartens, Komposterzeugung, Gemüse- und Obstbau, Kaninchen-Schweine- und Bienenzucht. Laut den, zwischen Genossenschaften und Siedlern abgeschlossenen Verträgen waren die Bewirtschaftung und auch der Besuch der Kurse verpflichtend. Über die Bewirtschaftung mussten sie quartalsmäßig Bericht erstatten. Die Siedler konnten mit intensiver Bewirtschaftung ihren Eigenbedarf an Gemüse, Obst und Fleisch decken und mit dem Verkauf von Überschüssen zu Bargeld kommen.

Den meisten GrazerInnen sind diese Siedlungen und deren ursprüngliche Bedeutung unbekannt. In Stadt- und Architekturführern wie beispielsweise „Österreichische Architektur, Ausgabe Steiermark“ von Friedrich Achleitner, werden sie leider nicht erwähnt. Julia Polt, die sich in ihrem Buch „Die Grazer Stadtrandsiedlungen der Randsiedlungsaktionen 1932-1937“ (Grazer Universitätsverlag) mit der komplexen Entstehungsgeschichte und der sozialpolitischen Bedeutung der Stadtrandsiedlungen beschäftigt, spricht in diesem Zusammenhang von „großen Lücken im kollektiven, kulturellen Gedächtnis, die fast mit einem allgemeinen Vergessen gleichzusetzen sind“.

Grazer Stadtrandsiedlungen heute
(Abb. 6, 7)
Die meisten der damals errichteten Häuser stehen noch, wenngleich mittlerweile renoviert oder umgebaut. Das ursprüngliche einheitliche Erscheinungsbild fiel dem Wunsch nach Individualität zum Opfer. Einige Parzellen wurden zusammengelegt, Randparzellen geteilt. So entstanden im Gegensatz zum ursprünglichen Charakter zu große Haustypen, die wie Fremdkörper erscheinen (Abb. 8, 10-14). Manche Häuser bestehen noch im ursprünglichen Zustand oder wurden behutsam und geringfügig erweitert (Abb. 15, 16, 17). Ein zusammengelegtes Doppelhaus etwa wurde einfühlsam nach Plänen des Architekturbüros Innocad umgebaut (Abb. 18, 19). Veränderte Lebenssituationen, aber auch der Umstand, dass ursprüngliche SiedlerInnen bzw. deren Nachkommen weggezogen sind, und stattdessen ZuzüglerInnen mit anderen Wohnvorstellungen hinzukommen, wirken sich auf die Verortung in der Siedlung, auf soziale Differenzierungen und auf die Nutzungsvielfalt aus. Die Selbstversorgergärten entwickelten sich oftmals zu reinen Ziergärten, auch wenn bei vielen BewohnerInnen noch die Erinnerung an die Nutzgärten mit Kleintierhaltung lebendig ist (Abb. 20, 21). Krähende Hähne werden heute eher als Belästigung empfunden und ein Gemüsegarten lässt womöglich auf geringes Einkommen schließen.
Das Projekt kunstGarten in der Payer-Weyprecht-Straße verbindet Ziergarten mit Nutzgarten und bietet niederschwellige Kunstvermittlung über Gartenkunst. Hält man sich dort auf, schätzt man die hohe Qualität des zusammenhängenden Grünraumes, der sich durch die Rücken an Rücken liegenden Parzellen ergibt. (Abb. 22, 23, 24)

Fehlende Bebauungspläne
In der Grazer Stadtplanung existiert für keine der Stadtrandsiedlungsgebiete ein Bebauungsplan. Bei der sehr geschlossen wirkenden Siedlung im Bereich Amselgasse /Adalbert-Stifter-Gasse geht das Bemühen des Stadtplanungsamtes in die Richtung „solche erkennbaren Typen mit Bebauungsplänen entsprechend abzudecken“ (J. Polt Interview mit Heinz Rosmann). Das Charakteristische der Anlage soll trotz Nachverdichtung erhalten bleiben. Vorstudien für eine Bebauungsrichtlinie wurden zwar beauftragt, eine Richtlinie aber nie beschlossen. Veränderungen und Nachverdichtung gehen munter weiter. So geht der ursprüngliche Charakter mehr und mehr verloren, Bauansuchen werden im Anlassfall beurteilt. Laut Auskunft des Stadtplanungsamtes (Quelle: J. Polt) ist das Errichten von Garagengebäuden oder Carports im hinteren Gartenbereich nicht erwünscht, dennoch entstehen solche.

Ein aktueller Anlassfall bereitet den Anrainern große Sorge: Ein Bauwerber in der Amselgasse beabsichtigt, seine Haushälfte zu einem Mehrparteienwohnhaus mit 6 Wohnungen umzubauen und 6 Carports zu errichten. Das Stadtplanungsamt bzw. die Baubehörde hat zum Schutz der Nachbarn links und rechts der schmalen Parzelle Schallschutzwände vorgeschlagen. Die Nachbarn haben Einspruch erhoben. Weil es sich um ein laufendes Verfahren handelt, erhält man keine näheren Auskünfte zu diesem Fall. Lediglich, dass die Anzahl der Wohnungen und Carports reduziert werden müsse.

Sollten derartige Nachverdichtungen Schule machen, ist zu befürchten, dass der Charakter der Gesamtanlage für immer zerstört wird, zumal diese aufgrund der höheren Dichte auch für Bauträger interessant werden könnte, die dann möglicherweise mehrere Parzellen zusammenlegen. In den Anfangsjahren der Siedlung war man bei Erweiterungsplänen noch mit sehr rigiden Vorschriften konfrontiert, die dem Erhalt der einheitlichen Stilrichtung und des Erscheinungsbildes dienen sollten. So konnte es schon vorkommen, dass nachträglich errichtete Gartenhütten abgerissen werden mussten oder Veranda-Anbauten nicht bewilligt wurden. Baukultur und der Erhalt des Gebietscharakters scheinen hingegen heute kein Thema mehr zu sein. (Abb. 9, 9a)

Es geht nicht darum, für Einfamilienhausgebiete niedriger Dichte eine Lanze zu brechen, sondern darum, das kollektive, baukulturelle Gedächtnis für bedeutende historische Siedlungen zu schärfen. Die von bedeutenden Grazer Architekten erstellten Konzepte sind als urbanistisch und auch wohnungspolitisch wertvolle Beispielfälle zu erhalten und in entsprechend respektvoller Art weiterzuentwickeln. Zudem wäre es mehr als bedauerlich, würde man die letzten erhaltenen Bauten des Architekten Eugen Székely nur mehr in Ausstellungen und vereinzelten Dokumentationen betrachten können. Graz ist als Kulturhaupt- und Weltkulturerbestadt für qualitätvolle Baukultur verantwortlich.

BIOGRAFIE Eugen Székely

1894 geboren in Budapest, 1962 gestorben in Haifa

Eugen Székely war jüdischer Architekt, studierte an der Technischen Hochschule in Graz und bei Hans Poelzig in Berlin, war in der Zwischenkriegszeit in der Steiermark nicht nur einer der konsequentesten Vertreter des Neuen Bauens, sondern gehörte auch zu den anerkanntesten Architekten des Landes. Er war Vizepräsident der Sezession Graz und wurde 1927 mit dem Staatspreis ausgezeichnet. Nach seinen Plänen wurden um 1930 das Margarethenbad in Graz und das Freibad in Pernegg sowie das Arbeitsamt Graz errichtet. Vergleichbar nur mit den Arbeiten Herbert Eichholzers, schließen seine Projekte eng an die internationale Entwicklung an und interpretieren diese den lokalen Gegebenheiten entsprechend neu. Eine seiner letzten Planungen war eine Siedlung für Arbeitslose und Kurzarbeiter am nördlichen Stadtrand von Graz.

Wegen der diktatorischen Verhältnisse und der antisemitischen Stimmung in Österreich entschloss sich Székely 1935 zur Emigration nach Palästina, wo er nach dem Krieg große Bauvorhaben, darunter eine Fabrik und Wohnsiedlungen für Arbeiter plante. Dass sein innovatives und feinfühliges Werk heute in Österreich fast unbekannt ist, lässt sich einerseits durch seine frühe Emigration, andererseits wohl auch dadurch erklären, dass hier kaum etwas von seinen Bauten erhalten ist. (Quelle Ausstellung „ Moderne in dunkler Zeit“, Neue Galerie 2001, Webseite der Ausstellung)

Verfasser/in:
Elisabeth Lechner, Kommentar

Datum:

Thu 02/04/2009

Kommentare

sardinen in der dose

ich wohne selbst seit kurzem in der gegend und geniesse den großen grünraum, der sich durch diese parzellenanordnung ergibt. freundInnen und bekannte, auf meinen neuen wohnort angesprochen,äußern sich zuerst immer etwas mitleidig, 'du wohnst im südlichen gries, bei der triester siedlung, hast du nichts besseres gefunden?' wenn sie mich allerdings das erste mal besucht haben, sind sie völlig überrascht, was für eine hohe wohnqualität im 'armenbezirk' gries möglich ist. eine nachverdichtung würde dieses 'dorf in der stadt' langsam aber sicher zerstören und dem restlichen ambiente des bezirks angleichen.
eines muss man auf jeden fall wissen: sechs wohnungen und ebenso viele carports/garagenplätze mögen im vergleich zu anderen gegenden nicht viel erscheinen, wären hier aber fatal. diese grundstücke wurden nicht nur für wohnzwecke geschaffen, sondern jede familie sollte sich soweit wie möglich selbst versorgen können (die siedlung wurde in der zeit der schlimmsten weltwirtschaftskrise mit arbeitslosigkeit, armut und hunger erbaut), dazu brauchte man größere obst- und gemüseanbauflächen, desgleichen flächen für die kleintierhaltung. daher wurden sehr lange, aber auch sehr schmale parzellen angelegt, denn gemüse und kleintiere brauchten schon damals nicht soviel platz wie menschen. hätte man damals vorgehabt, hier mehr leute wohnen zu lassen, hätte man die parzellen anders angeordnet: nicht so lange, dafür aber breiter, denn die grundstücke sind durchschnittlich nur ca. 15 meter breit. natürlich könnten hier mehrere familien wohnen, dann aber wie sardinen in der dose, denn unser platzbedarf ist bis heute ja exponentiell gestiegen (freizeitverhalten, autos, swimmingpools u.v.a.m.). alles, was sie auf so einem grundstück tun, tun sie direkt vor den augen und ohren ihrer nachbarInnen. das geht gut, solange die anzahl der hier wohnenden nicht zu groß wird, ansonsten beginnt man sich rasch gegenseitig auf die zehen zu steigen, mit all den sozialen folgen, die eine zu große dichte von menschen mit sich bringt.
eine hälfte der parzellenbreite nimmt im straßenseitigen teil die jeweilige haushälfte ein, dazu kommen der zufahrtsweg und ein grünstreifen. wird nun wie geplant gebaut, kommen im vorderen teil das mehrparteienhaus, anschließend im gartenteil die garagen/carports zu stehen, letztere nur durch die zufahrtsstraße zu erreichen, die direkt an der grundstücksgrenze und damit nur wenige meter von der eingangstüre des nachbarhauses entfernt ist. man kann sich vorstellen, was das an lärm-, staub- und sonstiger belästigung für den/die nachbarIn darstellen würde, ganz abgesehen, davon, dass eine solche bebauung das nördliche grundstück stundenweise vollkommen beschatten würde.
mein appell an die verantwortlichen menschen in der baubehörde: beurteilen sie die bauvorhaben nicht nur vom schreibtisch aus, sehen sie sich die spezifischen verhältnisse vor ort an und entscheiden sie dann!

qualität in der krise

es geht hier nicht nur um geschichte - wichtig ist, dass in dieser zeit, ohne nur auf den profit zu achten, sozial leistbare und lebenswerte siedlungen mit grossen freiräumen und gemeinschaftsbereichen entstanden, die auf die bedürfnisse der wohnungssuchenden wirklich rücksicht nahmen. heute werden diese siedlungen durchwegs 1.privatisiert, 2.dann sofort bis zum maximum nachverdichtet (zb. polizeisiedlung, u.a.). es war eine zeit der krise, unsere derzeitige krise ist noch zu wenig spürbar

Erben der Vergangenheit und Schudner der Zukunft

Es ist schade, immer wieder zu sehen, wie sehr BürgerInnen der Sinn für die historischen Bezüge, in denen wir leben, abgeht. Wir haben ja unsere Städte nicht auf "der grünen Wiese" einfach aus dem Boden gestampft, sondern haben ein Erbe übergeben bekommen - und geben es leider nicht mehr weiter.

Es trifft freilich zu, daß die Bewohner der Städte in jeder Zeit das übernommene Erbe verändert und somit der jeweiligen Gegenwart ihren Stempel aufgedrückt haben. Aus romanischen Siedlungen wurden gothische, wieder später prägten Renaissance, Barock usw. das Stadtbild. Aber heute sind wir doch froh, wenn wir Altes oder gar sehr Altes noch erhalten vorfinden (wie z.B. romanische Wohnhäuser in Regensburg). Auch sind wir dankbar für die Vielfalt der Stile, wie wir sie z.B. in Prag vorfinden können.

Allerdings haben wir ein bewußteres Verhältnis zur Geschichte. Wir wissen mehr über das Gestern als unsere Vorfahren, wir sehen uns bewußter als einen Punkt im Strom der Zeit. Unsere Zeit und unsere Bedürfnisse sind nicht mehr das Maß dafür, wie wir mit unserem Erbe umgehen sollten. Denn was wir heute zerstören, ist für künftige Generationen für alle Zeiten verloren.

Völlig egal? Hauptsache, daß der heute erreichbare Wohnkomfort realisiert wird?
Warum verbringen wir im Urlaub unsere Zeit an Orten wie Athen, Rom, Florenz oder Paris? Touristen in Stockholm suchen zielstrebig "Gamla Stan", die Altstadt auf. Die Besucherströme ergießen sich nicht in Stadtteile wie das Hasenbergel in München oder Mümmelmannsberg und Steilshoop in Hamburg.

Die beschriebene Stadtrandsiedlung hat sicherlich nicht die historische Stellung wie z.B. die Akropolis in Athen, keine Frage, aber dennoch: Hier wurde Stadtgeschichte geschrieben (bzw. gebaut), nun wird sie sanft Stück für Stück entsorgt. Dabei ist ja gerade das Besondere an Europäischen Städten gegenüber US-amerikanischen oder australischen, daß sie soviel Geschichte "atmen".

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