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Pratogasse, 17. Bezirk, Graz-Puntigam; Screenshot B. Landl
©: Aleksandra Kołodziejczyk / Karl Wratschko

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Bericht
Hedwig, Paula & Co.

Im Vergleich zu Männern sind Frauen durch topografische Bezeichnungen gleichbleibend unterrepräsentiert, wodurch die Geschlechterpräsenz, gemessen an der demografischen Realität von Männern und Frauen, verzerrt und das Geschlechterverhältnis über die körperliche Praxis in die Produktion von Räumen, die Reproduktion räumlicher Differenzierungen und in die Wahrnehmung von Städten eingeschrieben bleibt.

1|15 – Beweisführung
Dass (auch) in Graz das Verständnis und die Notwendigkeit von geschlechtergerechter Inanspruchnahme öffentlichen Raumes nicht realisiert sind, zeigt 1|15 – ein Kurzfilm von Aleksandra Kołodziejczyk und Karl Wratschko (Sprecherin: Karolina Preuschl; Postproduktion: Johannes Gierlinger; 16mm, 3 Minuten 23 Sekunden, 2020). Dieser schildert kurz und knapp und konsequent, orientiert am Buch Grazer Straßennamen – Herkunft und Bedeutung von Astrid Wentner und Karl Albrecht Kubinzky in der 4. Auflage (2018), dass in Graz rund 94% aller personenbezogenen Straßen die Namen von Männern tragen. Kołodziejczyk und Wratschko haben sich für eine unmissverständliche Bild(er)sprache entschieden, indem sie alle Verkehrsflächen in Graz dokumentieren, die nach Frauen benannt sind – alle(s) der Reihe nach: Pratogasse, Herta-Frauneder-Straße, Mela-Spira-Straße, Olga-Rudel-Zeynek-Gasse, Erna-Diez-Straße, Geistingerweg, Wittulaweg, Schererstraße, Maria-Pachleitner-Straße, Annaweg, Annaplatz, Johanna-Kollegger-Straße, Gallmeyergasse, Königshoferstraße, Helene-Serfecz-Platz, Bresslern-Roth-Weg, Mariannenweg, Zanklstraße, Klara-Fietz-Gasse, Karolinenweg, Puchleitnerweg, Inge-Morath-Straße, Eugenie-Schmiedl-Hain, Jaquetweg, Pachlerweg, Aspasiagasse, Orgeniweg, Helenenweg, Juliana-Scheifler-Weg, Ingeborg-Bachmann-Gasse, Suttnerweg, Kollwitzgasse, Bertha-von-Suttner-Platz, Gertrude-Wagner-Allee, Hedwig-Katschinka-Straße, Paula-Wallisch-Straße, Paula-Grogger-Weg, Margarete-Schütte-Lihotzky-Straße, Bertha-von-Suttner-Friedensbrücke, Dorothee-Sölle-Weg, Elisabethinergasse, Margarete-Hoffer-Platz, Mariengasse, Marienplatz, Annenstraße, Droste-Hülshoff-Gasse, Charlottendorfgasse, Aigner-Rollett-Allee, Odilienweg, Brandhofgasse, Elisabethstraße, Elise-Steiniger-Steg, Susanne-Wenger-Weg, Maria-Theresia-Allee.

(Feministische) Forschung zu Stadt und Raum
In jeweils einer Einstellung rücken die Straßen in den Blick der Zuschauenden und immer näher ans Stadtzentrum heran. Mit 1|15 wurde eine Bestandsaufnahme vorgelegt, ein Beitrag zur aktiven Erinnerungskultur und Geschlechtergerechtigkeit sowie eine kritische Befragung nach der Repräsentanz von Frauen im öffentlichen Raum, der symbolisch auch für andere gesellschaftliche Bereiche stehen kann.
Die ‚Lesbarkeit‘ der Stadt hinsichtlich ihrer topografischen Bezeichnungen und Darstellungen berühmter Menschen anhand von Denkmälern ist aus Geschlechterperspektive einseitig. Topografische Bezeichnungen sind nicht nur Orientierungshilfen, sondern dienen auch dem Gedenken und der Manifestierung bedeutender Persönlichkeiten oder Ereignisse. Auch ist die Würdigung für lebende Frauen wichtig, um Vorgängerinnen zu erkennen und nicht nur an bedeutende Männer erinnert zu werden. Hier gilt: Zukunft braucht Vergangenheit! (siehe: Sarah Lintschnig, Über die (Un-)Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum – Topografische Bezeichnungen in Graz, 2012)

Wie sich Menschen im öffentlichen Raum bewegen und an Öffentlichkeit teilhaben (können), wird durch gesellschaftliche und soziale Faktoren bestimmt. Der Grad der Selbstverständlichkeit individueller Aneignungsprozesse ist unmittelbar mit dem Geschlecht eines Menschen verknüpft und zeigt sich bereits in der kindlichen Sozialisation. (vgl.: Gabriele Heidecker, Vor meiner Tür. Über eine gendersensible Gestaltung des Wohnumfeldes, in: Christina Altenstraßer/Gabriella Hauch/Hermann Kepplinger (Hrsg.), gender housing. geschlechtergerechtes bauen, wohnen, leben, 2007) Laut Heidecker spiegelt der Zugang zu öffentlichem Raum gesellschaftliche Verhältnisse wider. Ein ungehinderter Zugang zu demselben setzt die Anerkennung als einen akzeptierten Teil der Gesellschaft voraus. Begrifflichkeiten wie Öffnung und Begrenzung sowie Integration und Ausschluss zeigen sich in vielfältigen Ausformungen in unserer gestalteten Umwelt und regeln somit entscheidende Bereiche zwischenmenschlicher Beziehungen. Wie viel Raum einem Menschen, sowohl im Privaten als auch im Öffentlichen, zugestanden und zur Verfügung gestellt wird, kann „als gesellschaftlicher Wertmaßstab“ verstanden werden. Durch die geringe Präsenz von Frauen im öffentlichen Raum werden geschlechtliche Positionierungen im Stadtraum und ein ungleiches Geschlechterverhältnis (re-)produziert und perpetuiert.

Die projizierten Bedeutungen der Räume sind natürlich mit Machtverhältnissen innerhalb einer Gemeinschaft verbunden und von ihnen abgeleitet. Dass Geschlecht Gesellschaft strukturiert, scheint klar. Geschlecht gestaltet als Strukturprinzip jede Handlung und somit auch das Wahrnehmen von Räumen und Städten ebenso wie die Platzierung in Städten. Wie dieses Strukturmerkmal allerdings an Macht verlieren kann, bleibt fraglich bzw. zu erproben. Dass Geschlecht bis heute als Strukturmerkmal fungiert und wir ungebrochen in einer asymmetrischen Geschlechterkultur leben, wird auch im öffentlichen Raum anhand von männlicher und weiblicher Präsenz und (Re-)Präsentation sichtbar. (vgl.: Martina Löw/Silke Steets/Sergej Stoetzer, Einführung in die Stadt- und Raumsoziologie, 2007)

Das Ziel ist Gerechtigkeit
Seit Jahren wird viel über Geschlechtergerechtigkeit gesprochen und diskutiert. Gender-Mainstreaming ist (mittlerweile) die politische Strategie, die diese herstellen soll. Gender-Planning nennt sich dabei die konkrete Methode, die diese in der räumlichen Planung durchsetzen und als Instrument in der Entwicklungs- und Umsetzungsphase von Projekten dabei helfen soll zu prüfen, ob die unterschiedlichen Sichtweisen von Männern und Frauen berücksichtigt wurden – und ob die künftige Nutzung gleichberechtigt wird. Dabei geht es darum, bei jeder politischen Entscheidung die Auswirkungen auf alle Geschlechter in den Blick zu nehmen. Internationales Recht sowie nationales Recht verpflichten zur Umsetzung dieser Strategie.
Lange Zeit war kaum an Frauen gedacht worden, wenn Straßen neu zu benennen waren, doch sind Regierungen entsprechend ihrer gleichstellungspolitischen Ziele inzwischen verpflichtet, die Anzahl der nach Frauen benannten Verkehrsflächen zu erhöhen. Durch Doppelbenennungen können zusätzlich mehr Straßen nach Frauen benannt, vor allem aber können problematische Straßennamen durch diese ersetzt werden. Hier besteht Handlungsspielraum und ein enormes Potenzial, wirft man einen Blick auf den Endbericht der ExpertInnenkommission für Straßennamen in Graz (Kurzfassung, 200 Seiten, pdf) und die Übersicht über problematische Straßennamen (Karte, pdf, 2MB). Eine 14-köpfige Expert*innenkommission unter der Leitung von Stefan Karner und dessen Stellvertreterin Karin Schmidlechner untersuchte die Straßenbezeichnungen in Graz. Die Kommission kam im November 2017 zum Schluss, dass von den 1630 Grazer Verkehrsflächen 82 die Namen von historisch bedenklichen Personen tragen, wovon 20 Personen als höchst bedenklich eingestuft werden. Der Bericht der Historikerkommission wurde im März 2018 veröffentlicht und enthielt keine Handlungsempfehlungen. (Maßnahmenkatalog vom Februar 2021: https://www.graz.at/cms/ziel/10900919/DE – wie viele Männer verschwinden zugunsten einer Frau?)

Rechtlicher Rahmen
Nach Artikel 35 Absatz 1 des Österreichischen Grundrechtskatalogs sind Männer und Frauen „gleichberechtigt“. Dies sollte sich selbstverständlich auch bei den Straßenbenennungen niederschlagen, wobei es sich keineswegs um eine Petitesse handelt: Straßenschilder markieren öffentliches Gedenken, und das sollte dem Grundgesetz entsprechen. Straßennamen sind Teil unserer persönlichen Adresse. Wir haben tagtäglich damit zu tun. Deshalb kann über Straßennamen bewusstseinsbildend gewirkt werden. Die Missachtung der Tatsache, dass auch Frauen eine Stadt formen und entwickeln und dass dies zu würdigen ist, bedeutet die Fortschreibung der Diskriminierung von Frauen und führt zu falschen Interpretationen gesellschafts- und kulturpolitischer Entwicklungen. Frauen verdienen immer noch bis zu 40 % weniger als Männer, das hat zuallererst mit der Wertschätzung ihrer Leistung zu tun. Über Straßenbenennungen nach Frauen lässt sich dazu beitragen, die Leistung von Frauen höher zu bewerten. Es scheint, dass wir noch immer davon ausgehen, dass sich das Geschlechterverhältnis im Raum niederschlägt und weniger davon, dass es auch vom Raum geprägt wird. (siehe: Kerstin Dörhöfer/Ulla Terlinden, Verortungen. Geschlechterverhältnisse und Raumstrukturen, 1998)

Zusatz
Am 1. Februar 2021 wurde die erste Zusatztafel im Maria-Cäsar-Park montiert: https://www.graz.at/cms/beitrag/10363979/8106610/Zusatztafeln_fuer_Stras...

Sarah Lintschnig, Über die (Un-)Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum – Topografische Bezeichnungen in Graz, 2012: https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/download/pdf/224931?originalFilename...

Endbericht der Expert*innenkommission für Straßennamen in Graz (Kurzfassung, 200 Seiten, pdf): https://www.graz.at/cms/dokumente/10327035_7773129/2e04cc04/Endbericht%2...

Übersicht über problematische Straßennamen (Karte, pdf, 2MB): https://www.graz.at/cms/dokumente/10327035_7773129/b356dad3/Bedenkliche_...

Aleksandra Kołodziejczyk und Karl Wratschko im Gespräch mit Elisabeth Berger für fernetzt. Verein zur Förderung junger Forschung zur Frauen- und Geschlechtergeschichte (15. Juni 2021): https://www.univie.ac.at/fernetzt/20210615/

Verfasser / in:

Bettina Landl

Datum:

Fri 16/07/2021

Infobox

Hedwig, Paula & Co.

Topografische Bezeichnungen sind nicht nur Orientierungs-hilfen, sondern dienen auch dem Gedenken und der Manifestierung bedeutender Persönlichkeiten oder Ereignisse.
Der Kurzfilm 1|15 ist eine Bestandsaufnahme im Hinblick auf die (Un-)Sichtbarkeit von Frauen im öffentlichen Raum der Stadt Graz, ein Beitrag zur aktiven Erinnerungskultur und Geschlechtergerechtigkeit sowie eine kritische Befragung nach der Repräsentanz von Frauen im öffentlichen Raum, der symbolisch auch für andere gesellschaftliche Bereiche stehen kann.

In Graz tragen rund 94% aller personenbezogenen Straßen die Namen von Männern.

Filmreview von
Bettina Landl

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Ab Artikelveröffentlichung (16.07.2021) kann der Kurzfilm 1|15 10 Tage lang angeschaut werden.
(s. Link unten, Passwort: 1_15)

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