Frau Mao nimmt sich Zeit

STADTENTWICKLUNG Herr Farmah, Herr Otter, Frau Mao – drei Gesichter, die die Annenstraße prägen. Mit dem neuen ECE-Center und mehr Platz für Flanierer will die Stadt der angeschlagenen Straße nun endgültig den Turnaround verschaffen. Aber wohin soll's gehen - Klein-Peking oder Designerviertel? Naschmarkt oder coole Shoppingmeile?

Pickt!", ruft es aus der Umkleidekabine im Hongkong-Markt, der Jeans, Taschen und Shirts extrem billig feilbietet. "Jeders Stück 1 Euro", steht auf einem Schild über einem glänzenden grasgrünen String-Tanga mit der Aufschrift "Sexkiss". Die ältere, grauhaarige Dame mit Pferdeschwanz späht aus der Kabine, Mao Liu Jiao, die hier im Laden ihres Bruders angestellt ist, eilt zu ihr. Die Kundin sucht Leggings. "Pass' ich wohl in die?", hat sie gefragt, als die Verkäuferin ihr eine hingehalten hatte. "Das glaub' ich schon!", hat diese geantwortet und sie angelächelt. "Ohne dass sie am Fuß pickt? Der ist nämlich dick, der Fuß!" Geduldig sucht Frau Mao andere Leggings heraus. Ihr kleiner Sohn stakst aus einem Nebenzimmer und holt sich zwei Mini-Bagger. Auf dem Bildschirm neben der Kassa blinkt es, großes Hallo: Die Schwester von Mao Liu Jiao ruft via Skype aus Spanien an. Ein Billigladen mit viel Zeit und Charme – nicht untypisch für die Annenstraße.

Vergangene Woche gab der Grazer Gemeinderat grünes Licht für das Einkaufszentrum der ECE-Gruppe am Ende der Annenstraße. Damit und mit einer Initiative für weniger Verkehr soll es mit der wenngleich bunten, so doch ramponierten Einkaufsstraße endlich bergauf gehen. Wie realistisch ist das? Und: Wohin soll's gehen? Klein-Peking oder -Istanbul? Wien-Mariahilf? Naschmarkt?

Die 1864 fertiggestellte Annenstraße, als wichtigste Achse zwischen dem neuen Bahnhof und der Altstadt errichtet, wurde nach der Frau von Kaiser Ferdinand I. benannt: Anna Maria von Sardinien flanierte als erste prominente Werbeträgerin durch die Straße. Für viele Jahrzehnte sollte die Straße eine wichtige Einkaufsmeile sein, bis in die Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts war sie vor allem für Leute vom Land, die mit dem Zug nach Graz reisten, Ziel samstäglicher Familienausflüge: Sie fanden hier alles, was sie brauchten. "Auch wir sind als Kinder noch von Knittelfeld nach Graz in die Annenstraße gefahren, um Wintermäntel zu kaufen", sagt der gut vierzigjährige Architekt Günter Reissner. Ab den Neunzigern aber sperrten die ersten Einkaufszentren auf - auch in den Bezirken außerhalb von Graz: Die Landbewohner waren nicht mehr auf die Hauptstadt angewiesen, und die Grazer ratterten in ihren Autos in die Center am Stadtrand.

Der schlechte Geschäftsgang in der Annenstraße zeichnet sich an den Gebäuden und Fassaden ab: Ladeninhaber investierten ebenso wenig wie Hauseigentümer. Die Rolle Letzterer führte schon zu vielen Schreiduellen. "Es gibt Eigentümerfamilien, die ihren Hintern jahrelang nicht bewegt haben", sagte kürzlich bei einer Veranstaltung zum Thema Annenstraße der Grazer SP-Chef Wolfgang Riedler: "Immer nur zu beklagen, dass sich nichts tut, und im eigenen Haus nichts zu investieren, ist zu wenig." Viele Vermieter von Geschäftslokalen gingen auch mit den Preisen nicht der Lage entsprechend herunter, meint Renate Meschuh, eine der Initiatorinnen des Film-Clusters Annenhof neben dem gleichnamigen Kino und Eigentümerin zweier Häuser in der Straße. Und viele würden wahllos an wen auch immer vermieten, ohne auf Qualität oder einen passenden Mix zu achten. So standen einerseits Geschäfte leer, anderseits wuchs der Anteil an Diskontern. Auch die Stadt schaute jahrelang zu. Das Shoppen in der Annenstraße machte auch deshalb immer weniger Spaß, weil dort viele Autos brausen, es laut und eng ist. Einen Anlauf zur Verkehrsberuhigung im Jahr 1999 brach die Stadt nach drei Wochen wieder ab. Und eine Initiative zur stärkeren Zusammenarbeit von und mit Migranten scheiterte laut Reissner, weil viele von diesen die dafür beauftragte Türkin nicht akzeptierten, weil sie eine Frau war. An diesem heiklen Punkt wurde abgebrochen, anstatt weiterzumachen.

Nun soll endgültig alles anders werden: Das Shoppingcenter ECE, so die Hoffnung, zieht Besucher an, die auch die Annenstraße abklappern. Außerdem präsentierten Planungsstadträtin Eva Maria Fluch (ÖVP) und die grüne Vizebürgermeisterin Lisa Rücker vergangene Woche ein Konzept, wonach Autos künftig nur mehr stadteinwärts durch die Straße fahren dürfen. Dafür sollen die Gehsteige doppelt so breit werden, ein Radfahrstreifen kommt dazu. In die gesamte Straße soll mehr Grün einziehen. Kann es diesmal klappen?

Die Chancen stehen mehr als gut, glauben Experten. Nicht nur, weil die Annenstraße "der bestangebundene Standort der Steiermark" ist, wie Architekt Günter Reissner betont, der 2005 ein Relaunch-Konzept für die Straße erarbeitet und nun deren Neugestaltung geplant hat: "940 Tramways fahren jeden Tag durch die Straße, allein sie bringen 20.000 bis 30.000 Menschen." Reissner: "Die Straße leidet unter einem Gestaltungsdefizit, hat aber ein unglaubliches Potenzial. Sie hat Fachgeschäfte, die man sonst nirgends findet, sie ist jung, attraktiv, urban und multikulturell."

"Alicia, was gibt's denn, mein Schatz? Weil's keine Briochekipferl mehr gegeben hat? - Entschuldigen Sie bitte, meine Tochter", sagt Kurt Otter und kniet sich zu der weinenden Siebenjährigen. Auch sonst hat der Optiker nur wenig Ruhe. Für den Kunden um drei Uhr hat er eine ganze halbe Stunde reserviert. Und einen Parkplatz - zwei davon haben Birgit und Kurt Otter im Hof ihrer nebenan liegenden Wohnung für ihre Klientel bereitgestellt, erklärt Otter und winkt Richtung Straße: "Eine Stammkundin." Das Telefon läutet, er sagt in den Hörer: "Ich verspreche: Es dauert nicht lange", und springt zur Tür, da drei Frauen eintreten. Später eilt ein junger Mann in rot-weißem Dress in den Laden: "Wo kriegt man diese Fahnen?", deutet er in die Auslage, wo die Flaggen aller an der Fußball-EM teilnehmenden Länder hängen. Otter schaut mit ihm die Homepage der Firma an.

Otter, auch Obmann der Initiative Annenstraße, demonstriert eine von deren Stärken: Es menschelt mehr, es geht unkonventioneller zu als in der City, das Personal nimmt sich mehr Zeit. Das Optikgeschäft zählt auch zu jenen in der Straße keineswegs raren Geschäften mit speziellem Angebot, großer Auswahl und hoher Qualität. Wie die beiden Läden der indischen Familie gleich nebenan. Hardev Farmah führt das Kleidergeschäft, ihr Mann Bhupinder den Farmah's Indien Supermarkt, der außer auf Gewürze und asiatische Lebensmittel auch auf indische Filme spezialisiert ist. "Manche Kunden kommen extra aus Murau und Knittelfeld zu uns", erzählt Sohn Amit. Die Klientel besteht "zu etwa 60 Prozent aus Österreichern, der Rest sind Inder, Japaner, Koreaner, Schwarzafrikaner".

Auch das kann die Annenstraße: Leute unterschiedlichster Herkunft zusammenbringen. Die Kellnerin im Café Side, wo es türkische Pizza und günstige rote Mischungen gibt, ist Österreicherin, trägt Pferdeschwanz und ein großes Tattoo am Oberarm. Wenn sie gerade nichts zu tun hat, lässt sie sich auf einen Sessel am Tisch der überwiegend türkischen Stammgäste fallen und raucht eine. "Jetzt hör auf, mit deinem Kleingeld herumzuklauben, es passt ja eh schon", neckt sie einen älteren, dunkelhäutigen Herrn, der darauf verschmitzt lächelt. Familie Kilic, die Inhaberin des Side, hat die Sache einmal umgedreht: Sie beschäftigt gleich mehrere österreichische Angestellte.

Auch ist das Side sehr günstig, wie viele andere Geschäfte in der Straße. Billigläden, Kebap-"Buden", Handyshops, auch die teils billigen Wohnpreise - das wird meist ausschließlich negativ als Indikator für das Bergabgehen der Straße genannt. Dabei erfüllt all das ja auch wichtige Funktionen. SP-Chef Riedler: "Hier leben viele Leute mit wenig Geld. Wenn von einer Neustrukturierung die Rede ist, darf man auch diese nicht vergessen." Viele, vor allem Migranten, die hier leben, seien auf die günstigen Mieten angewiesen. Und auf Diskonter. Gleichzeitig konnten sich in der Annenstraße viele Zugezogene eigenständige Existenzen aufbauen, siehe die Familie von Mao Liu Jiao, die zwei Hongkong-Märkte in der Straße führt. Und schaffen sich und ihren Angehörigen nicht immer, aber teilweise bessere Arbeitsbedingungen, als sie gerade für Migranten sonst zu kriegen sind.

Zunehmend zieht die unkonventionelle Atmosphäre Künstler, Designer, Filmproduzenten an. Zu den Vorreitern zählte das Filmkollektiv Der Annenhof, das vom Drehbuch über die Musik bis zur Produktion alles aus einer Hand anbietet. Es produzierte etwa den in Graz sehr populär gewordenen Film "Sechs Tage und die Mopedfrau". Seit zwei Jahren logiert auch das Impro-Theater im Bahnhof nur wenige Hundert Meter von der Annenstraße in der Elisabethinergasse. Das Festival Assembly, bei dem kürzlich junge Designer zwischen Bahnhof und Kunsthaus ihre Kreationen ausstellen konnten, sollte das zarte Pflänzchen "Kunstmeile Annenstraße" erneut stärken. "Für ein junges, urbanes Publikum wird die Annenstraße zunehmend zu einer begehrten Wohngegend", weiß außerdem der Architekt Reissner: Wegen der noch immer günstigeren Wohnpreise und weil in letzter Zeit in der Gegend "teilweise sehr qualitätsvolle Neubauten" entstanden sind.

Beste Voraussetzungen also für eine kleine Boomtown - aber noch ist zu klären, wohin denn nun die Reise gehen soll. "Eine Art Naschmarkt" schwebt Reissner vor. Oder eine Kulturmeile? Mancher fragt hinter vorgehaltener Hand: Warum keine Chinatown?

Wie etwa mit den Billigläden umgehen? Reissner meint, es sei ja nichts dagegen einzuwenden, doch viele solcher Geschäfte nähmen mehr Flächen und Auslagen in Anspruch, als sie benötigten - "ein Telefondiscounter braucht keine 30 Meter Straßenlinie". Wie er plädiert Renate Meschuh außerdem für den richtigen Mix: "Wir brauchen kein 27. Kebapstandl", sagt sie. "Ich liebe Kebap, aber es geht um die Vielfalt." Sie selbst habe das Lokal neben dem Kino ein Jahr lang leer stehen lassen, bis sie mit dem jetzigen Café Foyer ihren Wunschmieter gefunden habe: "Eine niveauvolle Bar, wo wir uns auch mit Kunden treffen können." Auch setze sie die Preise für Jungbetriebe zumindest für die erste Zeit günstiger an und plädiert auch an andere Hausbesitzer, Mieter so auszusuchen, dass ein möglichst breites Sortiment an Geschäften entsteht, die in Einkaufszentren nicht zu finden sind. "Ketten will ich gar keine", sagt Meschuh, und Otter ergänzt: "Wir brauchen eine gute Mischung aus Geschäften mit speziellen Angeboten, die es woanders nicht gibt." Und: mehr gute Gastronomie, meint Reissner. Aufgaben, um die sich auch die Stadt noch viel stärker kümmern müsste, etwa in Form einer Gebietsbetreuung.

Otter ist sicher: Eine leichte Aufbruchsstimmung ist da, wird aber von Skepsis und Lethargie bedroht: "Weil viele um die Existenz raufen und sie von früheren gescheiterten Initiativen frustriert sind." Otter: "Jetzt fehlt nur noch der letzte Kick."
Der Falter Steiermark erscheint wöchentlich, jeweils am Mittwoch.

Verfasser/in:
Gerlinde Pölsler, Bericht; erschienen im Falter Stmk. Nr. 24/08

Datum:

Thu 12/06/2008

Kommentare

Stadtteilentwicklungskonzept

Liebe Gerlinde Pölsler,
danke für den atmosphärischen Artikel. Er hat in meinem Kopf schöne bunte Bilder von der Annenstraße entstehen lassen. Wichtig wäre ein Stadtteilentwicklungskonzept, in dessen Erstellung Geschäftsleute, BewohnerInnen, HausbesitzerInnen, PolitikerInnen, ArchitektInnen und sonst. Visionäre eingebunden werden und für das man sich ausgiebig Zeit nimmt. Will man die Annenstraße multikulturell entwickeln, wird es entsprechende Förderungen geben müssen, denn die Geschäfte, die heute in der Annenstraße angesiedelt sind, können nur aufgrund der niedrigen Mieten existieren. Wird die Annenstraße aufgewertet, erhöhen sich mit Sicherheit Lokal- und Wohnungsmieten und die in dem Artikel so schön nachgezeichnete Atmosphäre wird verschwinden, wenn man die "kleinen Leute" nicht unterstützt.

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