Endstation Kommerzialisierung: Bitte alle aussteigen

Der Bahnhof: Ein multifunktionales Verkehrs- und Sozialgefüge, das in die Städtestruktur und den öffentlichen Raum eingebunden ist? Das war einmal. Denn aktuelle Bahnhofsprojekte österreichischer Städte zeigen vielmehr eine klare Tendenz hin zu abgeschotteten Gebäuden, die primär den Interessen der Immobilienwirtschaft folgen. Diese Entwicklung sowie die Mängel im Netzausbau der Bahn diskutierte Reinhard Seiß, Raumplaner und Autor, in seinem Vortrag „Bahn: Spielball der Bauwirtschaft“ am 10. Mai im Rahmen der Veranstaltungsreihe „TOTALENTGLEISUNG Bahnsterben? Alternativen sind machbar“ des Aktionsradius Wien.

Jeder kennt wohl den nervös-prüfenden Blick auf die Bahnhofsuhr, wenn man ohnehin schon zu spät am Bahnhof ankommt und der Zug jede Minute abfahren könnte. Am Wiener Westbahnhof wird man länger nach der Uhr suchen müssen. Denn anstatt dieser ist inmitten der Halle ein großes Plakat angebracht, das Platz für Werbeflächen freihalten soll.
Dieses Beispiel verdeutlicht, dass in der österreichischen Verkehrspolitik effiziente Kommerzialisierung noch vor öffentlichen Interessen steht. So verhält es sich nach Reinhard Seiß auch mit der gegenwärtigen Baustrategie bei österreichischen Bahnhöfen. Der Verkehrsaspekt sowie die bauliche und somit auch die soziale Gestaltung der Stadt treten immer mehr in den Hintergrund. Vermehrt geht es darum, Bürogebäude und Handelsflächen für Einkaufszentren zu produzieren, diese zu verkaufen, zu vermieten und möglichst hohe Gewinne zu erzielen.

Abschottung vom öffentlichem Raum
Reinhard Seiß zeigt anhand eines Streifzuges durch Wien, Salzburg und Linz, welche baulichen Defizite sich durch die beschriebene Prioritätssetzung für die österreichischen Bahnhöfe ergeben. Die bauliche Struktur auf dem Gelände des früheren Wiener Nordbahnhofs etwa erzeuge laut Seiß "alles andere als menschenfreundliche Räume". Unattraktive, stets gleich strukturierte Blöcke mit vernachlässigtem Erdgeschoß reihen sich aneinander und werden von breiten Straßen durchzogen. Auch das Neubaugebiet entlang der Lasallestraße bietet keine soziale und funktionale Verknüpfung mit den bestehenden Vierteln im Umfeld.

Ähnliche Szenarien findet man bei anderen aktuellen Umbauvorhaben, wie dem Wiener Westbahnhof oder dem groß angelegten Projekt Wien-Mitte sowie den Hauptbahnhöfen von Linz und Salzburg. Immer wieder ergibt sich dabei dieselbe Problematik: Das Umfeld wird kaum mitbeachtet, Stadtplanung in ihrer Gesamtheit nicht berücksichtigt. Dabei wäre genau diese ganzheitliche Einbindung und Funktionsdurchmischung Basis einer ausgewogenen, urbanen Lebensqualität.

Mangelnde Qualitätsverpflichtung
Neben der Fokussierung darauf, Bahnhofsflächen für die Bauwirtschaft möglichst leicht verkäuflich zu gestalten, sieht Seiß einen weiteren Grund des defizitären Bahnhofbaus darin, dass die Politik keine Konsequenz zeigt, Qualität auch zu verwirklichen. Als Beispiel wird wiederum der Wiener Nordbahnhof herangezogen. Was im Masterplan als Gebiet mit verschiedenen Funktionen für die Öffentlichkeit vorgesehen war, ist heute für Seiß eine „monofunktionale Büro- und Wohnmaschine“.

Demgegenüber stehen teure, prestigeträchtige Bahnprojekte wie etwa der Wiener Hauptbahnhof, die Fortschritt nach außen hin suggerieren sollen. Das durchaus vorhandene Kapital wird nach Seiß also falsch eingesetzt. Als Beispiel führt er auch den Brenner-Basis-Tunnel an, der aus logistischer Sicht nicht nötig wäre. Als umso wichtiger erachtet er den flächendeckenden und attraktiven Ausbau des Bahnnetzwerkes in Österreich. Das Verkehrsnetz der österreichischen Bahn weist nämlich enorme Mängel auf. Man erinnere sich in diesem Zusammenhang an den Kauf der Nebenbahnen durch Niederösterreich, deren Betrieb anschließend eingestellt wurde.

Die oftmals kritisierte ÖBB als Ursprung des Übels zu sehen, ist für Seiß eine verkürzte Sicht. „Die ÖBB hat keinen öffentlichen Auftrag außer den, dass sie Geld einnehmen muss“, meint Seiß. Die Schuld sei also bei der Politik zu suchen, die die Österreichische Bahn nicht als kundenorientierte Leistung zur Verfügung stellt, sondern zu einem wirtschaftlichen Unternehmen macht, dessen oberstes Ziel Gewinnmaximum darstellen soll.

Dann lieber das Auto
Ein nicht ausreichend ausgebautes Bahnnetz und unattraktive Stadtflächen - hat da noch jemand Lust, mit dem Zug zu reisen oder zu Fuß durch die Stadt zu schlendern? Dazu kommt, dass die in Bahnhöfen errichteten Einkaufszentren vermehrt die Dynamik und Lebendigkeit der angrenzenden Einkaufsstraßen zunichte machen. Auch Seiß spricht in diesem Zusammenhang vom „Einkaufen mit dem Kofferraum statt dem Einkaufswagen“, das auch in Städten immer mehr zur Realität wird. Die Tatsache, dass statistisch gesehen jeder zweite Österreicher ein Auto besitzt, zeigt, dass wir in einer autofixierten Gesellschaft leben.

Der Bahnhof: Eine uneingegliederte Verkehrsfläche zum Nutzen der Immobilienwirtschaft und zum Nachteil für die Lebensqualität in der Stadt. So sieht es heute aus. Aber muss das sein? Die angeregte Diskussion vieler empörter Zuhörer im Anschluss des Vortrags zeigt zumindest ein breites Interesse und Bewusstsein in Bezug auf diese Problematik. So lässt sich an unserem Nachbarn, der Schweiz, die landschaftlich eine ähnliche Struktur aufweist wie Österreich, erkennen, dass die Bahn durchaus auch eine gesellschaftlich anerkannte und attraktive Leistung darstellen kann. Es geht also auch anders.
REINHARD SEISS lebt in Wien; Studium der Raumplanung und Raumordnung an der TU Wien, Dr. techn., Tätigkeit als Planer in Österreich, Deutschland und Russland; seit 1994 Arbeit als Fachpublizist, Buchautor und Filmemacher im Bereich Städtebau und Raumplanung; schreibt für internationale Zeitungen (FAZ, Süddeutsche Zeitung, NZZ, Die Presse) und Fachzeitschriften, produziert urbanistische Dokumentarfilme und gestaltet Hörfunkbeiträge; internationale Lehr- und Vortragstätigkeit; Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung.

ASTRID RADNER (*1990 in Wels) studiert Deutsche Philologie an der Philologisch- Kulturwissenschatlichen Fakultät und Kommunikationswissenschaft an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Universität Wien.

Verfasser/in:
Astrid Radner, Bericht

Datum:

Mon 16/05/2011

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Kommentare

Wohin gehen wir?

Vielen Dank für diesen wichtigen und interessanten Beitrag, der aufzeigt, wie die einseitig auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Wirtschaft alle Lebensbereich vereinnahmt und dass es nicht um das Wohl der Menschen und der Gemeinschaft geht, sondern um Zahlen, um den wirtschaftlichen Nutzen. Dieses Denken hat schon genug Schaden an Mensch und Umwelt angerichtet und davon sollten wir uns endlich verabschieden. Ich binfür einen Mobilitätsmix aus Bahnfahren, Radfahren, zu Fuß gehen, Carsharing und weg von dieser zerstörerischen (männlichen) Autofixierung und hin zu einer Mobilität, die umwelt- und menschenfreundlicher ist. Der Mensch ist schließlich mehr als Konsument und Arbeitssklave, der so schnell wie möglich von A nach B kommen muss, weil er von einem Termin zum anderen hetzt.

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