Ukraine
Anna Zvyagintseva, "Hope!" – gestrickter Käfig, ukrainischer Pavillon an der Uferpromenade zwischen Giardini und Arsenale
©: Wolfgang Riederer

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Rezension
Biennale Arte 2015

Im deutschen Pavillon mit dem pompösen Motto "Goldene Fabrik des Denkens" muss sich der Besucher über schweißtreibende, hohe Treppen plagen, um zu verfolgen, wie sich der Fotograf und Kurator Florian Ebner mit dem Bedeutungsverlust des Mediums seinerseits abmüht. Auf dem Dach des Deutschen Pavillons soll es eine dem Blick unzugängliche Werkstatt für Bumerangs geben, drinnen liegt eine politisch korrekte Zeitungs-Medienarbeit von Tobias Zielony auf. Der Künstler hat die Schicksale von Emigranten in Deutschland zurück in die Zeitungen ihrer Heimatländer gespielt. Die besten Arbeiten stammen von Jsamina Metawaly/Philip Rizek. Ihr Videofilm Out on the Street, der sich an Godards Ausspruch orientiert, dass Filmemachen nichts damit zu tun hat, politische Filme zu machen, sondern politisch zu arbeiten, zeigt Interaktionen zwischen Chef und Arbeiter. Und richtig beklemmend ist ihre "ortspezifische Skulptur", zu der man tief auf die klappernden Fliesen eines Kairoer Dachs steigen musste, schließlich umgeben von nichts als kahlen Wänden, eine Grabkammer des ägyptischen Frühlings. Von Hito Steyer gab es dann noch Factory of the Son, ein Video, in dem es um Computerspiele bzw. die Darstellung einer Welt geht, in der alles in Sonnenschein verwandelt wird. Projiziert wird das Ganze in einem mit Liegestühlen aufgemotzten Raum auf blau fluoriszierenden Rasterlinien: kein Sonnenöl nötig.

Radikaler und sinnlicher gingen Joana Hadjthomas & Khalil Joreige in den Arsenalen mit dem Bildverlust durch ein Übermaß an Bildern um. Ihr Diary of a Photographer besteht aus Reihen an die Wand fixierter Bücher, auf deren Seiten (wenn man sie aufschneidet) die Motive ihrer nicht realisierten Bilder beschrieben werden.

Wie Filme und ihr Verhältnis zur Wirklichkeit wirklich sinnlich präsentiert werden kann, zeigt Maria Papadimitriou den Deutschen im griechische Pavillon. In Why Look at Animals erzählt ein alter Herr von seinem lebenslangen, wechselvollen Handel mit Fellen und Tierhäuten, einem Gewerbe, das sich mit den Moden und Zeitläuften ständig verändert hat. Er erzählt in seinem Geschäft, das neben der Leinwand komplett und detailgetreu im griechischen Pavillon nachgebaut worden ist: Der Mikrokosmos des Ladens wird zur Allegorie der griechischen Geschichte, zur Parabel über eine gegenwärtige Misere und zum Porträt eines vielleicht altmodischeren aber auch würdigeren Lebens.

Im polnischen Pavillon präsentiert CT Jasper ebenfalls ein "historisches" Video. Halka-Haiti ist die Verfilmung einer polnischen Oper mit Darstellern auf Haiti. Der Ausgangspunkt liegt im Jahr 1802, als Napoleon 20.000 Soldaten, darunter auch 5.000 polnische, nach Saint-Domingo (Haiti) sandte, um einen Sklavenaufstand zu unterdrücken. Die 1858 uraufgeführte Oper Halka wiederum gilt mit ihrer Geschichte aus Liebe, Verrat und Selbstmord, als die "nationaltypische" polnische Oper. Die an Herzog`s "Fitzcarraldo" erinnernde "absurde Dokumentation" setzt sich mit Kolonialismus, kulturellen Differenzen und allgemeinen menschlichen Empfindungen auseinander. Leider wird der Film völlig sinnlos auf einer extrem breiten Leinwand gezeigt, weshalb ihn viel weniger Besucher sehen können, als er verdiente.

Auch Kanada wartet mit einem altmodischen Laden auf, diesmal mit Gemischtwarenladen. Aber das Künstlertrio BGL meint es ironisch und hat die Bilder und Schriften auf den ansonsten täuschend echt wirkenden Packungen aus den Sechzigerjahren mit irritierender Unschärfe versehen. Der schwierig zu bespielende Pavillon bietet noch andere Räume – im Hinterzimmer etwa ein mit gebrauchten Pinseln, Farbtöpfen und Malutensilien vollgestelltes Atelier –, die aber den Witz des Eingangsraumes bei Weitem nicht erreichen.

Der französische Pavillon ist weit offen und mit grauem Schaumstoff in eine Wohnlandschaft verwandelt worden. Entspannt  sehen die hingefläzten Besucher drei Pinien zu, wie sie unter leisem Schnurren einen absurden Tanz vorführen: Natur Meets High-Tech, auch so eine Spielerei. Die Engländer agieren da mit Sarah Lucas vergleichsweise konventionell. Die Künstlerin hat den Pavillon in sattem Gelb gestrichen und ihre meist ebenfalls gelben Skulpturen hineingestellt. Es handelt sich dabei um Torsi ihrer Freunde – Unterleiber auf den Knien oder mit gekreuzten Beinen –, in deren Körperöffnungen häufig Zigaretten stecken.

... Man könnte noch lange so weitermachen. Neben den neunundzwanzig "historischen" Gebäuden in der Giardini finden sich in den Arsenalen weitere vierundzwanzig nationale Ausstellungen und über das Stadtgebiet sind ebenfalls neunundzwanzig Präsentationen von "Andorra" über die "Seychellen" bis "Zypern" verteilt. Die Biennale ist also (mindestens) zweifach gegliedert: Einmal durch den vom Chefkurator Okwui Enwezor konzipierten Zentralpavillon nebst großen Teilen in den Arsenalen; dann durch die nationalen Ausstellungen, die ihre eigenen Konzepte verfolgen. Und diesmal erweitern noch vier weitere, unter dem Titel Kollateral zusammengefasste Ausstellungen zusätzlich das ohnehin nicht mehr bewältigbare Angebot. Wahrscheinlich gibt es auch eine Art Statusgefälle von den Pavillons in der Giardini über die Arsenale bis zu jenen in der Stadt. Sich auf der Suche nach ihnen durch die dichten, scheinbar kollektiv gesteuerten Menschenmengen auf dem Markusplatz zu drängen, lohnt oft wegen der bespielten, exquisiten Räumlichkeiten. (My East Is Your West im Palazzo Benzon, The Union Of Fire And Water im Palazzo Barbaro, War Painting von Jenny Holzer im Museo Correr, oder Simon Derry`s nSecret Power (Neuseeland) in der Biblioteca Nazionale Marciana).

Seinen eigenen Pavillon hat der Oligarch Victor Pinchuk an der Uferpromenade zwischen Giardini und Arsenale aufstellen lassen. Er ist ganz aus Glas, um die neue Transparenz zu versinnbildlichen, und die Künstler, alle der Orangen Revolution verhaftet, sind nicht übel. Vor allem Anna Zvyagintseva mit ihrem gestrickten Käfig, der denen aus Eisengittern nachempfunden ist, in denen ansonsten die Angeklagten in Schauprozessen sitzen. Die Hitze ist allerdings unter der Sonneneinwirkung unerträglich. Aircondition gibt es keine und die Künstler, die vor ihren Bildschirmen Dienst machen, können einem leid tun. Die Architektur ist zweifellos durchsichtig, mag sinnträchtig sein, klimatisch ist sie aber "daneben".

Am Ende war es wie immer: Zuerst eine Abwehr aus Überforderung, dann die durch glückhafte Funde noch gesteigerte Schaugier, begleitet von gelegentlichem Überdruss, und schließlich das Glück der Erschöpfung oder der Thrill, das Wichtigste womöglich übersehen zu haben ... wie immer eben.

Verfasser / in:

Wilhelm Hengstler

Datum:

Wed 05/08/2015

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Biennale Arte 2015
Kunstbiennale Venedig 2015

Kurator
Okwui Enwezor, Nigeria

Thema
ALL THE WORLD´S FUTURE

09.05. – 22.11.2015

Die Lagunenstadt verfügt nach wie vor über dieses unwirkliche Licht und die steinerne Pracht der Serenissima bildet immer noch die Projektionsfläche für die Narreteien und Utopien der Kunst ...

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