Ukraine
Anna Zvyagintseva, "Hope!" – gestrickter Käfig, ukrainischer Pavillon an der Uferpromenade zwischen Giardini und Arsenale
©: Wolfgang Riederer

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Rezension
Biennale Arte 2015

Immerhin hängen vom Eingang des Hauptpavillons Oscar Murillos schwarze Leinwandbahnen herab und statt "Biennale" ist über dem Portal "Blues, Blood, Bruise" zu lesen. Der Eingangsraum wird von Fabio Mauris mit seiner Klagemauer aus alten Koffern, der Installation The End und einer hoch hinauf zur Decke führenden "Feuerwehrleiter" bespielt. Aus einem angrenzenden Raum dringt das enervierende Krächzen, Husten, Röcheln von Boltanskis Film L´Homme qui lousse herüber. Ein Mann kotzt sich aus einem eingebundenen Kopf heraus die Jacke über und über mit Blut voll, eine unheimliche Vaudeville-Arbeit, die sich auch als vehementes Entree eignen würde. Hier allerdings beeinträchtigt der nervige Sound Mauris "stille" Skulptur... womöglich beabsichtigt? Völlig geglückt dagegen das Entree in die Arsenale, in dem die Neonschriften von Bruce Neuman etwa "Death-Love-Hate-Pleasur-Pain-LIfe" über hüfthohen "Nympheas", gebündelten Macheten des Algeriers Adel Abdessemed flackern. Von Abdessemed ist auch ein kleiner Teppich "Also sprach Allah" zu sehen, dessen Produktionsvideo einfach genial ist: Man sieht den Künstler, wie er mittels einer Decke von kräftigen Männern zu dem an den Plafond gehefteten Teppich hochgeschleudert wird und jeweils am Scheitelpunkt versucht, die Schriftzeichen anzubringen. Auch der nächste Saal nimmt gefangen mit Terry Adkins vier raumhohen Posaunen und dem gewaltigen Turm aus Trommeln, der vom gegenüberliegenden Ende durch das Phantasie-Geschütz von Pino Pascali. bedroht wird. Von Ibraham Mahamas stammt eine düstere architektonische Intervention aus Kohlesäcken, die entlang der Arsenale-Mauer drapiert sind; zuvor hat der Künstler auch schon den Arsenale-Hauptzugang versperrt.

Vor allem als Architekt sollte man den norwegischen Pavillon nicht versäumen, in dem die aus den USA stammende Camille Norment Rapture präsentiert. Der Eingang des ansonsten leeren Pavillons wird beherrscht von umherliegenden, teils fragmentierten Fensterrahmen, die den realen Rahmen nachgebaut sind. Ansonsten wird der Pavillon dominiert von seinen durch das Dach wachsenden Bäumen und mehreren von der Decke herab stehenden Leuchtkörpern zwischen denen die feinen Klänge einer Glasharmonika zu hören sind. Glassplitter unter und zwischen den weißen Rahmenstücken nehmen diese Klänge auf und verstärken sie trickreich – eine begehbare Skulptur, in der Harmonien und Dissonanzen der Musik, Bewegung und Stille des Tanzes ineinanderfallen.

Heimo Zobernigs Adaption des österreischischen Pavilllons, in dem er nur eine schwarze Decke einzieht und das Gebäude allen Schmucks entledigt, stellt geradezu eine herausfordernde Reduktion dar: zen-buddhistisch leer oder ein Korrektiv, ein Gegengewicht zu der überbordenden Bilderfülle der Biennale?

Ebenfalls eine geradezu gewalttätig stille Performance bietet Ernesto Ballesteros mit seinen Ultraleichten Modellflugzeuge im Arsenale: Ein Mann lässt ernsthaft mit immer den gleichen Bewegungen einen durchscheinenden, fast unsichtbaren Papierflieger los, um ihn, nachdem der seinen Kreis geschwebt hat, wieder aufzuheben und erneut loszuschicken. Ein scheinbar unschuldiger Akt, der gefilmt, als Endlosvideo das Thema der Biennale durchaus erhellen hätte können. Und gleich daneben gibt es die Installation My Epidemic von Liu Reynaud Dewar, die Kluges zu sagen hat und auf heiteren Videos nackt in dekorativen Sets tanzt.

Verfasser / in:

Wilhelm Hengstler

Datum:

Wed 05/08/2015

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