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Zeichen im öffentlichen Raum

Die Argumentation von Herrn Dr. Brugger weist eine Linie auf, der aus Sicht der aktuellen kulturwissenschaftlichen Diskussion vehement zu widersprechen ist. Sie beruht auf der Trennung zwischen quasi neutralen, kontextunabhängigen Produkten einer Epoche (hier die historische Bautechnik bis hin zu den Hölzern und Schrauben und die Verwendung als Mehrzweckhalle) und davon unabhängigen zeitgebundenen Aspekten, die historisch kritisierbar sind (hier nationalsozialistische Propagandaveranstaltungen). Genau diese Unterscheidbarkeit ist höchst fragwürdig:
1) Es geht um Zeichensetzung im öffentlichen Raum: 1938 wird die Grazer Synagoge zerstört und verschwindet damit aus dem Stadtbild, zwei Jahre später wird eine groß(artig) angelegte, architektonisch ausgefeilte Veranstaltungshalle hingestellt. Das ist dann nicht nur eine Mehrzweckhalle, die auch für Propagandaveranstaltungen missbraucht wird – da wird eine neue Normalität unter einem totalitären Regime zum Ausdruck gebracht, in der die „deutsche Volksgemeinschaft“ in Graz einen repräsentativen Ort bekommt. Gleichzeitig verschwindet gewaltsam alles aus dem öffentlichen Raum, was dem nationalsozialistischen Zeichensystem widerspricht.
2) Weiters ist hier das bekannte Faktum zu betonen, dass in der NS-Zeit Freizeit und Unterhaltung (siehe „Kraft durch Freude“) kein politikfreier Raum, sondern wie alle Lebensbereiche Aspekte eines teils machtpolitischen, teils ideologischen Kalküls waren. Die Entkontextualisierung kultureller Veranstaltungen im weitesten Sinne von Verwendungszusammenhängen ist niemals möglich, und ganz bestimmt nicht im nationalsozialistischen Regime.
Unter Berücksichtigung dieser Aspekte ist es nicht mehr möglich, wie Herr Dr. Brugger davon zu sprechen, dass die Halle einfach unglücklicherweise gleichsam zur falschen Zeit erbaut worden ist. Technische Leistung und handwerklichen Qualität als per se neutrale Elemente aufzufassen erscheint dann als höchst problematische Reduktion. Übrigens ebenso wie auch Schlösser, Kirchen oder soziale Wohnbauten nicht einfach historische Bautechniken dokumentieren – die Literatur z.B. über den Zusammenhang von Raum- und Funktionslösungen und der Konstruktion von sozialen Räumen ist umfangreich.
Ob architektonische Zeugnisse der NS-Zeit als neutral oder als Gedächtnisorte wahrgenommen werden, ist daher nicht von der Sache vorgegeben. Es ist eine letztlich politische Entscheidung, ob wir uns mit dem Urteil „tolle Architektur, die die damals gemacht haben“ begnügen. Oder ob wir die Funktion des Bauwerks als Zeichen im öffentlichen Raum zur Herstellung und als Ausdruck von – in diskutierten Fall totalitären und rassistischen – Ordnungsvorstellungen mitdenken und vermitteln.

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