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"Önschere Walser Käfer können alle flüga"

#994

Bericht über eine Reise der Landesbaudirektion Steiermark mit dem architekturbus 04 ins österreichische Mekka der Baukultur: Vorarlberg.

“Önschere Walser Käfer können alle flüga“

Diese Antwort des Bürgermeisters einer kleinen Berggemeinde im Walsertal (auf die ablehnende Begründung der Naturschutzbehörde, dass „das Kriechkontinuum“ einer speziellen Käfersorte unterbrochen würde, sollte die von der Gemeinde gewünschte und durch die EU geförderte Asphaltierung einer geschotterten Bergstraße realisiert werden), lässt gewisse Rückschlüsse zu auf das Vorarlberger Denken und Handeln seiner Entscheidungsträger: unkonventionell, gescheit und nicht unwitzig.
Auch auf die Baukultur Vorarlbergs ist das Zitat anwendbar: dort können tatsächlich auch die kleinsten Käfer fliegen, das haben uns kommunale Bauherren, Bürgermeister und deren Architekten anhand von gebauten Planungsergebnissen, ihrem Zustandekommen und der breiten Akzeptanz von Architektur vor Augen geführt: in Vorarlberg werden 40% aller Gebäude und Anlagen von Architekten geplant, in der Steiermark sind es gerade einmal 5%, und ihr Ansehen ist im Unterschied zur Steiermark ein sehr hohes.

„Ich möchte nicht mehr dauernd von Vorarlberg schwärmen hören, sondern wünsche mir diese Zustände endlich auch für die Steiermark“. So der Schlusssatz von Frau LH Klasnic nach einer Veranstaltung im Mai d. J. zum Thema Baukultur in der Steiermark.

Dieser überzeugende Ausruf von höchster Stelle in Verbindung mit dem schon einige Jahre amts-intern diskutierten Wissen um einen fortschreitenden Verlust der Gestaltqualität im hiesigen Baugeschehen, um zunehmende Zersiedelung hochwertiger Landschaftsräume trotz guter Gesetze und engagierter „Leitbilder“ des Landes Steiermark, vor allem aber auch im Wissen um das in steirischen Landgemeinden tief verankerte und mit unverhohlener Ablehnung einhergehende Misstrauen gegenüber Architektenleistungen aller Art, haben den Baudirektor des Landes Steiermark und Fachleute aus Ämtern der Landesregierung und Gemeinden zu einer kurzen Erkundungsfahrt in das so beispielhafte Vorarlberg aufbrechen lassen.

Ein von „Architekturbus 04“ (Arch. DI Reinhard Schafler, Arch. DI Peter Pretterhofer) bestens vorbereitetes, überaus interessantes, aber auch sehr straffes Programm hat in den verschiedenen Gemeinden vor Augen geführt, welche Vorgangs- und Finanzierungsweisen den hohen baukulturellen und ökologischen Anspruch Vorarlbergs ermöglichen.
Die Nutzung von Alternativenergie, auch in öffentlichen Gebäuden und im Mehrfamilien-Wohnhausbau, ist dort üblich und wird durch entsprechende Förderungen unterstützt. Die Entwicklung geht zunehmend in Richtung „Passivenergie“ (Jahresverbrauch = 15 KWh/m², d.h. 25% von „Niedrigenergie“ bzw. 10% des Energieverbrauchs herkömmlicher Bauwerke. Passivenergie wird in der Regel durch eine dem Stand der Technik entsprechende Kombination aus Erdwärme, Solarenergie und/oder Photovoltaik, sowie Wärmedämmung am Gebäude erreicht).

Folgende Themenschwerpunkte wurden während der zweitägigen Reise durch die Rheinebene und das Walsertal jeweils vor Ort mit den jeweiligen Bürgermeistern und deren Architekten (Ritsch, Spagolla, Gnaiger, Büro Baumschlager-Eberle) studiert und bis in die späten Abendstunden diskutiert:
• kommunale Bauaufgaben zwischen Peripherie und Zentrum
• Verstädterung ländlicher Gebiete
• Verdichtung bzw. Schaffen von funktionellen Ortszentren
• ökologisches und energieoptimiertes Bauen und deren Finanzierung.

Zur Sprache kamen darüber hinaus:
• das offensichtliche Vertrauen der Vorarlberger Bevölkerung und Bürgermeister zur Architektenschaft und deren Arbeit
• Gestaltungsvorgaben ja oder nein, sowie
• behördliche Instrumente zur Qualitätssicherung der Gestaltung.

Zum zuletzt Angeführten möchte ich, weil darüber in der Steiermark zu wenig gesprochen wird, die aufgezeigten Unterschiede gleich hier niederschreiben:
in Vorarlberg entsteht Architektur im Miteinander, d.h. von unten herauf – und nicht von außen bzw. von oben herunter, gleichsam über die Gemeinden gekippt.

Das dortige Selbstverständnis für zeitkonforme Architektur, auch in den kleinsten Landgemeinden, resultiert – und das hat sich in den Diskussionen klar herausgestellt – aus der Tatsache, dass sich aus der einstigen Gilde der „Vorarlberger Baukünstler“, also der von der Ingenieurkammer seinerzeit (um 1980) abgespalteten Gruppe junger Architekturschaffender, eine Architektengeneration entwickelt hat, die (mit stiller Unterstützung durch Landesbeamte) vorerst einzelne Gemeinden beratend und planerisch begleitete, sich also das Vertrauen der Bewohner und ihrer Bürgermeister langsam erarbeiten konnte und damit von Anfang an auch eine Art Moderatoren- und Mediatorenfunktion in den Gemeinden erfüllte, die den Bürgermeistern auf diese Weise abgenommen wurde.
Damit entstanden Vertrauen und erste gute Beispiele, die Schule machten usw.

Bis auf wenige Ausnahmen verfügen nun alle Gemeinden in Vorarlberg über Gestaltungsbeiräte, was durchwegs so funktioniert:
• Dem Beirat gehören keine ortsansässigen, wohl aber Architekten aus anderen Gemeinden an. In größeren Orten kommen die Beiratsarchitekten auch aus dem übrigen Österreich, in den Städten ist meist einer aus der Schweiz, Italien oder Deutschland dabei.
• Verträge für Beiräte erstrecken sich in der Regel auf drei, eher selten und nur in kleineren Gemeinden auch auf fünf Jahre oder mehr.
• Es herrscht das Rotationsprinzip. Die Verträge werden so abgeschlossen, dass immer, wenn ein Architekt ausscheidet, ein neuer bestellt wird, um die Kontinuität zu wahren.

Selbst sehr kleine Orte wie Zwischenwasser im Kleinen Walsertal (ca. 2800 EW) lassen ihre kommunalen Bauwerke (z.B. in einem seiner Ortsteile mit nur ca. 200 EW) durch Wettbewerbe ausloben und auch vom Siegerarchitekten planen.
Über alle sonstigen Bauvorhaben, auch in dieser kleinen Gemeinde, entscheidet ein Gestaltungsbeirat.

Details über die einzelnen Themen und Gespräche wird man in Kürze aus einer filmischen Dokumentation der Reise, gedreht von Klaus Schafler, erfahren können.

An der Exkursion nahmen ca. 30 Fachleute teil ( ► Landesbaudirektor der Steiermark, Stadtbaudirektorin v. Kapfenberg, Organisatoren der „baustelle land-schafler-pretterhofer“, Fachleute des Amtes d. Stmk. LR bzw. der BBL, zuständig für Raumordnung, Gemeindehochbau, Wohnbauförderung, Hochbau + Baugestaltung, ein Wohnbauexperte aus dem Büro LR Seitinger, je ein Vertreter der LIG, des HdA, von Arch+Ing, der TU Graz, sowie Bürgermeister aus zwei steirischen Tourismusgemeinden).

Für jene, die auch das wissen wollen: die Kosten der Bahnfahrt übernahm die
Initiative "baustelle land", gefördert vom Land Steiermark, alles übrige war selbst
zu bezahlen.

Verfasser/in: DI Gerda Missoni Land Steiermark
Datum: 04|10|04

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Nähere Information zum Programm von "architekturbus 04"

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Kommentare ...

11 | 10 | 04 Sehr geehrter Herr Herron!
Antwort: das zu verstehen hat was mit Humor zu tun, deshalb nicht erklärbar! Gerda Missoni.
Verfasser/in: Gerda Missoni

06 | 10 | 04 Ganz konventioneller Zynismus
Was ist an einer zynischen Bemerkung gegenüber einem konkreten Einwand unkonventionell, gescheit und nicht unwitzig?
Verfasser/in: Rocco Herron (darrel97@seed.net.tw)

05 | 10 | 04 kompliment!!
danke, gerda! sehr treffend zusammengefasst, das war die essenz der reise. liebe gruesse, paul
Verfasser/in: paul bitzan (paul.bitzan@lig-stmk.at)



Architekt Roland Gnaiger (Vorarlberg) links und Baudirektor Gunther Hasewend (Steiermark) als vergnügte Zuhörer.

Architekt Reinhard Schafler (Steiermark) als Schirmherr für Architekt Bruno Spagolla (Vorarlberg).

Das Filmteam

Schnappschüsse

von der .........

spannenden ....

sehenswerten .....

atmosphärischen .....

....vom Regen nicht im Mindesten getrübten Busreise.

Fotos: Gerda Missoni, Gerhard Mitterberger

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