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TOTES LEBEN GIBT ES NICHT

#784

Wieso schon wieder Herbert Eichholzer?

Versuch einer Antwort von Günter Koberg


Manchmal wird mir die Frage ganz direkt und offen gestellt. So wie man etwas fragt, das einen interessiert. Ohne Hintergedanken. Manchmal höre ich die Frage nur zwischen den Zeilen durch. Oft scheint mir aber auch ein höhnischer, ja fast bösartiger Unterton mitzuschwingen: Wieso noch einmal Herbert Eichholzer?
Sein architektonisches Werk sei doch, gemessen an der Bedeutung, die diesem im österreichweiten bzw. im internationalen Kontext zusteht, so bescheiden, dass es wohl keiner weiteren Publikation oder Ausstellung bedürfe. Eichholzers politisches Engagement wird zwar heute anerkannt, hätte jedoch eine zu marginale Auswirkung gehabt, um dies alleine als Rechtfertigung für eine nochmalige Würdigung seiner Person gelten zu lassen. Die 2003 in Verbindung mit Herbert Eichholzers Lebenslauf stehenden „runden“ Jahreszahlen (100. Geburtstag, 60. Todestag, 75 Jahre Jubiläum seines Diploms an der TU Graz) könnten als Anlass durchgehen, jedoch kaum als ausreichende Begründung. (Unterton: Eichholzer lockt doch niemanden hinter dem Ofen hervor, interessiert doch kein Schwein.)

Es ist mir nicht möglich, eine kurze, prägnante und direkte Antwort zu geben. Der Umweg ist mir geläufiger. Ich hoffe, Sie können meinen mäandrierenden Gedanken folgen. Und so beginne ich, indem ich einen großen Bogen spanne.

Im Vorspann sei erwähnt, dass Herbert Eichholzer, diese schillernde Person, eine Mehrfachbegabung war, auf die wir sicherlich im Rahmen der Buchpräsentation/Ausstellungseröffnung noch eingehen werden. So waren Eichholzer etwa mehrere Sprachen geläufig, neben Deutsch waren das Französisch, Englisch, Türkisch, Bulgarisch, Griechisch und Italienisch. Worin jedoch seine Stärke NICHT zu liegen schien, war das geschriebene Wort. Zumindest sind uns bis zum heutigen Tag nur ganz wenige schriftliche Dokumente bekannt, und das Wenige, das wir kennen, hat nicht die Tragweite von Schriften anderer Zeitgenossen, die sich zu modernem Leben und Bauen geäußert haben.

Es fehlen also – mit Ausnahme einiger Briefe und Papiere – Aufzeichnungen, die uns genau nachvollziehen lassen, wie Herbert Eichholzer seine Entscheidungen gefällt hat, welche Überlegungen zu welchen Schlüssen geführt haben. Wir können ahnen, dass er ein Suchender war, der es sich nicht einfach gemacht hat. Im architektonischen Werk ist dieser Weg, zwischen „Bodenständigkeit“ und „Moderne“ einfühlbar, nachvollziehbar, wenn man den damaligen Diskurs kennt und seine Entwürfe verfolgt.
Im sozialen und politischen Denken und Handeln war es für ihn als gebildeten, aufgeklärten und kritischen Geist keine Frage, auf welcher Seite er stand. Eichholzer muss neben seiner künstlerischen/architektonischen Begabung und den damit verbundenen Interessen eine außergewöhnliche Sensibilität für soziale Themen gehabt haben. Zweifellos war es ihm für sein Leben wichtiger, am sozialen, gesellschaftlichen Fortschritt mitzuwirken, als an seinen persönlichen Vorteil zu denken.
All diese Eigenschaften lassen ein derart sympathisches Bild Eichholzers vor meinen Augen entstehen, dass ich (wir) mehr über ihn wissen wollte(n). Wie kommt es, dass dem einen ein so klares Begreifen von Recht und Unrecht, von Macht und deren Missbrauch möglich ist und daneben die vielen anderen sich wortlos, widerstandslos einreihen in die Maschinerie der Menschenverachtung? Wie kommt es, dass von denen, die unter der Diktatur leiden, die einen das Leiden ohnmächtig auf sich nehmen, ohne einen Ausweg zu sehen, der andere aber sich dazu berufen fühlt, dem schier allmächtigen Apparat etwas, letztendlich sich selber, entgegenzustellen?

Es geht in unserem Projekt also um Erinnerung. Darum, die Erinnerung wach zu halten.
Die 1953 in Rumänien geborene Schriftstellerin Herta Müller schreibt zum Thema Erinnerung: „Wenn Scherben funkeln, entsteht ein störrischer Glanz aber nie ein Ganzes. Und wenn wir im Einzelnen hängen bleiben und im Detail denken, besteht alles aus Scherben. Es bricht sich selbst, damit man es genau sehen kann. Und ich breche es noch einmal anders, damit ich darüber schreiben kann. Damit es im Wort annähernd das Ausmaß kriegt, das es den wirklichen Personen, die ich kenne, schuldig ist. Zwischen der Haltung zu ihnen und der Haltung zum Wort entscheidet sich der Satz, bis er gänzlich erfunden das wirklich gewesene einigermaßen streifen kann. ... Loyalität dem Wirklichen gegenüber und Versessenheit aufs Flirren gehören im Satz zusammen.“
Und so ähnlich geht es auch uns bei diesem Eichholzer-Projekt: Wir haben die Bruchstücke, die vorgefundenen Scherben noch einmal gebrochen, damit das Ganze im Buch, in der Ausstellung annähernd das Ausmaß kriegt, das es der wirklichen Person schuldig ist.
(In der Ausstellung wird diese Methode des Erinnerns bewusst weitergespielt, indem jede(r) Besucher(in) die Möglichkeit hat, die Scherben durch Einfügen des eigenen Abbildes weiter zu brechen, sich selber bildhaft und spielerisch in die Erinnerung einzubeziehen.)

Ich kenne Herta Müller, diese großartige Autorin, noch nicht lange. In ihrer Heimat hat sie die Qualen und Verbrechen der Diktatur am eigenen Leib erlebt. Die Sensibilisierung gegenüber verbrecherischen Diktaturen begann aber vor dem eigenen Erleben derartigen Grauens. Ihr Vater ging mit 18 Jahren – wie viele andere Banatdeutsche auch – in die SS, in der Hoffnung „dass ihre Maisfelder und Maulbeerbäume, Häuser und Straßen, ihr Kirchturm und Bahnhof eines Tages Nazideutschland heißen werden, dass Hitlers Krieg aus dieser deutschen Minderheit die Herren der Gegend machen wird.“
Diese familiäre Belastung wirkt sowohl in der Beziehung zwischen Vater und Kind als auch in der erwachsenen Frau lebenslang nach. Schärfte aber ihren Blick auf die Mechanismen der diktatorischen Machtausübung, der Unterdrückung, der falschen Versprechungen ...
Der so genannte Zufall – an den ich nicht glaube – hat mir nun ihre Wörter, Sätze und Texte zugespielt, von denen ich meine, sie ergänzen das Bild des Herbert Eichholzer eben um den in seinem Nachlass fehlenden Teil der geschriebenen Sprache.
Sie schreibt: „Ich dachte mir: Jetzt bin ich 18, so alt wie er damals (ihr Vater, als er zur SS ging). ... Jetzt wiederholt sich die Jugend meines Vaters an mir, jetzt kommt es ganz alleine auf mich an, was ich tu und was nicht. Der Vergleich meines Alters mit seiner Jugend führte zu der Einsicht: Privat anständig bleiben bedeutet öffentlich versagen. Überall hatten schmierige, hirnlose Figuren, Täter und Claqueure das Heft in der Hand. Jeder Aufstieg gründet aufs Drangsalieren anderer: Heucheln, Lauern, Denunziation, Fertigmache. Ich musste mich damit abfinden, zu nichts imstande zu sein, außer zum Ekel vor den Zuständen und zum Erschrecken vor dem Zerbrechen von Menschen. Die ich sehr mochte. Ich hatte keine Möglichkeit, den Machtfiguren etwas anzutun, ich konnte nur nicht aufhören, sie zu beurteilen, meinen Ekel zu begründen. Mir in den Kopf zu sagen: Die bauen diese Staatsheimat auf Menschenverachtung, planen Angst und machen Friedhöfe. Bei denen hat kein Mensch eine Chance, wenn er nicht auf andere losgeht. Alle, die ich schätze, dürfen hier keinen Augenblick so sein, wie ich sie kenne. ... Jedes Maß hat man auf den Kopf gestellt. Man hat uns hier zur Anwendung der dünnen Straßen gezwungen, die Wege, auf die wir unseren Fuß setzen können, sind lediglich unsere eigenen Nerven.“

Herta Müller hat vor wenigen Tagen anlässlich der Verleihung des Bachmann-Preises die Eröffnungsrede in Klagenfurt gehalten. Der Titel lautete: „Die Anwendung der dünnen Straßen. Loyalität dem Wirklichen gegenüber und Versessenheit aufs Flirren gehören beim Schreiben zusammen. Ein Text über Intimität, Erinnerung und Todesangst.“ Die oben zitierten Passagen stammen aus diesem Text. In den letzten Zeilen geht die Autorin noch einmal auf den Titel ein, „erklärt“ quasi die Wortwahl, indem sie schreibt: “Die Anwendung ist ein Gebrauch gegen den Willen und ohne Wahl. Im Satz sollen die Straßen nicht schmal sein, nicht ungewiss, sondern DÜNN, damit sie brechen, ohne die entsprechenden Wörter zu bemühen.“

Was das nun wieder mit Herbert Eichholzer zu tun haben soll?
Ich meine: Die Anwendung der dünnen Straßen, Loyalität dem Wirklichen gegenüber und Versessenheit aufs Flirren gehören in der Architektur zusammen, gilt in Abwandlung des Herta Müller-Zitates auch hier. Ich meine, die Anwendung der dünnen Straßen, die zum Brechen verurteilt sind, trifft auch auf den Lebensweg Herbert Eichholzers zu. Sein Bemühen um soziale Anliegen im architektonischen Werk und darüber hinaus, das meines Erachtens untrennbar mit der Bewegung der Moderne verbunden war, ist seine Anwendung der dünnen Straßen. „Anwendung“ versteht Herta Müller „als Gebrauch gegen den Willen und ohne Wahl“. Nun, das passt vielleicht nicht ganz genau so auf Herbert Eichholzer, aber ich denke wohl, dass es für ihn letztendlich keine Wahl gegeben hat, auf welche Seite er sich stellen sollte. Sowohl in der Architektur als auch im politischen und sozialen Engagement. Seine dünnen Straßen sind letztendlich zerbrochen. Sein politischer Einsatz hat ihn das Leben gekostet, die meisten seiner Bauten sind zerstört oder entstellt.

Noch einmal zitiere ich Herta Müller: „Nur durchs Erfinden wird die erlebte Wirklichkeit auf ihre Wahrheit zurück gezwungen. Eine Wahrheit durch Nähe, die ich den wirklichen Personen und Gegenständen schuldig bin. Mit Nähe meine ich nicht Einverständnis, sondern die kürzest mögliche Distanz. Seltsam nur, je kürzer die Distanz ist, um so schneller gelangt man durch sie aus der Mitte der Zugehörigkeit an den Rand. In einer überschaubaren Gemeinschaft, sei es das Dorf oder ein Staat, weil beide sich selbst überwachen, wird man wegen des Augenhungers der Wörter vom Mitglied zum Feind.
Ich jedenfalls bin doppelt an den Rand gelangt, gleichzeitig an den der Dorfheimat und der Staatsheimat. Und das, obwohl der Augenhunger der Wörter nie aus Überheblichkeit kam, sondern aus der genauen Liebe. Und es war der genauen Liebe geschuldet, wenn ich den Heimatbesitzern sagen musste: Ihr habt diese Dorfheimat im Nationalsozialismus ins Verbrechen manövriert.“

Und ich denke beim Lesen: Ja so musste es doch auch Herbert Eichholzer ergangen sein in seiner Suche. Je kürzer die Distanz zur Wahrheit wurde, desto schneller gelangte er an den Rand, er wurde vom Mitglied zum Feind. Ja, auch er ist doppelt an den Rand gelangt, sowohl im beruflichen als auch im Sinne der „Staatsheimat“. Und das obwohl er „nie aus der Überheblichkeit“, sondern aus dem Motiv, das Herta Müller als „die genaue Liebe“ bezeichnet, gehandelt hat. Also, wie ich es weniger poetisch umschreiben würde, aus großer Empathie, sozialer, künstlerischer und – selbstverständlich – architektonischer Verantwortung.
Wieso also noch einmal Herbert Eichholzer?
Für ihn war Architektur eine Möglichkeit, zu gestalten. Seiner Haltung und seiner Überzeugung, die er gelebt hat, Ausdruck zu verleihen.
Es ist mir bewusst, dass es nach einem Widerspruch klingt, ich schreibe es dennoch: Für mich ist Herbert Eichholzer, obwohl er tot ist, lebendiger als so manche Person (so mancher Architekt), die (der) real existiert. Menschen, die nicht hinterfragen, nicht suchen, die sich mit gegebenen Umständen abfinden, die ähnlich einem Schaf in der Herde oder, schlimmer noch, einem Lemming, dem gerade opportunen Mainstream folgen, eher bedacht auf den vermeintlichen - und zumeist kurzfristigen – eigenen Nutzen als auf längerfristige, nachhaltige Wirkung ihres Handelns.

Es ist schön, einem derart wachen, einfühlsamen, interessierten, kritischen, optimistischen Menschen zu begegnen, auch wenn er nicht mehr lebt.
Deswegen noch einmal Herbert Eichholzer. Denn: Totes Leben gibt es nicht.

Verfasser/in: Günter Koberg TU Graz
Datum: 07|07|04

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