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Günter Eichberger
EISENERZ ABBAUEN
Für Barbara von Nikomedien
„Eisenerz geht in die Offensive: Die Stadt mit dem größten Bevölkerungsrückgang in Österreich verabschiedet sich vom Dogma des permanenten Wachstums und sucht nach Chancen im Schrumpfen.“
(Anne Isopp, GAT)
Die heilige Barbara ist u.a. Schutzpatronin der Bergleute, Geologen, Glöckner, Maurer, Zimmerleute, Dachdecker, Architekten und Totengräber. Der Überlieferung nach wurde sie von ihrem Vater enthauptet, weil sie heimlich zum christlichen Glauben übertrat.
(Wikipedia)
Der Landstreicher zieht im Schutz seiner Tarnkappe ein. Er hat einen Auftrag zu erfüllen, er hat das Terrain zu sondieren. Er soll alles vorbereiten. Für die Ankunft.
Er zieht seinen Zauberstift, der alles Unsichtbare gleißend hell macht, hervor. Er schreibt in die Luft, die gesunde Bergluft:
„Die Anschauung vermeiden. Von der Sprache ausgehen, die die Häuser sprechen, wenn man ihnen aufmerksam zuhört. Sie erzählen keine Geschichte, sie geben ihre Wahrnehmung wieder. Die Steine, aus denen sie einmal bestanden haben. Dieser Stein und dieser und dieser, das war ich einmal, sagen die Häuser. Das ist lange her. Aus dieser Erinnerung sind wir gemacht, sagen sie.
Da sind schöne, da sind schlimme Dinge, Dinge an sich, wie auch wir Dinge sind. In unserem hörbaren Nichtsprechen, unserer dringlichen Dinglichkeit. Unserem Drang, wahrgenommen zu werden. Wort für Stein für Wort.“
Nur Sagen und Legenden sagen wirklich etwas über einen Ort aus, denkt der Landstreicher unter seiner Tarnkappe. Die heilige Barbara, die vielleicht niemals gelebt hat, für deren Erdenwandel es keinen Beleg gibt, wirkt immer noch als Zweig weiter bis in die Gegenwart. Als Pflanze ist sie unzweifelhaft da. Als Barbara-Stollen kann sie befahren werden. Ist das nicht wunderbar, jemand, der nie da war, ist da für immerdar, wie das Eisen?
Und der Wassermann, das Fabelwesen, dem Eisenerz alles verdankt, zumindest den Aufstieg? Der Wassermann wird wiederkommen, vielleicht ist er längst da gewesen, hat das Erz zurückverlangt und ist damit im Wasserloch von Münichtal verschwunden. Der Berg ist freilich noch da. Da steht er, als würde er eine Ansichtskarte abbilden wollen. Als seine eigene Reproduktion.
Schrumpfen. Alles will größer werden. Eisenerz will schrumpfen. In eine Gesundheit hinein. Aber Gesundheit ist nur ein erträgliches Maß an Krankheit, weiß jeder Arzt. Und so wehrt sich das Bestehende gegen seinen Bestand. Das kann beobachtet werden. In allem, was da ist, geht und vergeht. Ewig ist nur das Abwesende. Der Wassermann, die Barbara.
Der Landstreicher nimmt seine Tarnkappe ab und sucht ein Gasthaus.
Aber das erste Gasthaus ist geschlossen, das zweite auch, erst das dritte nimmt ihn gastfreundlich auf. Die Einheimischen, hat ihn sein Gewährsmann gewarnt, seien in ein Gespinst eingenäht, das ein Ortsfremder kaum durchdringen könne. Es gingen Fäden von einem Einheimischen zum anderen, über dieses Garn würden sie sich untereinander austauschen. Es sei nicht ratsam, die Fäden aufzunehmen. Dann ersterbe erst jede Unterhaltung zwischen den Ortsansässigen und in der Folge mitunter auch der zudringliche Fremde. Immer wieder finde man Menschen an durchtrennten eisenerzenen Fäden aufgeknüpft, über deren Herkunft und Fortkommen niemand etwas sagen könne, außer dass sie sich wohl bei Nebel in den Ort verirrt und dann aus einem Stahlwolleknäuel nicht mehr hinausgefunden hätten.
Aber sieh an, in dem Wirtshaus sitzen gar keine versponnenen Larven, freundlich begrüßt die Kellnerin mit blankem Gesicht ihren einzigen Gast, augenscheinlich allzeit bereit, ihn mit allem zu versorgen, was Küche und Keller zu bieten haben. Und schon steht ein Glas Wein vor dem Landstreicher, der in seinem Sonntagsstaat aus zweiter Hand nicht als Unbehauster zu erkennen ist. Auf Gewährsleute nicht hören, notiert der Landstreicher in die Luft, nur auf die eigene stumme Stimme. Und in seinem Kopf entzündet er ein Lagerfeuer, in dem er seine Unterlagen verbrennt.
Eisenerz abbauen, steht darin. Aber die Flamme verzehrt dieses Konzept. „Ich bin die Barbara“, sagt die Kellnerin und setzt sich zu dem Wandersmann an den Tisch aus Holz. Dann sei sie wohl heimlich getauft und rechtgläubig, mit einem heidnischen Vater im Nacken, der schon sein Schwert blutdürstig schleife. „Aber woher denn“, sagt die Barbara, ihr Vater sei ein Taufscheinkatholik wie sie selbst, er habe sie im wesentlichen im Aberglauben erzogen, dass jeder seines Glückes Schmied und Knappe, jede mit ihren Pfunden wuchern und ein sauberes Dirndl zu tragen habe, das Schürzenband nicht zu locker geknüpft, das Fenster des Nachts bummfest zu, bis der Richtige an ihre Kemenate klopfe, auf dass sie sich ihm öffne wie eine Knospe auf der Heide, ein Röslein, das von ihm gepflückt. Und dieser Richtige müsse ihr wohlbekannt sein, tausendmal gesehn, tausendmal ist nichts geschehn, scheue Blicke zugeworfen von ihrer Seite beim Kirchgang, schneidige Scherzworte im rauen heimischen Idiom von seiner Seite, und wenn der rechte Moment gekommen, der Wohlbekannte sich als tüchtiger Arbeiter oder fixer Angestellter mit Pensionsberechtigung heraus- und dem Vater vorgestellt habe, dann sei gegen eine gemeinsame Zukunft samt gesetzlich gedeckter Fortpflanzung nichts einzuwenden. So und nicht anders habe das Leben auszusehen. Seinem väterlich wohlwollenden Entwurf nach. Und auch weiterhin werde seine schützende Hand über ihr schweben, auf dass niemand wage, die Hand gegen sie zu erheben beim geringsten häuslichen Streit.
Das klinge ja bedrohlich fürsorglich, wie ein Sittenbild aus dem vorvorigen Jahrhundert, sagt der Landstreicher nach einem kräftigen Schluck. Und nach diesem Plan sei ihr Leben dann verlaufen? „Nein, nein“, lacht die Kellnerin mit leiser Bitterkeit. Erst habe sich ihr ein Nachbarsbube genähert, ihr regelrecht nachgestellt wie der Wilderer dem Bambi, auch intern und intim manch Versprechen ihr in den Ausschnitt gehaucht, bis sie guter Hoffnung, dann habe er sich, statt das Aufgebot zu bestellen oder sein Anbot nachzubessern, ins sichere Ausland abgesetzt als Saisonier, worauf sie lange nichts von ihm gehört, erst nach Jahren, dass er in Bayern einen Stammbaum gepflanzt und keinerlei Heimweh nach ihr habe. Dass dies Schicksal kein vereinzeltes, sei ihr persönlich kein nennenswerter Trost, zumal das Gesicht ihres Sprosses sie Tag für Tag an den Altarflüchtigen erinnere.
Ja, so könne es kommen, sagt der Landstreicher platt und wenig einfühlsam, da ihm während seiner Wanderschaft härtere Schicksalsschläge kundgetan wurden, er zudem an ein Schicksal nicht glauben mag, schon gar nicht an dessen Boxkünste. Ob sie denn nie vorgehabt, den Ort zu verlassen, wie so viele vor ihr, der Ort genieße doch einen gewissen Ruf wegen der Fliehkraft seiner Verhältnisse. Sei doch die Bevölkerung im Laufe der Jahre um gut die Hälfte geschrumpft, was ihn wie der Fluch aus einem bösen Märchen anmute. Und wer diesen Fluch wohl ausgesprochen, der Wassermann gar, der seine Ruhe haben wolle in seinem Loch in Münichtal, seiner unter Wasser stehenden Substandardklause, in seinem mit Pech bestrichenen Taucheranzug, porös bis zu den Poren…
Männer habe sie wohl reichlich zu Gesicht bekommen, sagt die Kellnerin, aber keinen Wassermann, Wein- und Biermänner, wie es ihr Gewerbe so mit sich bringe, Mineralwassermänner allenfalls, aber die hätten ihr keine noch so bescheidenen Wünsche erfüllen wollen, kein Gold für zehn Jahr, nicht einmal ein Ringlein, kein Silber für hundert Jahr, nicht einmal Katzensilber. Auch kein Eisen zum Bügeln. Wünsche hätte sie schon von ihren Lippen ablesen können, die kein Bestandteil ihrer Bestellung, dem einen oder anderen hätte sie auch diesen und jenen erfüllt, wenn er nicht zu viel vom Zwiebel und Knoblauch zu sich genommen, sie sei ja aus Fleisch und Blut, nicht aus Holz wie dieser Tisch, für Fremde habe sie durchaus ein Herz und einen Unterstand, nur mit den Heimischen wolle sie sich nichts mehr anfangen, die würden nur ihren ramponierten Ruf ungeniert ruinieren wollen, wie es auch andernorts der stillvergnügte Brauch. Ein Fremder ziehe fremd ein, fremd wieder aus, kaum aus dem Bett, habe er auch schon ihren Namen vergessen, könne sie also nicht vor den örtlichen Sittenrichtern ausrichten. Nein, sagt die Gastgeberin, fort habe sie dennoch nicht gewollt, der greise Vater hätte sie mit letzter Kraft erschlagen, wenn sie ihn wie einst die Mutter zur Unzeit verlassen, ohne warme Mahlzeit, ohne kalte Umschläge.
Dann sei sie ja doch eine Märtyrerin, die ihren Namen zu Recht auf dem Serviertablett vor sich her trage.
Sehr leide sie nicht, sagt die Kellnerin, mit glühenden Zangen sei sie noch nicht in den Hintern gezwickt worden, nur mit spitzen Stammgastfingern, solang es noch Stammgäste gegeben habe, die Haut habe man ihr noch nicht abgezogen, nur mit ihrem Einverständnis die Oberbekleidung, an heißen Sommertagen habe sie gerne leicht bekleidet bedient, aber heute könnte sie auch nackt die Suppe auftragen oder das Bier zapfen, das würde dem Haus keinen neuen Kundenkreis erschließen. Sie habe der Stadt beim Schrumpfen zugesehen und sei mit ihr selber immer kleiner geworden, sie und ihre Erwartungen, die sie ans Leben gestellt, als sie noch so töricht gewesen sei, Erwartungen zu haben…
„Die Lösung wird nicht nur im Tourismus zu suchen sein“, zitiert der Landstreicher aus seinen verbrannten Unterlagen, „die Bevölkerung, die da ist, hat mit der Industrie leben gelernt, ist keine Dienstleistungsgesellschaft.“
„Das kannst du laut sagen“, sagt die Kellnerin, „und was führt dich eigentlich in diese verwunschene Gegend?“
Nun, hauptsächlich sei er in Geschäften hier, er berate Unternehmen, sagt der Landstreicher, dem der Wein langsam die Zunge löst, eigentlich sei das Unternehmen, das er berate, eine Einzelpersönlichkeit, das Edelweiß unter der Investoren-Flora der besiedelten Welt, ein echter Solitär unter lauter Halbedelsteinen. Und dieser namhafte Krösus, dessen wahren Namen er auch nicht nennen werde, wenn man ihm Daumenschrauben anlegen oder Elektroden an die Hoden heften würde, habe Wind von den abwicklungsfähigen hiesigen Verhältnissen bekommen, dieser wittere jede Möglichkeit zu einem Schnäppchen über Kontinente, über Meere hinweg…
„Will er den Erzberg kaufen?“ will die Kellnerin wissen.
Der stehe seines Wissens nach nicht zum Verkauf. Aber sein Auftraggeber sei an einem in dieser Form noch nie da gewesenen Städteumbauprojekt interessiert. Die Idee dazu sei ihm bei einem Besuch in Klagenfurt gekommen. Das Projekt laufe unter dem Codenamen ‚Minimundus’.
„Die kleine Welt am Leopoldsteinersee?“
Warum dieser Zweifel in ihrer Stimme? Sein Brotherr habe ausschließlich und garantiert geniale Einfälle. Nach einem Geheimverfahren werde ganz Eisenerz auf Schneekugelgröße geschrumpft.
„Die Einwohner auch?“
Selbstredend. Die Stadt solle ja, wenn man sie durchschüttle, deutliche Anzeichen von Leben zeigen. Der Betrachter müsse mit freiem Auge erkennen können, dass er eine echte Stadt mit leibhaftigen Menschen in der Hand halte. Dieses Vergnügen, eine ganze Stadt in der Gewalt zu haben, würden sich ungenannt bleiben wollende Kapitalkunden Summen kosten lassen, die ihr Vorstellungsvermögen in Neutronen sprengen würde…
„Und dein Chef ist nicht vielleicht in einer Spezialklinik wohnhaft? Oder bist du gar selbst einer exklusiven Anstalt entsprungen?“
Ganz im Gegenteil. Er sei immer schon Landstreicher gewesen. Unsteten Aufenthalts. Immer in Geschäften. Aus seinem Ranzen lebend. Ein Wanderbursch des weltweiten Investments.
Die Kellnerin versperrt die Wirtsstubentür und steckt den Schlüssel in ihr Dirndldekolleté. Hinter der Schank holt sie ein Schwert hervor.
Der Mund des Landstreichers formt ein O. Ob das das Schwert sei, mit dem die heilige Barbara von ihrem Vater geköpft worden sei?
„Nein“, sagt die Kellnerin, „ist deutlich jüngeren Datums. Und wie du siehst“, sagt sie lächelnd, während sie über die rötlich verkrustete Schneide streicht, „ist es noch immer in Gebrauch…“
Da setzt der Landstreicher lieber seine Tarnkappe wieder auf.
Günter Eichberger, geboren 1959 in Oberzeiring/Stmk., lebt als freier Schriftsteller in Graz. Neben Theaterstücken und Hörspielen veröffentlichte er eine Reihe von Prosabänden; zuletzt erschien "Alias" im Ritter Verlag, Klagenfurt.
| Verfasser/in: |
Günter Eichberger
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| Datum: |
18|07|10 |
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