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sonnTAG 331

#4364

WILHELM HENGSTLER
Why don`t we do it in the street?

Part One – Theory

Die Literatur steht, wie das Auto, für Freiheit. Sowohl Literatur als auch Individualverkehr sind Standardthemen in der offiziellen Beschwörung unverzichtbarerer Freiheit. Der Freizügigkeit der Körper entspricht auf der anderen Seite eine der freien Information. Allerdings dienen diese Freiheitsbeschwörungen häufig zum Verbergen der Reglementierung.

Der Verkehr ist prinzipiell eine öffentliche, mit Lärmentwicklung verbundene Veranstaltung. Literatur wird vorwiegend in stillen, oft privaten Bereichen betrieben. Der Verkehr spielt sich wenig überraschend auf den Straßen ab, die Literatur findet sich in Bibliotheken geparkt – beides Verkörperungen der Obrigkeit: der Klöster, gekrönter Häupter und Nationalstaaten.

Was die sieben Weltwunder für das Altertum ist das weltumspannende Straßennetz mit seinen Viadukten, Autobahnen, Brücken und Tunnels für die Gegenwart. Die Bibliothek von Alexandria und die Kongressbibliothek in Washington als die größten ihrer Zeit nehmen sich demgegenüber bescheiden aus. In den gewaltigen, „flachen“ Straßenbauten finden sich das Egalitäre der Demokratie, aber auch der gesellschaftliche Widerspruch von Freiheit und Zwang, von Selbstbestimmtheit und Manipulation.

Während das Volk der Leser schwindet und das Buch zum körperlosen File im Cyberspace wird, wendet der durchschnittliche Arbeitnehmer ein Drittel seines Einkommens für sein Auto auf und jeder siebte deutsche Arbeitsplatz ist in der Autoindustrie. Die Freiheit des Individualverkehrs kostet – ökonomisch, ökologisch, persönlich – so viel, dass sie schon wieder zur Sklaverei wird. Demgegenüber nehmen sich Gewinnspannen und Ressourcenverbrauch der Literatur bescheiden aus.

Der Verkehr ist das Gegenteil von privat, bis auf das kleinste Asphaltkrümelchen durchorganisiert und -reglementiert. Dabei macht der Widerspruch zwischen der Fiktion von Freiheit und dem tatsächlich herrschenden Zwang die Verkehrsteilnehmer reizbar für jede Störung des gewohnten Verkehrsflusses.
Vermutlich deshalb wird die zeitweilige Aufhebung der gewohnten Ordnung (der StVO) üblicherweise nur Faschingsumzügen, Radkriterien, Marathonläufen, Militäraufmärschen und (falls die Zeiten wieder politischer werden) Demonstrationen eingeräumt.

Der moderne Verkehr ist das Gegenteil von Kommunikation, wer das bezweifelt, muss sich nur an einer Durchzugsstraße einmieten oder der Unbehaustheit der Bahnhöfe aussetzen. Eine Lesung, die wie die oben aufgezählten Volksbelustigungen den Verkehr stört, fordert ihre nur zum Schein beschworene Bedeutung wenigstens vorübergehend ein. Indem sie temporär den Verkehrslärm in Sprache, Kollision in Kommunikation, Energieverschwendung in Sparsamkeit verwandelt, beschwört sie eine Utopie, in der die literarische Ohnmacht zur gesellschaftlichen Gegenmacht wird.

Die Stunde, als wir endlich mehr voneinander wussten
(Why don`t we do it in the street?)

Teil zwei – die Praxis

Während der Hauptverkehrszeit wurde in der Franz-Graf-Allee neben der Oper ein konventioneller Vortragssaal mit Sitzreihen, Podium, Lesetisch und einer gemütlichen Sitzbank für den „Master of Ceremonies“ installiert.
Moderiert von Günter Eichberger lasen ziemlich viele „Grazer“ Autoren der Grazer Autorenversammlung (am 24.06.2010, 18.00 Uhr; Anm. der Red.). Erstaunlicherweise erregte die Lesung nicht die erwarteten Aggressionen in der Öffentlichkeit, wahrscheinlich, weil es kaum Sichtkontakt mit den Verkehrsteilnehmern am Opernring bzw. am Glacis gab.

Dafür bot die Kreuzung Glacis/Mandellstraße hinter dem Podium „Filmbilder“ wie hinter einer Glaswand. Die Lichter der Ampeln, die wiederkehrenden Straßenbahnen und Busse, der vorüberwogende PKW-Verkehr bildeten einen audiovisuellen, gleichzeitig abwechslungsreichen und beruhigenden Kommentar zu den Texten, die überwiegend vom Verkehr handelten.

Graz zeigte sich allen TeilnehmerInnen der Veranstaltung irgendwie neu. Die Muße, zwei Stunden neben einer Lesung auch das Leben auf der Straße zu verfolgen, ergab einen unerwarteten Mehrwert: Ein Fahrradfahrer im Bademantel, Opernbesucher im schwarzen Dress, Modeärzte mit russischen Models, Bettler & Bankrotteure, Mütter, die auf Inlineskates ihre Kinderwagen fortbewegen, Expresszusteller …

Der „unmögliche“ Ort ermöglichte eine amüsante Literaturrezeption mit einem ironischen, keinesfalls aggressiven Grundton.
Eine erregte, verkehrspolitische Auseinandersetzung ergab sich dabei freilich nicht. So gesehen kann man das Projekt als misslungen ansehen.

Aber der Erfolg bestand gerade in der wie selbstverständlichen Inbesitznahme des öffentlichen Raumes. Indem gezeigt wurde, was der öffentliche (Verkehrs)Raum auch bieten kann, wird der Verlust deutlich, den die Bürger durch den Verkehr und dessen Reglementierung erleiden.

WILHELM HENGSTLER ist Filmregisseur und Autor, Mitglied der GAV Grazer Autorinnen Autorenversammlung, ausgezeichnet mit dem Manuskriptepreis 2004, lebt in Judendorf/Strassengel bei Graz.

Verfasser/in: Wilhelm Hengstler
Datum: 27|06|10

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Weiterführende Links ...

Grazer Autorinnen Autoren Versammlung


Flyer zur Veranstaltung der GAV "Why Don´t We Do It In The Road", am Donnerstag, dem 24.06.2010 in der Franz-Graf-Allee in Graz

Flyer

Vogelperspektive auf den Veranstaltungsort

Totale Kreuzung

Lesung von Hellwig Brunner, li. Günter Eichberger (Moderation)

Geschehen am Rande der Lesung: Fahrradfahrer im Bademantel

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