|
Günter Eichberger
ARCHITEXTUR: AUFBLITZEN DES ERZÄHLENS
Elisabeth Wandeler-Deck, Dichterin und Architektin
„Was nicht in Ordnung ist, kann nicht in eine Ordnung hinein erzählt werden.“
(Elisabeth Wandeler-Deck, Zählweisen: Regeln des Tennisspiels)
1
Vor ein paar Monaten hat Elisabeth Wandeler-Deck im Grazer „Forum Stadtpark“ ihr neues Buch „Da liegt noch ihr Schal“ präsentiert. Diese lange Prosa verbindet auf eigentümliche Weise beide Disziplinen, in denen die Autorin tätig ist, beziehungsweise war: Literatur und Architektur.
Das Buch „spielt“ im „Strip von Sihlbrugg“, südlich von Zürich, ein nur zum raschen Durchqueren einladendes Landschaftsstück, an der Grenze von schweizerischem Mittelland und Zentralschweiz, mit dem ersten, in den fünfziger Jahren erbauten Motel der Schweiz. Ein „fast schon stadtartiges“ Durchzugsgebiet, seltsam „eigenschaftslos“, aber in dieser Eigenschaftslosigkeit schon wieder charakteristisch für die drohende Verstädterung der Schweiz. Wandeler-Deck ist in Zug, einer Kleinstadt auf dieser Strecke, aufgewachsen.
„Diese Räume“, schreibt Florian Neuner, „mit denen man nach der Erosion des Gegensatzes von Stadt und Land allerorten konfrontiert wird, fanden in der Literatur bislang kaum ein adäquates Echo. Wandeler-Deck nimmt diese Herausforderung an und projiziert auf den Transitraum ein vielstimmiges Geflecht aus Personenrede, Bildern, Fragmenten von Geschichten.“
2
Je älter ich werde, desto altersloser erscheinen mir manche Menschen. Nicht nur aus oberflächlichen, augenscheinlichen Gründen. Elisabeth Wandeler-Deck, Jahrgang 1939, hat kein einziges graues Haar, obwohl sie nicht färbt, das liege einfach in ihrer Familie. Und wer sie kennt, weiß, dass das nicht geflunkert ist. Eine große innere Kraft strahlt sie aus. Das muss sie auch, schließlich treibt sie das ästhetische Projekt der Moderne voran. „Schreiben als architektonisches Entwerfen, vom Material ausgehend“, wie ihre langjährige Lektorin Ingrid Fichtner – eine Steirerin – konstatiert. Sprachlandschaften entwirft Wandeler-Deck, sie erzählt nicht die immergleichen, mythisch unterfütterten Geschichten, wie vom beinharten Unterhaltungsdiktat des gegenwärtigen Literaturbetriebs gefordert. Im Hauptstrom dieser hoffnungslos prämodernen Substitutionsliteratur geht alles unter, was nicht dem Einmaleins des narrativen Schemas entspricht.
3
Ein Nicht-Ort ist Sihlbrugg, allerdings nicht im Sinne einer positiven Utopie. An der „Durchfahrlandschaft“ baut sie gleichsam weiter, nicht mit Baumaterialien, sondern mit dem Material der Sprache. „Hänge weitere Architekturen hinein mit ihren Personenfiguren – es entstehen Architexturen. Es blitzt Erzählen auf.“ So nimmt Gestalt an, was gar nicht da ist, wenn auch „nur“ als Text.
Ist das Motel im Buch „Da liegt noch ihr Schal“ nun ein reales – eben jener nach amerikanischem Vorbild in die Schweizer Landschaft „gepflanzte Fremdkörper“ – oder eine Art „Memory Motel“, das aus Erinnerungen zusammengesetzt ist und im nächsten Moment des Vergessens in sich zusammenstürzt, wie in der Nummer der Rolling Stones und einem Theaterstück von Wolfgang Bauer? Wandeler-Deck zitiert dazu aus Peter Eisenmans „Aura und Exzess“: „Fiktion wird zur Simulation, wenn sie ihren fiktionalen Zustand nicht als solchen erkennt, sondern versucht, einen Zustand der Wirklichkeit, der Wahrheit oder der Nicht-Fiktion zu simulieren.“
Die Türen, die nach draußen führen – Pforten der Wahrnehmung – , machen das Motel erst aus. Von innen können wir das Gebäude nicht sehen, wir müssen uns ins Freie, „ins Offene“ begeben.
Und wie liest sich das?
„Oh rufen wir, dem Text die Haut abziehen! Dem Gebäude die Haut abschälen!“ (Laut Roland Barthes ist die Sprache eine Haut: „Ich reibe meine Sprache gegen die andere. Sie ist, als ob ich Wörter anstelle der Finger hätte oder Finger an der Spitze meiner Wörter.“ Und aus dieser Reibung entsteht die Lust am Text.)
4
Auf die Frage, welche Rolle ihre Ausbildung als Architektin für ihr Schreiben spiele, antwortet die Autorin: „Der urbanistische, der architektonische, der geografische Raum als ein zu verändernder Raum hatte meine Aufmerksamkeit schon geweckt, lange bevor ich Architektin wurde. Doch dass ich Architektin noch bin, ohne den Beruf auszuüben, wirkte und wirkt nach. Aus Architekturtheorien schälte ich Aspekte für Poetologien. Eine Architektin entwirft und findet vor, findet vor und entwirft. Von Entwurfsmethoden her fand ich zu Textformen. Schreiben als Bauen und Entwerfen in einem, was beim konkreten Bauen von Gebäuden eher nicht geht.“
5
Eine bedrohliche Atmosphäre, ein latentes Klima der Gewalt herrscht in den Räumen dieses Motels, das zugleich ein Labor für Figuren ist. Und diese Figuren sind Stimmen, sind nur im Sprechen existent.
„Was nicht alles ist womit nicht alles da ist wobei es noch kaum gesagt ist wobei vom Schweigen der beiden noch nichts gesagt ist.“
Aus „Wortverwischungen, Wörtervertreibungen“ entstehen Wandeler-Decks Texte, schreibt Ingrid Fichtner. Aber wie viele Wörter hier auch vertrieben werden, denke ich, sie versammeln sich auf der Flucht, im Zerfließen erst recht zu Textblöcken, Konvoluten, ganz anderen Valuten, einer poetischen Fremdwährung, deren Wert im Inland des Bewusstseins wie im Ausland des Außersichseins gleichermaßen gilt.
6
Wenn Elisabeth Wandeler-Deck nach Graz kommt, kommt die Prophetin zum Berg. Und dieser Berg öffnet sich auf einen Zauberspruch von ihr. Dann liegt alles offen da. Glitter und Gold.
Literaturhinweis:
Elisabeth Wandeler-Deck
"Da liegt noch ihr Schal"
Taschenbuch, € 21.90
2009, Edition Taberna Kritika
ISBN 10: 3905846063
ISBN 13: 9783905846065
Günter Eichberger, geboren 1959 in Oberzeiring/Stmk., lebt als freier Schriftsteller in Graz. Neben Theaterstücken und Hörspielen veröffentlichte er eine Reihe von Prosabänden; zuletzt erschien "Alias" im Ritter Verlag, Klagenfurt.
| Verfasser/in: |
Günter Eichberger
|
| Datum: |
18|04|10 |
Lesen Sie auch ...
Weiterführende Links ...
|
|
Elisabeth Wandeler-Deck. Foto: Urs Graf
|