GAT logo

Fenster schließen 

„… als gestaltete Form unseres Lebensraums …“ – Architekturpreis Steiermark 08, das Jahrbuch

#3996

„… als gestaltete Form unseres Lebensraums …“ – Architekturpreis Steiermark 08/09, das Jahrbuch

Es galt, sagte Kurator Andreas Ruby, noch bevor der Preisträger des steirischen Architekturpreises 2008 bekannt gegeben worden war, „Äpfel mit Birnen“ zu vergleichen. Insofern war es unmöglich, ein einziges Projekt als architektonisch bestes gegenüber den anderen elf der engeren Auswahl zu bestimmen. Architektur bedeute für ihn weit mehr als das im Umfeld solitäre Objekt mit sichtlich skulpturalen Qualitäten.

Der Titel des Jahrbuches – Dokumentation der zwölf Projekte aus der engeren Auswahl – klingt nicht zufällig wie John Steinbecks „Von Menschen und Mäusen“. „Von Menschen und Häusern“ formuliert Rubys Intention und entspricht den inszenierten (Architektur-)Fotografien von Livia Corona, nämlich dass Architektur erstens und letztens für Menschen gemacht ist, auch wenn es in der Steiermark Architekten gibt, die darauf bestehen, Skulpturen auf die Erde zu stellen und zudem explizit darauf verweisen, dass die „User“ ja nicht gezwungen würden, in ihren Kunstwerken zu wohnen, selbst wenn es sich konkret um sozialen Wohnbau handelt. Oder nach Markus Bogensbergers Vorwort: „Idee dieses Jahrbuches ist allerdings nicht nur die Dokumentation von hochwertiger Architektur, sondern auch der Versuch, über die enge Definition von Architektur als Gebautem hinauszugehen, um einen breiteren Blick auf die gestaltete Form unseres Lebensraums als Ausdruck sozialer Strukturen zu werfen.“

Livia Coronas Fotografien greifen insofern nochmals das Thema auf als es sich nicht allein um Aufnahmen der dokumentierten Projekte handelt. Sie zeigen diese vielmehr im steirischen, oft absurd skurril anmutenden Umfeld (Schwarzlsee, Styrassik Park, das Experiment, einen barocken Formalgarten nahe Lebring anzulegen, das Graffiti-Bauernhaus bei Schillingsdorf u. a.).
Die Texte zu den einzelnen Objekten sind demnach auch nicht die üblichen kuratorischen Egoschreiben, sondern gleichen in Stellungnahmen von Passanten, Anrainern, Architekten, Bauherren, Bürgermeistern (selbstverständlich jeweils fem./mask., Bau-Herr klingt ohnehin wie schon etwas länger in Gebrauch, besser wird’s kaum bei Bau-Herrin) eher dem Versuch von Objektivierung, entsprechend den Verfahren der Feldforschung. Jedenfalls zeigen die Texte, wenn etwa eine Schülerin von ihren optischen Eindrücken erzählt oder eine Apothekerin von der Gestaltung des Trofaiacher Hauptplatzes, der ihr zu betoniert erscheint, dass Architektur auch in die Belange von Menschen reicht, die mit dem jeweiligen Objekt entfernt wahrnehmend verbunden sind – für Ruby ein Qualitätskriterium.

Wohin seine Überlegungen führen, wird deutlich am Beispiel „Ökosozialer Wohnbau Am Grünanger, Graz“ von Hubert Rieß. Ernest Kaltenegger, vormals Wohnungsstadtrat in Graz, führt dazu aus, dass man die Holzhäuser Am Grünanger aufgrund ihrer Ausstattung für nicht mehr zeitgemäß gehalten hat. Der Grund, auf dem sie stehen, ist aber hochwertiges Bauland. Im Grazer Stadtsenat war es erwartungsgemäß schon 8:1 für den Abbruch gestanden. Kalteneggers Überlegungen gingen in die Richtung, dass sich hier eine individuelle Form des Lebens und Wohnens einer sozialen Gruppe (mit hohem Anteil an Arbeitslosen) finden sollte, die grundsätzlich Teil eines städtischen Gefüges ist. Über mehrere Initiativen kam es schließlich zur neuerlichen Abstimmung im Stadtsenat, in der man sich einstimmig für den Erhalt und die Adaption durch Hubert Rieß aussprach.

Dieser beschreibt im Buch seine Auseinandersetzung mit Baufragen; man war auf einfachste und ursprünglichste Materialien und Mittel angewiesen – „Ziegel, Holz und kleine, einfache Glasflächen“. Die Kleinteiligkeit des Grünangers sollte erhalten bleiben. Dämmprobleme beispielsweise wurden durch Zusammenstellen der kleinen Häuser zu Mini-Komplexen gelöst, was wiederum Installationen begünstigte. Die Komplexe stehen jeweils auf einer massiven Grundplatte, in der Fußbodenheizungen verlegt sind. Weil die Menschen am Grünanger in großer Zahl von Sozialhilfe leben, wurde auch für die Fernwärme ein Spezialtarif ausgehandelt; denn über irgendwelche Umlagen müssten ohnehin Sozialleistungen in den Grünanger fließen, betont Rieß.

Auch im Nachwort halten die Herausgeber fest, dass Architektur für sie eine „res publica“ ist, eine öffentliche Sache, die nicht allein Architekten und Bauherren vorbehalten sein darf und kann. Damit sollte auch dieses Jahrbuch die klientelspezifische Form nicht wiederholen, sondern vielmehr ein „aufregendes Buch über Architektur sein, das man instinktiv in die Hand nehmen möchte“. Genau das ist gelungen. Text, Fotografie, Planzeichnungen und Papier erfüllen diesen Anspruch, selbst die Fotografien sind auf mattem Papier gedruckt, was der Qualität und Lesbarkeit so gar nicht abträglich ist, im Gegenteil: das Ergebnis ist unüblich und besser. Vor allem die Menschen, von denen die gebaute Architektur genutzt wird, seien der eigentliche Schwerpunkt der Architektur, betonen die Herausgeber weiters, und sie stehen im Mittelpunkt der Fotografien von Livia Corona, der Zeichnungen von Elena Schütz und Julian Schubert und der Texte.

Wenn inzwischen die Entscheidung für die Preisvergabe an x architekten für das Haus Yug in Frauental kritisiert wurde, etwa weil es vermeintlich ein „Spaßprojekt“ sei beziehungsweise weil die Architekten nur bis zur Einreichplanung gearbeitet hätten, so müssen eben oben genannte Kriterien Rubys ins Treffen geführt werden. Markus Pernthalers Rondo etwa, sagte mir Andreas Ruby während der Busfahrt zu einigen der rezenten Objekte, erfährt naturgemäß die absolut verdiente Aufmerksamkeit. Demgegenüber ginge einem ländlich peripheren Projekt wie dem Haus Yug wohl die ihm ebenfalls zustehende Beachtung verloren. Und die Entscheidungsfreiheit lag aufgrund des gewählten Modus eben bei Kurator Andreas Ruby. Damit ist nicht gesagt, dass eines nur irgendwie besser als das andere wäre, vielmehr, dass sich diese Objekte nicht miteinander vergleichen lassen.


Ein Gespräch mit Andreas Ruby zu Jahrbuch und Architekturpreis findet am Donnerstag, dem 29. Oktober um 19.00 Uhr im HDA im Palais Thinnfeld, Mariahilferstraße 2, 8020 Graz, statt.

"Von Menschen und Häusern. Architektur aus der Steiermark. Architektur Graz Steiermark Jahrbuch 2008/2009"
Mit Fotografien von Livia Corona.
Herausgeber: Ilka und Andreas Ruby
Verlag Haus der Architektur Graz, 2009
Preis: 39,90 €
Text: deutsch/englisch
320 Seiten mit 111 farbigen, ganzseitigen Abbildungen und 45 Grundrissen, Schnitten und Ansichten
Format: 24x31 cm, Broschur
Projektleitung: Markus Bogensberger, Heinz Rosmann, Fabian Wallmüller
Projektkoordination: Tanja Gurke
Erscheinungstermin und Präsentation: 12. Oktober 2009
ISBN 978-3-901174-71-1

Verfasser/in: Wenzel Mracek, Buchbesprechung
Datum: 29|10|09

Lesen Sie auch ...

29 10 2009 > Offenes Gespräch zum Architekturpreis des Landes Steiermark 2008 und HDA-Jahrbuch 2008/2009 mit Kurator Andreas Ruby, im HDA Graz
14 10 2009 > Falter Stmk. 42/09 > Der verrückte Blick > Thomas Wolkinger im Gepräch mit Andreas Ruby

Weiterführende Links ...

ERGEBNIS Architekturpreis des Landes Steiermark 2008
www.hda-graz.at


Buchcover "Von Menschen und Häusern. Architektur aus der Steiermark. Architektur Graz Steiermark Jahrbuch 2008/2009". Foto: Livia Corona

Diese Seite: empfehlen | kommentieren | drucken

Fenster schließen