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sonnTAG 289

#3852

EMIL GRUBER
Let’s Zeppelin. Teil 1
"Stufen zum Himmel"

Eigentlich reichen mir drei. Von den vier Elementen traue ich der Erde am wenigsten. Alles was sich vorwiegend fest und unbeweglich gibt, erfährt nur bedingt meine innige Freundschaft.
Wasser, Feuer, Luft sind dagegen wahre Kameraden.
Wenn rund um mein Schiff kein Land mehr zu sehen ist, wenn ich am Gipfel eines aktiven Vulkanes Schwefel rieche und in einen rot brodelnden und dampfenden Abgrund schauen darf oder mir schlicht und einfach der Boden unter den Füssen weggezogen wird und ich Dank der Technik abhebe, dann hat mein für das Glück zuständige Innenressort ganze Arbeit geleistet und erhält Belobigungen vom Chef.

Aber bleiben wir salomonisch und geben wir allem seine Zeit. Von hohen Wellen und Eruptionen werde ich der werten Leserschaft ein anderes Mal berichten, heute landet einmal ein Luftschiff in Leichtbauweise am Sonntagssofa.

Als 1937 die Hindenburg, deren Dimensionen übrigens beinahe an die der Titanic herankamen, bei der Landung im amerikanischen Lakehurst Feuer fing, dabei völlig zerstört wurde und sechsunddreißig Menschen ihr Leben verloren, endete ein rund vierzigjähriges Kapitel der Luftfahrt – das der Zeppelins.

Dieses Ereignis war nicht nur ein massiver Einschnitt für die Geschichte der zivilen Luftfahrt. Nein, wenn auch mit ziemlicher Verzögerung, war es auch eine Katastrophe für einen steirischen Äronauten, der vom Ballon bis zum wackeligen Miniflieger alles schon ausprobiert hatte, so ferne es eine brauchbare Wahrscheinlichkeit gab, neben dem Hinauf auch ein einigermaßen körperfreundliches Herunter zu überleben.

Aber, um auch hier nochmals biblisch zu werden, wer Glauben und Hoffnung nicht aufgibt, dem ist das Reich des Himmels gewiss, predigt ja das göttliche Bodenpersonal schon lange. Und im konkreten Fall gibt es für den Gerechten nun doch eine Möglichkeit zur Himmelfahrt, von der man sogar danach seinen Lieben bei kühlem Bier und einer Jause erzählen kann.

Die Pilgerstätte dazu heißt Friedrichshafen am Bodensee.

Von hier aus erhob sich ja schon 1900 der allererste deutsche Zeppelin. Na ja, Nummer 1 war nur gut zwanzig Minuten in der Luft, dann zwangen ihn technische Gebrechen auf die Seeoberfläche. Aber über 130 weitere Modelle folgten, flogen, stürzten ab, wurden verbessert. Der Erfinder, Graf Zeppelin, ging Pleite, ließ sich nicht entmutigen, sammelte Geld durch Lotterien und Spenden. Im ersten Weltkrieg mutierte der Zeppelin schnell zum Aufklärer und Bombenabwurfgerät. Nach dem Krieg musste Deutschland die Produktion der Luftschiffe einstellen, die nicht zerstörten Exemplare gingen an die Alliierten. Ende der Zwanziger erfuhr der Zeppelin eine Renaissance, umfuhr die Erde, schwebte in die Arktis und wurde schlussendlich für rund siebzig Passagiere pro Strecke zu einem transatlantischen Luxusliner der Lüfte. Bis der Traum von einer erdumfassenden Flugverbindung in Lakehurst barst. Der in der Zwischenzeit an die Macht gekommenen nationalsozialistischen Regierung war diese Katastrophe nicht wirklich unangenehm. Für einen Kriegseinsatz war der Zeppelin zu behäbig geworden und friedliches Weltweit-Unterwegssein gehörte nicht gerade zum Parteiprogramm. Somit hatte ein Herr Göring genügend Gründe, die letzten drei Luftschiffe zerstören und die mittlerweile nach Frankfurt verlegten, baulich einzigartigen Produktionshallen am Rhein-Main Flugplatz sprengen zu lassen.

Doch rund sechs Jahrzehnte später feierte der Zeppelin 2001 an seinem ursprünglichen Geburtsplatz ein Comeback in Sachen Personentransport. Mit einer reißfesten Hülle, unbrennbarem Helium als Füllung, schwenkbaren Propellern für eine Landung im Hubschrauberstil und modernsten Flugsteuerungssystemen hat er ein zeitgemäßes Lifting erfahren. Zwar hat das Luftschiff nicht mehr die Wucht und Größe der goldenen Jahre, steht man ihm aber einmal am Startfeld gegenüber, entwickelt es mit 75 Meter Länge, 20 Meter Breite und 17 Meter Höhe dennoch eine ordentliche Stattlichkeit.
Als einer von zwölf Auserwählten kletterte ich die Stufen hoch zur Kapsel, Pilot und Co-Pilotin warteten bereits im Allerheiligsten. Während der Messias am Ruder uns sanft und praktisch geräuschlos in dreihundert Meter Höhe steuerte, erklärte uns Maria Magdalena den Gebrauch der Schwimmwesten unter unseren Sitzen. Jeder Himmel braucht auch seine Sicherungen.

Als alter Judas dachte ich mir später, während der Bodensee und seine Ufer als Miniaturen unter mir vorbei glitten, einmal rund um die Erde in einer Raumkapsel, das wäre mindestens ein genauso feines Erlebnis.


(Let’s Zeppelin Teil 2 mit dem Titel „Die Gebrüder Renner - Hundert Jahre Erstflug in Österreich“ folgt am 09. August )

Fotos: Emil Gruber

EMIL GRUBER
lebt in Graz
Bildermacher, Schreiber, Spaziergänger.
KONTAKT: katmai@aon.at
http://ortlos.com/photography

Verfasser/in: Emil Gruber
Datum: 26|07|09

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