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Bis 2017 soll in Graz-Reininghaus auf einer Fläche von über 545.000 m² ein neues, pulsierendes Stadtzentrum mit kleinteiliger, durchmischter Nutzung und Platz für 12.000 Menschen entstehen, das eine attraktive Ergänzung zum vorhandenen Angebot in Graz bietet. Der Eigentümer Asset One setzt bei der Entwicklung des Areals auf neue Wege: Anstatt wie üblich über den Stadtteil einen Masterplan zu stülpen, nähert man sich dem Gebiet und seinem Potenzial schrittweise. In enger Zusammenarbeit mit der Stadt Graz, ihren BewohnerInnen und unter Einbindung von Politik und Verwaltung, nationalen und internationalen ExpertInnen für Grünraum, Städteplanung, Alltagskultur und Mobilität sollen Stadtszenarien entwickelt, Möglichkeiten und Notwendigkeiten ausgelotet werden, die sich aus einem möglichst breiten Spektrum an Ideen und Perspektiven ergeben.
Der künftige Stadtteil Graz-Reininghaus soll verkehrstechnisch neue Impulse setzen. Gesucht sind daher zukunftsweisende Konzepte für ein neues Miteinander unterschiedlicher Verkehrsformen, die den Menschen in der Stadt beides ermöglichen: mehr Lebensqualität und größere Bewegungsfreiheit. In diesem Zusammenhang hat der Grazer Verkehrsexperte Kurt Fallast die momentane Verkehrssituation in Graz erhoben und die Auswirkungen quantifiziert. Die Verkehrsplaner Helmut Koch (Büro Trafico Gmunden) und Jürg Dietiker (Verkehrsplaner an der Zürcher Hochschule in Winterthur) haben sechs Thesen zur Mobilität ausgearbeitet. Die Ergebnisse wurden im Rahmen einer Veranstaltung am 9. Oktober in der Pädagogischen Akademie in Graz-Eggenberg vorgestellt. Neben Fallast, Dietiker und Koch standen Vizebürgermeisterin Lisa Rücker, DI Martin Kroissenbrunner, Leiter der Verkehrsplanung Stadt Graz, DI Andreas Tropper, Landesbaudirektor, Leiter der Abt. 18 – Verkehr, Verkehrsplaner, Graz, Mag. Roland Koppensteiner, Vorstandsvorsitzender Asset One und Andreas Kleboth, kleboth lindinger partners für ein Podiumsgespräch zur Verfügung.
Einleitend präsentierte Fallast Daten und Fakten zur Verkehrssituation und prognostizierten Entwicklung. So werden im Gebiet Reininghaus derzeit 50% aller Wege mit dem Pkw zurückgelegt, im Bezirk Eggenberg sind es 38%. Die Alte Poststraße ist mit 13.000 Pkw pro Werktag belastet. Bei einer Ansiedelung von 10.000 neuen Bewohnern und 5.000 Arbeitsplätzen bedeutet das einen Anstieg auf 18.000 PKW, wenn die Entwicklung so weiter geht wie bisher. Das Resümee lautet daher, dass die Planer gefordert sind, zukunftsweisende Konzepte zu entwickeln, denn es ginge auch anders, meinte Fallast abschließend. Wie, wurde im Anschluss anhand von sechs Thesen skizziert. In äußerst unterhaltsamer Weise trug Jürg Dietiker zuerst drei davon vor, die drei weiteren präsentierte Helmut Koch.
These 1 - Philosophien nachhaltiger Mobilitätsplanung
Seit dem Club of Rome gibt es das Bewusstsein von Grenzen. Mobilität ist ein knappes Gut, daraus resultiert politische Auseinandersetzung um Macht und Ressourcen. Das menschliche Mobilitätsverhalten ist ein Routinevorgang im Hirn. Menschen ändern ihr Verhalten erst bei Widerstand gegen ihr Tun, wobei sich bei geringfügigen Gewohnheitsänderungen die Verkehrsprobleme billig lösen ließen. Die heutige Planungsphilosophie ist angebotsorientiert und nicht nachfrageorientiert, das heißt Steuern und Beeinflussen vom Verkehrsverhalten. Aus der Ressourcenknappheit entstehen dichtere, besser vernetzte Stadträume.
These 2 - Straßenräume sind wichtige Stadträume:
Die Straßenräume müssen wieder gestaltet werden, es darf die Wertigkeit nicht mehr nur auf Autoverkehr gelegt werden, den Fußgängern muss sprichwörtlich der Teppich ausgelegt werden. Diietiker bringt als Beispiel eine rückgebaute Straße, wo der Bereich für die Fußgänger teppichartig gestaltet wurde. Durch Gestaltung, Betriebsmanagement und Partizipation werden Anreize und Akzeptanz geschaffen.
Für Reininghaus könnte das bedeuten, dass die Alte Poststraße im Sinne einer Adresse zu einer Prachtstraße mit ÖV ausgebaut wird.
These 3 - Planen bedeutet surfen auf der Welle der Zeit, wobei man die guten Gelegenheiten am Schopf packen muss: Ein institutionalisierter Entwicklungsbeirat kontrolliert den Weg von der Vision zur Realisierung.
These 4 - Die Anzahl der Fußgänger nimmt kontinuierlich ab:
1982 waren es noch 31%, 2004 nur mehr 19% Fußgänger. Daher muss es eine Priorität für Fuß- und Radverkehr geben. Für Reininghaus bedeutet dies zuerst einmal, dass eine leistungsfähige Straßenbahn im Gebiet und eine attraktive Radverbindung ins Zentrum zu planen sind.
These 5 - Mobilitätsmanagement:
Über weiche Maßnahmen wie Carsharing-Angebote, individuelle Mobilitätsberatung, Job-/Bewohnertickets, autofreies, autoarmes Wohnen wird eine Umorientierung versucht. Für Reininghaus sollte ein zentrales Parkraummanagement mit einem Betreiber vorgesehen werden. Stellplatzpflicht wird durch Einkauf ins Parkraummanagement erfüllt.
These 6 - Anforderung an den Planungsprozess:
Die Straßenbahn muss in Betrieb sein bevor das Gebiet genutzt wird. Es bedarf eines S-Bahnanschlusses, attraktiver Radwegverbindungen ins Zentrum, einer vorrangigen Nord-Süd-Erschließung für den Autoverkehr und Kooperationen hinsichtlich Parkraum- und Mobilitätsmanagement.
Im anschließenden Podiumsgespräch stimmte Vizebürgermeisterin Rücker diesen Thesen vollkommen zu und forderte von Asset One konkretere Ansätze, was wo passieren wird, damit auch die Stadt konkreter planen kann. Die Stadt ist an diesem mutigen Entwicklungsprozess sehr interessiert. Rücker wünscht sich auf Grund des steigenden Interesses am Standort Graz ein mutigeres Auftreten der Stadt gegenüber Investoren als in der Vergangenheit.
Tropper betonte, dass seit fünf Jahren regionale Verkehrskonzepte ausgearbeitet werden und nun Graz und Graz –Umgebung an der Reihe seien, was eine gute Möglichkeit für Reininghaus bietet. Weiters will er sich vermehrt um den Radwegausbau in der Stadt kümmern.
Kroissenbrunner will Reininghaus als einen Verkehrssparstadtteil planen und erklärte auf Nachfrage aus dem Publikum, dass er damit weniger Autowege meine.
Dietiker betonte, dass die Schweiz viel rigoroser sei. Dort fragt man, wie viele Fahrten verträgt ein Gebiet, dann werden diese ermittelten Fahrten auf Firmen und Bauträger aufgeteilt. Wer mehr braucht, zahlt Buße (diese stützt ÖV-Ticketpreis), wer weniger braucht kann mit dem Überkontingent Handel betreiben.
Mehr solcher geistreicher und doch pragmatischer Vorschläge wünscht man sich für Graz. Bemerkenswert war, dass diesmal „echte“ Stadtteilbewohner/innen anwesend waren, die die Veranstaltung der Asset One und vor allem die Präsenz der zuständigen Politikerin für ganz konkrete Anfragen nützten. Ganz offensichtlich gibt es Bedarf nach mehr Bürger/innenbeteiligung.
| Verfasser/in: |
Elisabeth Lechner, Bericht
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| Datum: |
16|10|08 |
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v.l.n.r.: Andreas Kleboth (kleboth lindinger partners), Martin Kroissenbrunner (Leiter der Verkehrsplanung Stadt Graz), Helmut Koch (Verkehrsplaner, Büro Trafico), Andreas Tropper (Landesbaudirektor), Bürgermeister-Stellvertreterin Lisa Rücker, Jürg Dietiker (Verkehrsplaner, Zürcher Hochschule Winterthur), Roland Koppensteiner (CEO, Asset One), Markus Gonzo Renger (Moderation), Kurt Fallast (Verkehrsplaner, Graz). Foto: Asset One / Peter Melbinger
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