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KompleXKapharnaüM | PlayRec |

#2198

Eine urbane Intervention im Rahmen des Festivals La STRADA 2006 "La Dolce Vita" in Graz und Weiz.

KompleXKapharnaüM | PlayRec | Frankreich/Österreich
Konzeption und Leitung: PIERRE DUFOREAU

WANN: 01., 02. und 03. August 2006
Beginn: 21.00 Uhr | Dauer: 90 min
WO: Reininghaus Park
Busshuttle ab Andreas-Hofer-Platz um 20.20 Uhr

Wie erinnert sich eine Stadt an sich selbst? Wer entscheidet, was an Geschichten und Geschichte übrig bleibt? Schon 2005 haben die Künstler von KompleXKapharnaüM diese Fragen vor Ort in Graz gestellt. Seit einem Jahr arbeiten sie an einer „Urbanen Intervention“, die die Erinnerung zum Motiv hat. Das Ergebnis: Die Begegnung mit einem konkreten Ort, den Graz fast aus seinem Gedächtnis gelöscht hat. Der Reininghaus Park wird zum Schauplatz und zugleich zum Protagonisten einer facettenreichen und intelligenten Auseinandersetzung mit der Stadt, ihrer Geschichte und ihrem Entwicklungspotential. Gespräche mit Menschen, die an diesem Ort gearbeitet und gelebt haben, bildeten die Basis des Projekts. Jetzt wirken Film, Bilder, Klänge und Schauspieler mit an der Errichtung eines symbolischen Raums, der zugleich ein echter Teil von Graz ist. In fragmentarischen Situationen, Performances, multimedialen Interventionen wird das Gedächtnis der Stadt befragt, ihre Zukunft sacht angerissen. Kunst als Transmitter zwischen den Generationen. Und vielleicht als Tool der Stadtentwicklung.
(Pressetext La STRADA)

> > INTERVIEW:

„EXPERIMENTELLER TRANSFER STÄDTISCHER ERINNERUNGEN“

PIERRE DUFOREAU, Leiter der urbanen Intervention KompleXKapharnaüM | PlayRec | im Gespräch mit MIT MICHAELA HAWLIK

Pierre Duforeau, wie hat sich Ihre Performance PlayRec in Graz entwickelt?
P. D.: Im Rahmen von La Strada 2005 forschten und experimentierten wir für PlayRec in Graz. Das war der Beginn der Arbeit an diesem Spektakel. Wir wussten, dass es bei dieser Produktion um Erinnerungen gehen wird, dass der Einstiegspunkt in das Projekt ein Ort in der Stadt sein wird. Wir wollten einen Ort finden, mit dem Erinnerungen verbunden sind, die uns selbst nahe sind und die an einen wirtschaftlichen Aspekt anknüpfen. Mehr noch als der Ort selbst, interessierten uns die Menschen, die dort gewohnt und gearbeitet hatten. Mit diesen Gedanken im Kopf durchforsteten wir die Stadt Graz. Den Reininghaus Park wählten wir aufgrund seiner symbolischen Kraft.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach der Reininghaus Park sowohl für die Geschichte, als
auch für die zukünftige Stadtentwicklung von Graz?
P. D.: Wenn man den Zuständigen des Reininghaus Parks, die in unserem Film auch gezeigt werden, Glauben schenkt, wird der Reininghaus Park in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Neudefinition dieses Bezirks spielen. Ein Stadtteil mit Wohnungen, Geschäften, Büros und verschiedenen Einrichtungen sollen entstehen. Dieser Wiederaufbau berücksichtigt die Erinnerung des Orts, seine Geschichte und die Konservierung einiger bestehender Gebäude.

Sie haben viel Zeit auf dem Reininghaus Park verbracht und mit Menschen gesprochen, die einen großen Teil ihres Lebens in diesem Areal gearbeitet haben. Was haben Sie dadurch erfahren?
P. D.: Durch Gespräche mit den Zeitzeugen haben wir die Seele der Fabrik kennen gelernt. Sie spricht uns sehr an. Die Zeugenzitate sind die Herzstücke der Geschichte, die den Kern von PlayRec treffen: Welchen Wert kann die Geschichte für unsere Generation haben? Alle Männer und Frauen, die wir in den verschiedenen Städten treffen, haben ihr ganzes Leben lang in der gleichen Fabrik gearbeitet. Heute ist die Fabrik nicht mehr Mittelpunkt der Existenz. Wir sind vor über zwanzig Jahren zur Freizeitgesellschaft mutiert und jeder kann ein Dutzend Jobs in seinem
Lebenslauf anführen.

PlayRec ist eine außergewöhnliche Produktion. Für jeden Aufführungsort wird sie speziell adaptiert. Wie geht diese Anpassung vor sich?
P. D.: Inhalt, Drehbuch und die Bühnenmalerei sind an jedem Produktionsort identisch. Trotzdem unterscheiden sich alle Ausarbeitungen, sie sind auf die jeweilige Stadt und den gewählten Ort abgestimmt. Diese lokale Adaption kreiert für das Publikum einen Einstiegspunkt, ein heimliches Einverständnis, das ihm hilft an einer ungewöhnlichen Geschichte teilzunehmen. Aufenthalte vor Ort haben uns die Möglichkeit geboten eine große Anzahl an Materialien zu sammeln. Lokale Mitarbeiter haben im gleichen Auftrag wie die Artisten an der Entstehung der Performance teilgenommen und dadurch ermöglicht, dass PlayRec im Reininghaus Park in dieser Art und Weise, ganz anders als in anderen Städten, verwirklicht werden kann.

Für die Realisierung von PlayRec arbeiten Sie mit allen erdenklichen technischen Raffinessen. Warum haben Sie sich für diese sehr aufwendige audiovisuelle Darbietungsform entschieden?

P. D.: PlayRec ist ein multimediales Spektakel, in dem verschiedene Ausdrucksformen nebeneinander existieren: Bilder, Töne, Lesungen, Gesten, Spielanleitungen.... Dieses Nebeneinanderstellen von Vermittlungsspuren hängt sowohl mit dem Können der Mitglieder des Kollektivs zusammen, als auch mit unserem unerschöpflichen Interesse und den ausführlichen Recherchen. Seit fast zehn Jahren befassen wir uns mit unterschiedlichen Ausdrucksformen, um eine einzigartige Sprache zu entwickeln. Wir sind keine multimedialen Performer, die Hoffnung liegt heute im Experimentieren, in der Suche nach alternativen Lösungen.

PlayRec spielt an den Grenzen zwischen Darstellern und Publikum. Werden diese Grenzen auch durchbrochen? Wie nahe kommen die Akteure den Zusehern?
P. D.: Unser Spektakel beruht auf der Darbietung der Schauspieler, Tänzer und Akrobaten. Wir arbeiten an einer außergewöhnlichen Sprache, die alle Beteiligten mitentwickeln. Diese Sprache kreieren wir direkt, inmitten der Zuseher. Das Publikum wird dadurch zum Darsteller. Wie die Musiker eines Orchesters bringen alle Teilnehmer ihre Empfindungen in die Partitur ein.

Was möchten Sie mit Ihrer Performance PlayRec vermitteln?
P. D.: Wichtiger als die Geschichte zu vermitteln, ist es Erinnerungen zu transportieren. Mit PlayRec möchten wir die Beziehung hinterfragen, die zwischen den kleinen Geschichten von jedem Einzelnen und der großen offiziellen Geschichte besteht. Die Geschichte setzt sich aus Teilen zusammen, die einzelnen Menschen entspringen. Wir suchen nach einer Form der Übertragung, in der die Erinnerungen des Einzelnen ihren Platz finden, nach einer Art traumhaftem Universum. Durch Erzählungen werden Erinnerungen wachgerufen und übertragen sich zwischen den Generationen.

Welche Wirkung soll PlayRec auf die Zuseher, den speziellen Ort und die Stadt ausüben?
P. D.: Wir möchten vorgefasste Ideen bekämpfen und eine Form der Darstellung verwerfen, die uns eine Welt, zentriert auf Zerstreuung und Konsum, unterbreitet. Die wichtigste Aufgabe einer Aufführung ist es Alternativen vorzuschlagen, eine abweichende Haltung einzunehmen in unserer Beziehung zur Welt und zu den Anderen.

Verfasser/in: Redaktion GAT, Empfehlung
Datum: 27|07|06

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KompleXKapharnaüM bei La Strada 2003

Weiterführende Links ...

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La STRADA 2006 "La Dolce Vita" > Eröffnung: 28.07.2006, 18.00 Uhr mit Jo Bithume : La Dolce Vita > Stadtpark Passamtswiese, Graz. Dauer des Festivals: 28.07. - 05.08.2006

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