|
Public Footpathes - Öffentliche Wege in Leh (Ladakh, Nordindien)
von Irmgard Lusser
Eines der für mich faszinierendsten Themen ist die Beschäftigung mit Verbindungen, Wegen, Erschließungen - als Architektin bin ich in meiner Arbeit immer auch mit der Neuordnung von Straßen, Zufahrten und Zugängen konfrontiert.
Meine besondere Faszination gilt Wegen, die ins Ungewisse führen: Wege zu suchen und zu finden, wo kaum ein anderer solche erkennen kann.
Wege sind immer zu einen bestimmten Zweck angelegt oder entstanden. Entweder
verbinden sie Orte, ermöglichen Transporte oder dienen der Überschaubarmachung eines Geländes wie z.B. Schützensteige.
Wege als kürzeste Verbindung zwischen zwei Orten gehen in unseren Ortsgefügen immer mehr verloren. Ortsplaner gehen kaum zu Fuß und so werden diese „SHORTCUTS“- Abkürzungen abgesperrt oder kurzerhand verbaut. Im Auto sitzend spielt ein kleiner oder größerer Umweg keine Rolle.
In Leh, einer sehr kleinen Stadt mit ca. 13.000 Einwohnern, finden sich diese öffentlichen Fußwegverbindungen in schier unendlicher Fülle. Alles, wovon wir in unseren „verplanten“ Städten und Orten nur träumen, oder dem wir nachtrauern findet sich hier: ein endloses Fußwegenetz mit individuellen Hauserschließungen.
Sicher - damit sind Einschränkungen verbunden, Autozufahrten erfolgen über ein beschränktes Netz an Fahrstrassen; die Hauszugänge liegen teilweise an den quer dazu verlaufenden Fußwegen. Nur im direkten Stadtzentrum sind auch Querstraßen angelegt. Die Anlieferung von Gütern ist kompliziert. Andererseits haben die Häuser dadurch idyllisch ruhige Lagen und die Zugänge haben eine individuelle Qualität, die bei uns erst durch aufwändige Architektur in den Häusern selbst versucht wird zu erreichen.
Was mich überrascht ist die Tatsache, dass sich auf einer Höhe von 3700 m ein dem mediterranen Raum ähnliches Siedlungsgefüge ausgebildet hat, vor allem was die Anlage der Wege betrifft.
Bedingt durch die enorme Trockenheit aufgrund geringer Niederschläge befindet sich Leh in einer Hochgebirgswüste. Die Kultivierung der Anbauflächen, das heißt das Anlegen jeglichen Grüns ist nur durch künstliche Bewässerung möglich. Wasser für diesen Zweck gibt es als Schmelzwasser von den Bergen. Am Abend nach heißen Tagen beginnt es die Stadt zu durchströmen, oft bis in den Morgen hinein.
Um dieses Wasser an möglichst viele Stellen der Stadt zu bringen ist ein Teil von Leh mit einem ausgeklügelten Kanalsystem durchzogen. Begünstigt wird dies durch die Hanglage der Stadt.
Viele Fußwege folgen diesem Kanalnetz und zu bestimmten Tageszeiten ist der Weg vom Gluckern eines Rinnsals oder vom Rauschen eines Baches begleitet.
Hohe Stein- oder Lehmziegelmauer grenzen diese Wege und Kanäle zu den Privatgrundstücken ab. Durch das vorhandene Wasser wachsen hier zumeist Bäume, die zusammen mit dem abrinnenden Wasser angenehme Kühle in der sommerlichen Tageshitze spenden.
Die Oberflächengestaltung der Wege variiert vom komfortablen Betonweg, über Betonplatten, Betonsteine bis zum Sandweg. Häufig wird auch das Bachbett zu Zeiten von Niedrigwasser als Weg genützt.
Ich bin hier in meinem Element. Täglich gibt es neue Abkürzungen zu entdecken. Und ich bin auch schon in so manche Sackgasse geraten.
Irmgard Lusser ist gerade von Leh nach Lingshed unterwegs (5-tägiger Fußmarsch!), um diesen Sommer das Projekt "Solarschule" der "Friends of Linshed" zu betreuen. Im Jahr 2000 konnte die von Architekt Christian Hlade initiierte solarbeheizte Schule ihrer Bestimmung übergeben werden. Seither wird das Projekt von den "Friends of Lingshed" kontinuierlich betreut. Mehr darüber siehe untenstehender Link
| Verfasser/in: |
Irmgard Lusser, Architektin
|
| Datum: |
17|07|05 |
Lesen Sie auch ...
Weiterführende Links ...
|