Stadteigene Hyperaktivitäten | www.gat.st
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Augarten, Graz
©: Karin Tschavgova

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Kommentar
Stadteigene Hyperaktivitäten

Es gibt Gesunde, die erst zufrieden gestellt, ja glücklich sind, wenn der Arzt irgendeine Lappalie, etwa eine kleine Unterfunktion, an ihnen entdeckt hat, gegen die er zur Besserung ein Pulverchen verschreiben kann. Über das „Herumdoktern“ ziehen sie einen Bedeutungszuwachs und definieren sich über die Tatsache, dass sie Hilfe brauchen und erhalten.
Der Augarten ist nicht so einer. Er ist nicht krank und auch nicht scheinkrank, er scheint kerngesund und okay. Niemand hat in seinem Namen um Hilfe geschrien (zumindest seit seiner letzten Umgestaltung, die noch gar nicht lange zurückliegt, nicht) nie hat man gehört, dass über seinen Zustand gejammert wird, und ich bin mir sicher, dass keiner seiner unzähligen regelmäßigen Besucher oder besser: keine seiner vielen Besucherinnen mit ihren Kindern je einen Fachmann gebeten hat, am Park herumzudoktern. Jeder Besuch im Park vermittelte mir, die ich zugegebenermaßen ihn nur selten aufsuche, den Eindruck, dass dort Integration oder zumindest ein friedliches Nebeneinander auch ohne großes Programm oder Brennpunktaktion gut funktioniert, selbstverständlich eben. Da ist Platz für die Slackline-Fans und -Übenden genauso wie für Kinder, die am Seil hin und her schwingen, für die Skater und die Fußballer, für die Yogateilnehmer und für die, die ihre Hunde äußerln führen. Schon bei all diesen Aktivitäten wird es fallweise schon ganz schön dicht im Augartenpark (wie jetzt zum beispiel während La Strada auch dort gastiert).
Dennoch geschieht jetzt – unter den vorangestellten Prämissen – Ungeheuerliches: Der Bürgermeister und sein Vize glauben, natürlich mit der Zustimmung der Kadertreuen von ÖVP und FPÖ, an den gut funktionierenden Organismus Augarten Hand anlegen zu müssen. Das tun sie ohne Zustimmung und Einbeziehung derjenigen, die diesen Organismus beleben und diesen aus vielen Gründen viel dringender brauchen als Stadtbewohner anderswo in Graz. Anlässlich der Eröffnung des Augartenstegs im Jahr 1998 wurde von Seiten der Stadt betont, wie wichtig dieser direkte Zugang zum Augartenpark für die vielen Migranten ist (damals im Bosnienkrieg zu uns geflüchtete Bürger aus Ex-Jugoslawien), die sich nur im damals heruntergekommenen, günstigen Griesviertel ansiedeln konnten, dort weder Grünraum noch grüne Gärten oder Terrassen vorfanden und auch weder die Mittel noch die Fahrzeuge hatten, um zur Erholung und Freizeitgestaltung hinaus aus der Stadt ins Grüne fahren zu können.
Was damals galt, gilt ganz offensichtlich auch heute noch, sieht man sich das bunte Treiben im Park mal einen Tag lang an. Trotzdem wird der jetzt für die Errichtung einer Bucht auf einer Fläche von kolportierten 6.000 Quadratmetern beschnitten und verkleinert, denn auf dieser terrassierten Fläche, der Murarena (aus der Broschüre Lebensraum Mur), wird man weder die Skateranlage noch den Jugendspielplatz, den Fußballplatz oder eine ausreichend große ebene Fläche für Freiluftyoga unterbringen (siehe Foto). Lediglich die Gastronomie wird ankern können. Frage: was glauben Sie, werter Leser, wie viele der migrantischen Mütter mit ihren Kindern oder Jungen bis dato die Gastronomie im Park frequentiert haben, die zur Zeit gar nicht in Betrieb ist?
Doch die Parkbenützer wurden nicht gefragt und eine von der Rathaus-Opposition (KPÖ und Grüne) geforderte Bürgerbeteiligung wurde mit der Mehrheit der Koalition für die erste Umsetzung – die Bucht – abgewiesen. Ihren kritischen Stimmen schlossen sich sogar die Kleine Zeitung und zahlreiche ihrer Leser in Leserbriefen an. Reaktion? Keine.
Was dabei jedoch kaum erwähnt wurde, ist eine weitere/ausgeweitete kritische Analyse wert. Die Errichtung der Bucht sieht eine Umleitung des Radwegs vor, der ja kein untergeordneter, stadtinterner ist, sondern Teil des vielfrequentierten Murradwegs von Salzburg bis zur Grenze zu Slowenien. Dieser soll nach der Umgestaltung von der Augartenbrücke weg mitten durch den Park führen (St. Petersburg-Allee) und erst nach der Bucht, auf der Höhe des Pavillons und des Augartenstegs wieder in den jetzigen Radweg münden. Was das bedeutet, kann man sich plastisch vorstellen. Der Radweg neu umschließt die neue Superarena und zerschneidet außerdem den nördlichen Teil des Parks in ein größeres Teilstück beim Kindermuseum und eine Restfläche ufernah. Na, da wird etwas los sein! Fußgänger am Weg zur Bucht und Radfahrer werden sich unentwegt (sic!) kreuzen, verschärft durch eine Kurve, die hin zur Baum bestandenen Allee vermutlich eingeschränkte Sicht bietet. Keine Mutter wird ihr Kind noch eine Minute außer Sicht lassen können, Bälle, die auf dem Radweg landen, werden bei Hochfrequenz nur unter Lebensgefahr wieder zurückzuholen sein. Kein vernünftiger Radwegplaner würde eine solche Lösung als neue vorschlagen, wo Entflechtung das Gebot der Stunde ist. Hatten Verkehrsplaner überhaupt etwas mitzureden? Die Planung oblag den Freiraumplanern, die offensichtlich „freihändig“ beauftragt wurden, eine Studie zum neuen Lebensraum Mur auszuarbeiten.
Fehlende Einbeziehung der Bürger / Bürgerbeteiligung, lautete ein Kritikpunkt in den ausführlichen offenen Briefen des Architekten Wolfgang Steinegger, die auf GAT nachzulesen sind. Fehlende Transparenz in der Stadtplanung war ein weiterer.
Eine Stadt, die von sich behauptet: Graz ist Baukultur (siehe der Titel einer Publikation der Stadt Graz / Stadtbaudirektion, die im eben vergangenen Juli am Reininghausareal vorgestellt wurde), müsste auch so viel Kultur haben, dass sie solche weitreichenden Freiraumgestaltungen in Form eines gründlich vorbereiteten öffentlichen Wettbewerbs ausschreibt und abhandelt. Unter dem Kapitel Instrumentarien der Qualitätssicherung (siehe im Buch: Graz ist Baukultur) hätte man dies dann unterbringen können. „Baukultur beginnt ja nicht erst mit der Umsetzung eines Projekts, schon die Herangehensweise an ein Projekt gehört zur Baukultur“. Diese Aussage von Baudirektor Werle im Gespräch mit Architekturkritiker Christian Kühn im Buch würde dann nicht als leere Worthülse erscheinen.
Erhebt man den Anspruch, dass eine solche Aussage als persönliche Prämisse (um nicht zu sagen: Haltung) ernst genommen wird, dann müsste man auch mit den Folgen einer korrekten und transparenten, also „offenen“ und ergebnisoffenen Herangehensweise an ein Projekt wie die Murarena leben können. Und da könnte das Ergebnis auch sein, dass man solche Pläne des Herumdokterns, die dieser gesunde Organismus weder braucht noch verträgt, auch wieder fallen lässt. Weil seine Nutzer und Nutzerinnen vermutlich mehrheitlich keine Veränderung und Verkleinerung wollen (Im Park formieren sich täglich Gruppen, die Unterschriften sammeln für den Erhalt des Augartens so, wie er jetzt wunderbar vielfältig funktioniert). Weil man Pläne, die so viel Ablehnung hervorrufen, nicht einfach durchdrückt. Weil man weitere Aspekte einfließen lassen muss. Weil man Erkenntnisse gewonnen hat, die das Projekt in einem anderen Licht erscheinen lassen. Weil die Herangehensweise keine Hauruck-Aktion sein kann. Weil man sich selbst und seine Aussagen zu einer städtischen Baukultur ernst nimmt und auch ernst genommen werden will.
Noch ist es nicht zu spät, Einsicht zu zeigen und zu beweisen, dass es nicht darum geht, Ausübungskraft und Macht zu demonstrieren und sich durchzusetzen. Halten Sie inne, Herr Bürgermeister und begeben Sie sich einmal einen belebten Sommertag lang in den Augarten. Treten Sie Ihren Projekten wirklich näher. Sie sind schon sehr weit weg von den Anliegen und Bedürfnissen der Bürger und Bürgerinnen. Volksnähe ist im Augarten zu erleben, nicht beim „Aufsteirern“ auf dem Hauptplatz.

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

Fr. 03/08/2018

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Kommentare

Wer hat diesen Schwachsinn eigentlich geplant?

... fragt man sich, wenn man die Broschüre Lebensraum Mur durchliest.
So wie bei der Murinsel, wo sich der Designer Acconci einen viel breiteren Fluss vorgestellt hat, so scheint man sich bei diesen geplanten Attraktionen, Hyperaktivitäten, Arenas, Balkonen etc.. ein wenig im Maßstab des Flusses vergriffen zu haben. Wer wird hier eine Ausflugsschiffahrt zum Kraftwerk machen wollen, wo man die nächsten Jahre nur Kahlschlag am Ufer sehen wird?.
Die Mur ist als Natur-und Erholungsraum durch die Rodung des alten Baumbestandes für immer nachhaltig beschädigt worden. Jetzt sollen nochmals einige alte Bäume für die von den Parkbenutzern nicht gewollte Arena ( wie komisch und unpassend ist dieser Name für einen Bereich am Fluss überhaupt?) gefällt werden. Auch im Bereich des Kajakclubs soll eine große Beton-Stufenanlage entstehen, natürlich mit Gastronomie und anstatt von natürlichen Schattenbäumen gibt es dann stylische Sonnenschirme, auch sehr passend zum Thema Lebensraum Mur. Aber laut unserem BM gibt es eh gelebte Bürgerbeteiliung in Graz, halt immer dann, wenn schon alles geplant ist, oder so, dass alle Einwände und BEdenken beleidigt abgetan werden. Siehe Olympiabewerbung

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Stadteigene Hyperaktivitäten

Karin Tschavgova zu den geplanten Umgestaltungen im Grazer Augarten

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