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Österreichischer Pavillon, Giardini
Architektur: Josef Hoffmann, ©: Georg Petermichl

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Kommentar
Zur Eröffnung der 16. Architekturbiennale Venedig 2018

Architektur ist ein nonverbales Medium.
Das heißt nun nicht, dass dem der baut, das Nachdenken und Reden darüber verboten ist.
Doch die studierten Architekten und Architektinnen, die ohne je gebaut zu haben, reden als hätten sie gebaut, oder schlimmer noch – gebaut haben ohne je einen Anspruch an ihre Architektur gestellt zu haben oder eben keine Architektur geschaffen haben, und dann ihre Nichtarchitektur interpretieren oder interpretieren lassen als wäre sie Architektur, sind tatsächlich die, die in Kombination mit fehlgeleiteten Sachverständigen, Investoren, Bauträgern und Politikern die Architektur zugrunde richten. Nicht zu vergessen die folgsamen und qualitätslosen Jurien, und missbrauchte Architekturkritiker und -kritikerinnen.
Was also ist Architektur? Bass erstaunt halte ich fest, dass ein Vertreter jener Koalition, die augenblicklich unser Land regiert – ich ersuche, sich zu erinnern, dass das Wort Kultur im Wahlkampf beider Parteien nie gefallen ist, schon gar nicht Architektur – den gut geschätzt tausend Architekten und Architektinnen und Interpreten und Interpretinnen vor dem österreichischen Pavillon erklärt, dass Architektur sich nicht durch Funktion und Konstruktion allein erklären lässt, dass Materialität allein noch keine Atmosphäre schafft und der Architekt, die Architektin zumindest seit und lt. Leon Battista Alberti schöpferische Menschen sind und Architektur eine künstlerische Disziplin ist. Dass Funktion, Material und Konstruktion Voraussetzungen zur Architektur sind, selbst aber noch keine Architektur sind. Dass Wohnraum per se noch kein Lebensraum ist und spastischer Wohnbau keinen Städtebau schafft, wo keine Stadtplanung passiert. Dass Architektur emotional passiert und das gegenwärtige Fehlen von Charisma fatale Auswirkungen hat. Dass Architekturtheorie als selbsterfüllende Aufgabe Architektur öfter verhindert als fördert oder – falsch verstanden – ersetzt.
Das und mehr sagt der österreichische Kulturminister zur Eröffnung der Biennale 2018 en passant den österreichischen Architekten und -innen, die einen Moment lang verdutzt und durchaus zu recht persönlich betroffen sind.
Viele haben vergessen, dass ein Helmut Richter einmal in diesem Land gelebt und gebaut hat, ernsthaft und aufrichtig und der Architektur verpflichtet. Die von der neuen Bescheidenheit sprechen, sind ebenso bescheiden, wie die beliebig sind, die die Beliebigkeit des Gebauten als Beitrag der Architektur zur demokratischen Wohlfühl-Gesellschaft sehen. Volks-Rock-n-roller, Volks-Künstler, Volks-Architekten – ein Volk, ganz und gar nicht begnadet für das Schöne.

Verfasser / in:

Univ. Prof. Arch. DI Volker Giencke

Datum:

Mi. 30/05/2018

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Kommentare

Das ist die Rechnung

Lieber Volker,

ein - wie immer - guter Kommentar! Österreich wird aktuell von einer Gruppe von Nationalpopulisten und Besserwissern regiert, aber das haben 57 Prozent der Wahlberechtigten so gewollt, und die übrigen 43 Prozent haben dem nichts entgegenzusetzen gewusst. Die Rechnung für mangelndes politisches Verantwortungsbewusstsein bekommen wir alle jetzt präsentiert - täglich.

Infobox

Am Nachmittag des 24. Mai 2018 wurde zur Eröffnung des Österreichischen Pavillons mit Beiträgen von LAAC, Sagmeister & Walsh und Henke Schreieck zum Thema Thoughts Form Matter geladen.

Die 16. Architekturbiennale, kuratiert von Yvonne Farrell und Shelley McNamara, findet vom 26. Mai bis 25. November 2018 statt.

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