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Kolumne
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Quasi telefoniert

Der Autor Georg Markus erzählt in seiner Anekdotensammlung Es hat uns sehr gefreut, dass der aus Wien stammende Psychologe und Aggressionsforscher Friedrich Hacker in seiner Klinik in Los Angeles eines Tages einen Anruf Helene van Damms erhalten habe. Van Damm stammte ebenfalls aus Österreich und war die persönliche Sekretärin des damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan. Sie soll sehr aufgeregt geklungen haben, als sie den Professor per Telefon erreichte und ihn drängte: „Sie müssen dem Präsidenten helfen. Er ist … äh, er ist plötzlich verrückt geworden.“
Hacker, fährt Georg Markus fort, zeigte sich in dieser Situation, die eine Gefahr für die Nation und die Welt bedeuten konnte, als verantwortungsbewusster Arzt und nahm den nächsten Flieger nach Washington. Im Weißen Haus sprach er sogleich bei Helen van Damm vor, die sich allerdings verwundert zeigte: „Ich habe Sie nicht angerufen.“ Es stellte sich heraus, dass Hackers Freund aus Wien angerufen hatte, nämlich Helmut Qualtinger, der sich solche Späße mit perfekt verstellter Stimme öfter geleistet hatte. 
Weil gerade Zeit ist, schnell noch eine: Einem wenig gebuchten Schauspieler stellte Qualtinger – als anderer – per Telefonat eine tragende Rolle in Aussicht. Der „Gepflanzte“ war sofort einverstanden, auch damit, sich für die Rolle eine Glatze zu rasieren. Erst bei der verlangten „rollengerechten Kastration“ kam Skepsis auf.
Inzwischen brauchen wir für solche Scherze – quasi – keinen Stimmenimitator mehr. Das kanadische Unternehmen Lyrebird gibt zwar zu bedenken, dass seine gleichnamige Maschine von Kriminellen für manipulative Zwecke eingesetzt werden könnte – dann müsse man eben die Produktstrategie ändern. Dennoch hat Lyrebird eine Apparatur, eine Software entwickelt, mit der Stimmen per Sprachsynthese imitiert werden können, wofür etwa eine Minute O-Ton benötigt wird. Wie ein Gespräch mit den Stimmen von Barack Obama und Donald Trump klingt, ist in einem Heise-Artikel online zu hören.
Weshalb man solche Software entwickelt bleibt einstweilen unklar, auch wenn Lyrebird Anwendungen etwa für Audiobücher oder Filmsynchronisation in Aussicht stellt.
Abgesehen davon, dass hier einmal mehr menschliche Fertigkeiten von Maschinen geleistet werden, ist man in weiter gefasstem Zusammenhang an die Thesen des Philosophen Günther Anders erinnert und sozusagen an die Welt im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit. In einem Vortrag, den Anders 1958 in der Lessing-Gesellschaft Hannover unter dem Titel „Akustische Nacktheit“ hielt, nahm er am Beispiel akustischen Diebstahls bereits die rezenten Probleme um Weitergabe und Akquisition persönlicher Daten vorweg. 1958 also stellte Anders fest: „… wir wissen durchaus nicht immer, daß wir ausgeliefert sind und konsumiert werden. Vor allem akustisch sind wir ahnungslos Ausgelieferte.“ Sinngemäß wies Anders darauf hin, dass wir die Welt durch von uns entwickelte technische Möglichkeiten in ein „Welt-Phantom“ wandeln, das nun als „Matritze“ (vgl. den Spielfilm Matrix) wiederum uns „Konsumenten“ prägt und damit unsere Wahrnehmung „wirklicher“ Ereignisse. Oder kurz: Die Pragmatik der Ereignisse entsteht aus ihrer technisch bedingten Vermittlung.
Alan Turings Test, nach dem entschieden werden soll, ob man mit einer Maschine oder einem Menschen korrespondiert, scheint gerade von unser aller Google – dem ja unsere Persönlichkeiten gehören wollen – ausgehebelt worden zu sein. Die im Mai 2018 präsentierte „intelligente“ Software Duplex ruft in einem Video, per Telefon und mit männlicher Stimme, ein Restaurant an, um einen Tisch zu reservieren, und mit weiblicher Stimme einen Frisiersalon, um einen Termin zu vereinbaren. Anscheinend korrigiert die Maschinenstimme Missverständnisse zwischen ihr und dem menschlichen Gesprächspartner, denkt anscheinend nach und simuliert mit „Mm-Hmm“ Unentschlossenheit. Duplex, erklärt der Präsentator im Video, reagiere kontextabhängig und sei somit tatsächlich künstlich intelligent. (Wenn die Maschine nun von sich aus – wie uns vermittelt wird – einen Termin fixiert – wer kommt dann zum Friseur?)
Inzwischen kamen Zweifel an der Video-Demonstration von Duplex auf. Anfragen an Google seitens einiger Journalisten wurden nicht beantwortet. Man vermutet, das Video sei geschnitten und getürkt, die Software existiere nicht, zumindest nicht wie dargestellt. Einwände immerhin gehen in die Richtung, die Software sollte sich doch bei Anruf als Maschine deklarieren. Der Künstliche-Intelligenz-Forscher Toby Walsh von der Universität von New South Wales in Sydney fragt in einem Aufsatz, „was geschieht, wenn die KI jemanden imitiert, dem wir vertrauen?“. Als Joseph Weizenbaum in den 1960er Jahren sein Programm ELIZA vorstellte, deklarierte er es als „Parodie“ eines Psychotherapeuten. ELIZA kann nun „in Zungen“ reden und gibt vor, im Sinn von per sonare, durch die Maske zu sprechen.

Literatur:
_ Günther Anders: Die Antiquiertheit der Privatheit. In: Ders.: Die Antiquiertheit des Menschen 2. München 1980.
_ Joseph Weizenbaum: ELIZA – A Computer Program for the Study of Natural Language Communication between Man and Machine. In: Communications of the ACM. 9, Nr.1, 1966.

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Di. 12/06/2018

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