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Arbeiten am Modell
©: Wenzel Mraček

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Kolumne
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Restrauschen: Eine Fiktion?           

Ob Graz ein Murkraftwerk braucht, um – wie der Bürgermeister unter anderem argumentierte – hinkünftig „frei von Atomkraft“ zu sein, wird sich weisen. Noch im Februar 2017 appellierte die Grünen-Gemeinderätin Andrea Pavlovec-Meixner, der Bürgermeister möge doch für einen Baustopp und eine Nachdenkpause sorgen.
Fakt dagegen ist, pausenlos wird seither entlang der Mur zwischen Puntigam und Radetzkybrücke gebaut. Und wenngleich Kraftwerksgegner sich nasskalte Füße holen, versichert uns die Energie Steiermark auf der Website zum Murkraftwerk – „Öko-Strom statt Atom“ -, dass sich alles zum Guten wenden wird: „… ein wichtiger Beitrag, um die Klimaziele von Paris zu erreichen [wie wär’s übrigens mit Klimazielen in Graz], der Bau sichert 1800 Arbeitsplätze während der Bauphase [! und danach?], die Mur kehrt zurück in das Stadtbild [wo war sie inzwischen?] und [sie] wird neu belebt …“. Belebt unter anderem insofern, als das jetzt fließende zum nahezu stehenden Gewässer wird. Der Pegel steigt somit.

Merkwürdig, dass sich Künstler gegenüber der Materie zurückhalten – bis auf zwei Ausnahmen derzeit: Eine dramatisierte Annäherung an mögliche Hintergründe des Baus eines Grazer Murkraftwerkes führt das Theater im Bahnhof auf. Der Bau. wie mein katholischer bürgermeister und sein nationaler vize meine stadt nachhaltig verändern wird vorerst noch im Mai und Juni dieses Jahres gegeben. Martin Gasser übertitelte seine Rezension in der Kronen Zeitung (28.10.2017) mit „Kraftwerk als Elchtest der Demokratie“.

Einen deutlich appropriativen Zugang fand der Grazer Künstler E. d Gfrerer in einer Produktion der Intro-Graz-Spection. In der Lagergasse 57a hat Gfrerer die Zentrale für den Kraftwerksbau eingerichtet. Von hier aus – und „von mir aus“, sagt Gfrerer – werden die Baumaßnahmen geleitet, Strategien für den Fortgang entwickelt, hier findet sich alles nötige Know-how, und hier kommen Materialien, Werkzeuge und Maschinen in Testanordnungen zum Einsatz, um sie später in den Baubereich entlang der Mur zu integrieren.
SINK TANK nennt der Betriebsleiter E. d Gfrerer dieses Büro, das noch wenige Tage für die Öffentlichkeit zugänglich sein wird. Hier stehen Testgeräte wie die einsatzbereite Mischmaschine aus Teilen eines vor Jahrzehnten über Sibirien abgestürzten Flugzeuges, die Materialrutsche, die Anordnung der Schreibtischtäter wie auch der zentrale SINK TANK aus industriell gefertigten Kanalbauelementen in einer Form, die an einen Schützenpanzer erinnert.
Gfrerer geht davon aus, dass es sich bei den etwa 50 Meter entfernten Bauvorgängen an der Mur um die Errichtung eines Kunstwerks im öffentlichen Raum handelt. Entsprechend aktuellen Vorgaben der Stadt Graz handelt es sich um eine temporäre Installation, nämlich um das Modell eines Kraftwerks im Maßstab 1:1. Die aus dem SINK TANK koordinierten Arbeiten, in deren Verlauf auch der Raum URM gegenüber dem Areal entlang dem Murufer entsteht, werden ebenso nur für begrenzte Zeit erfolgen. Nachdem in wenigen Tagen die Bauzentrale aufgelöst wird, erfolgt der vielfach gewünschte Stopp des Baus am Modellkraftwerk. Nach einer Abstimmung werden die Grazerinnen und Grazer über den Fortbestand dieses Kunstwerks im öffentlichen Raum entscheiden können.
Derzeit ist E. d Gfrerer darum bemüht, ein Restrauschen der noch fließenden Mur für zukünftigen Bedarf zu erhalten respektive bietet der SINK TANK noch die Möglichkeit, in seinem Inneren auf das Steigen des Wassers zu warten.

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Di. 09/01/2018

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Kommentare

proteste murkraftwerk

guten abend,
wie kommt es, dass mittlerweilen künstler*innen für die arbeit an der verhinderung die verantwortung zugeschoben wird?
kopfschüttel
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