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Kolumne
Wolkenschaufler _ 02

Kunst „einfordern“

In Villach ist ein Missgeschick geschehen. „In der Hitze des Gefechtes“, sagt der Bürgermeister, seien den Mitarbeitern einer beauftragten Firma, die Steinplatten auf dem Hans-Gasser-Platz verlegte, die sichtbaren Namen und Daten auf den Platten nicht aufgefallen. Bei Teilen des verlegten Materials handelt es sich um wiederverwendete Grabsteine, die nun, Schrift nach oben, das Pflaster der Fußgängerzone bilden. Ist das peinlich oder gar pietätlos?
Der Bürgermeister weiß Rat. Im Standard und anderen Medien wird er zitiert: „Im Grunde genommen sollten wir darin eine Einzigartigkeit sehen, eine Besonderheit, einen künstlerischen Akzent, der bereits nach wenigen Tagen breite Bekanntheit erlangt hat.“
Zur Kunst wird etwas erklärt, ein Fauxpas nämlich, dem kein künstlerisches Konzept zugrunde liegt und das in diesem Sinn auch auf keine Autorschaft zurückgeführt werden kann.

Freilich ist es nicht einfach zu erklären, was Kunst ist oder sein kann. Ein Kulturprodukt als Ergebnis eines kreativen Prozesses respektive der Prozess selbst, wird in Lexika vorgeschlagen. Viele Kunsthistoriker sind der Meinung, Kunst ist, was von KünstlerInnen, das eigene Werk betreffend, als solche bezeichnet wird. Der Kunsttheoretiker Bazon Brock präferiert das „Werkprinzip“, nach dem das „Werk“ als „abgelegtes Werkzeug“ der Vermittlung dient, um soziale beziehungsweise politische „Wirkung“ zu erzielen. Für die Wissenschaft wie die Kunst, meint Brock, sei „Autorität durch Autorschaft“ grundlegend. Villachs Bürgermeister ist vielleicht nicht ganz dieser Meinung.

Vom Institut für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark wurde im Herbst 2013 das Mahnmal Lauftext der Künstlerin Catrin Bolt präsentiert. Von der Grazer Radetzkystraße bis zum Griesplatz waren auf dem Asphalt der Gehsteige Auszüge aus den Aufzeichnungen des Grazer Oberrabiners David Herzog zu lesen, der in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 auf dieser Strecke vom Mob misshandelt, gedemütigt und mit dem Tod bedroht worden war. Offiziell wurde Lauftext bis November 2015 als Kunstwerk im öffentlichen Raum erhalten.
Im Vorwort einer Broschüre zu dieser Arbeit schreibt Elisabeth Fiedler, Leiterin des Instituts für Kunst im öffentlichen Raum Steiermark:
„Kunst ist weder mit kommerzieller Werbung vergleichbar, auch dient sie nicht der Behübschung unserer Umgebung, sie spielt in unserem Leben und vor allem im öffentlichen Raum eine besondere Rolle, da sie wesentlich zum Demokratieverständnis und zur Selbstreflexion innerhalb einer Gesellschaft beiträgt.“
2015, kurz vor Ablauf der Erhaltungsdauer dieses temporären Kunstwerks, bemühte man sich um Verlängerung bis in das Gedenkjahr 2018. Der schon kaum mehr lesbare Text sollte restauriert werden, wofür auch seitens der Kulturämter der Stadt und des Landes Förderungen zugesagt worden waren. Allein – wie mir Catrin Bolt in einem Brief mitteilte –,das Grazer Straßenamt lehnte die Verlängerung mit der Begründung ab, es habe sich „eingebürgert“, um eine Verlängerung zeitlich befristeter Kunstwerke anzusuchen, man müsse dieser Tendenz entgegnen. Im Vorfeld des Ansuchens beim Straßenamt, ließ mich Bolt wissen, sei argumentiert worden, Firmen und Gewerbetreibende könnten sich für ihre Außenwerbung der Methode annehmen.
Noch ein Beispiel: „ … ohne offizielle Angabe von Gründen …“, heißt es in der Publikation Arbeit mit der Öffentlichkeit. 63 Jahre danach. Jochen Gerz, herausgegeben 2016 von Werner Fenz, wurde das Erinnerungswerk 63 Jahre danach im Jahr 2014 „im Auftrag der Stadtregierung“ vorzeitig aus dem Grazer Stadtgebiet entfernt.

Zurück in die Gegenwart. Nach einem Interview mit der Kleinen Zeitung vom 9. August d. J. wissen wir, dass der Grazer Bürgermeister „das Jahr 2020 wieder zu einem Kulturjahr ausrufen“ will. Er „wünsche“ sich, „dass wir in der Kulturpolitik wieder neue Wege beschreiten. Da fehlt uns das Feuer“, (wie bitte?).
Das „Kulturjahr soll wieder eine Vorgabe vonseiten der Politik [! wie bitte?] bekommen“. Ein Thema, sagt der Bürgermeister, „wäre zum Beispiel der öffentliche Raum“. Solches Thema könnte man „abwickeln“. „Dazu könnte man Projekte von Kulturschaffenden diskutieren und einfordern.“
Projekte von Kulturschaffenden will der „erfolgreiche Unternehmer“, wie er sich andernorts jüngst bezeichnet hat, „einfordern“, als sei da noch eine gewisse Schuld offen. Immerhin erwähnt er schließlich noch „einen Wert, den wir, glaube ich, übersehen haben – die kulturelle Wertschöpfung“.

Der Grazer Bau…, ich bitte um Verzeihung, Bürgermeister hat – neben Visionen wie der Murgondel (die den Individualverkehr mindern soll), der Smart City, einem kleinen Kraftwerk in der Mur (statt Atomstrom) oder „viele[n] Kräne[n]“ die in Reininghaus stehen werden – auch ganz neue Ideen. Etliche Tiefgaragen mit Robotertechnik sollen errichtet werden, die erste unter dem Brunnen am Eisernen Tor. Durch den gläsernen Boden des Brunnens soll man sehen können, wie Maschinen Autos auf mehreren Ebenen parken. Man wird ein Loch graben und durch einen transparenten Deckel Autos sehen können. Zu befürchten ist, dass der Bürgermeister von einem Kunstwerk (im öffentlichen Raum) sprechen wird.

Verfasser / in:

Wenzel Mraček

Datum:

Di. 12/09/2017

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Bemerkungen zu Lebensraum, Kunst und Kultur(-politik) von Wenzel Mraček jeden 2. Dienstag im Monat

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