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Niki Passath, 'Von Menschen und Maschinen', Kunsthalle Graz
©: Emil Gruber

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Rezension
Wo samma? Do samma!

Roboter mit persönlichen Schwächen. Den Räumen zwischen dem Mechanischen und dem Lebendigen entlang bewegen sich die Arbeiten des gebürtigen Grazers Niki Passath seit langen Jahren. Diesmal bemalen vier stählerne Zeichner Leinwände in der Kunsthalle Graz. Die Pinsel führenden Konstruktionen sind präzise in ihren Abläufen, aber eine schwankende Malunterlage und die ausholenden Eigenbewegungen der Maschinen verleihen der Installation eine unberechenbare Note, die an eine Parkinsonerkrankung erinnert. Cyan, Magenta, Gelb und Schwarz – CMYK -, im Druckbereich mehr Modell als Echtfarbe, werden zu einer weiteren Zutat für das Ineinanderfließen von artifiziellen und natürlichen  Bestandteilen. Von Menschen und Maschinen ist bis 12.Oktober zu sehen. Niki Passath wird permanent während der Ausstellungszeiten anwesend sein. Interaktion mit Besuchern ist in diesem gelungen zwischen Labor und Workshop anzusiedelnden Beitrag eine wesentliche Komponente.

Scharfstellen_1 ist als erster Teil einer Schnittmenge von eigenem Archivaushub und Neuadaptierung dieser Arbeiten durch KünstlerInnen beim < rotor > Programm. Drei von Lisl Pongers großformatigen fotografischen Geschichtsdeutungen sind zu sehen. Bei den Videoausschnitten aus Oliver Resslers Work-in-Progress zu zivilem Ungehorsam ist THE ZAD, ein Feature über das größte europäische autonome Gebiet in der Nähe von Nantes, der ganz aktuelle Beitrag. Eine neue Installation zeigt Pravdoliub Ivanov. Dazu bestückt er die Enden von Holzlatten, die bei früheren Ausstellungen schon in Verwendung waren, mit eigenen und gefundenen Fotografien. Sein Gedankenspiel dazu: Jedes Mal, wenn die Latten an einer anderen Stelle durchgeschnitten würden, käme auch hier ein Bild zum Vorschein, Vergangenes wird wieder sichtbar. Delaine Le Bas arbeitet seit Jahren mit auf Flohmärkten und in Second Hand Läden gefundenen Materialien am Thema der Menschenrechtsverletzungen. Im neuesten Werk Way out↑ setzt sich die Künstlerin mit den Menschenrechten, insbesondere den Rechten von Minder-/bzw. "Wenigerheiten" (Ceija Stojka) und deren Missachtung auseinander. So konfrontiert die in Großbritannien lebende Künstlerin den Betrachter in der dreidimensionalen Collage Hang Your Heads in Shame, We Will Not Let You Forget Your Colonialist Past mit der Geschichte des Great Empires, konkret der sukzessiven Auslöschung der australischen Ureinwohner im 19.Jahrhundert. Ihr Mann Damian Le Bas wiederum beeindruckt in Das ist der sechste Roma Pavillon mit seinen Übermalungen von Landkarten, Globen und Mobiliar mit Symbolen und Zeichen, die ebenfalls im Kontext der Roma stehen. Seinen überbordenden und farbenprächtigen Stil bezeichnet der Künstler als Gypsy Dada.

Ebenfalls Collagentechniken verwendet die Berliner Künstlerin Özlem Altin für Prozessing in der Camera Austria. Sie ist eine Sammlerin von Found Footage, das sie in einem Mix mit eigenen Zeichnungen und Malerei überlagert. Für diese Ausstellung wurde ihr zusätzlich auch das Archiv der Camera Austria geöffnet, um so persönliches Sammeln und geordnete Struktur miteinander zu verschränken. Daraus entstanden mächtige und eindrucksvolle „Neu“-Bilder, die sich auch mit der Geschichte der Camera und ihrer Protagonisten auseinandersetzen. Programmatisch zeigt das Plakat eine ikonische Aufnahme von Seiichi Furuyas jung verstorbener Frau Christine aus den 1980ern, nun überlagert durch einen Eingriff von Altin.

Gleich zweimal wird trigon 67, der seinerzeitigen aufsehenerregenden Dreiländerbiennale, mit Ausstellungen gedacht.

Das HDA präsentiert in we are here! drei Kollektive, die Strategien auf den so verschieden deutbaren Begriff Umwelt legen. Während Breathe Earth Collective das Element Luft als Hauptdarsteller im begrifflichsten Sinn des Wortes ins Gestaltungsdenken einfließen lässt, zeigen Isola Art Center wie in Mailand öffentlicher Raum verteidigt wird. Urban-Think Tank und Baier Bischofberger Architects mit ihrem Sarajewo Now. The People’s Museum weisen wiederum den Weg zu einem kulturellen Wiederaufbau entlang der Architektur nach den Schrecken des Krieges.

Im Künstlerhaus wird mit trigon67/17 ambiente nuovo / post environment das historische trigon 67 mit aktuellen Positionen gespiegelt. Für die Außenflächen und das Erdgeschoß wurde dieselbe Zahl an Künstlern wie seinerzeit eingeladen. Waren beim Urprojekt nur fünfzehn Männer am Werk, sind 2017 neben den männlichen Positionen neun Künstlerinnen zu sehen. Einer der Hauptdarsteller von 1967, Eilfried Huth, hat in Referenz auf den damals gemeinsam mit Günther Domenig gebauten „Generator“ für die aktuelle Ausstellung den Eingangsbereich entworfen. Auch der Zaun rund ums Künstlerhaus, der die Konturen von Afrika nachbildet, stammt von Huth. Markus Wilfings Spiegelkabinett, eine Täuschung der Täuschung, bringt viel Ironie ins Freie, ebenso Hans Schabus mit Auf der Suche nach der endlosen Säule. Die Reifenskulptur am Gelände ist nur die Oberfläche seines Exponats. Wer das ganze Werk des Künstlers sehen will, muss das Gelände verlassen und in das zweite Untergeschoß der Tiefgarage am Burgring gehen (mehr wird hier nicht verraten). Ludovica Carbotta hat einen Wachturm ihres Langzeitprojekts, des Baus der fiktiven Stadt Monowe, an den Drahtzaun gestellt. Flaka Halitis Fahnengeister begrüßen die Besucher am Stiegenaufgang. Im Erdgeschoß tanzen in Lara Favarettos Skulptur Gummo V Autowaschbürsten wie Derwische und erzeugen dabei ein magnetisches Feld. Max Frey beeindruckt durch eine druckvolle Große Klappe. Micol Assaël simuliert in einer Kühlkammer Temperaturen in einem sibirischen Straflager.
Im Keller des Künstlerhauses dagegen kann fragmentarisch auf trigon 67 das Original geblickt werden. Die farbenprächtige Skulptur Rain (Environment) des 2005 verstorbenen Kroaten Miroslav Sutej, die vor einigen Jahren in einem Lager des Joanneums wieder gefunden wurde, ist praktisch das einzig komplette Objekt, das die Jahre überdauert hat. Ansonsten finden sich Zeichnungen und Modelle von Oswald Oberhuber, Gianni Colombo oder Mario Ceroli, der legendäre Film von Ferry Radax und als kleine Perle ein kaum gezeigter 8 mm-Farbfilm von Eilfried Huth.

Mit Graz Architektur: Rationalisten, Ästheten, Magengrubenarchitekten, Demokraten, Mediakraten präsentiert das Kunsthaus auf einer Ebene Architekten aus der sogenannten Grazer Schule. Mit einem gitterartigen Hängesystem ist ein recht attraktives Ausstellungssystem für die Retrospektive gelungen. Ein breiter Überblick über die Szene der 1960er und 1970er ist es dennoch nicht geworden. Als Kriterium für die Auswahl der Architekten zählte laut Kuratorinnen eine „direkte oder indirekte Beziehung“ zu den Kunsthaus-Planern Cook/ Fournier. Dieser Umstand lässt leider damit andere wichtige Namen wie zum Beispiel Eugen Gross, Klaus Kada, Heinz Wondra oder Heidulf Gerngross und andere in der Ausstellung fehlen.
Ein Stock darüber kann nochmals die Entwicklung des Kunsthaus aus verschiedensten Perspektiven verfolgt werden. Auf ins Ungewisse zeigt frühe Arbeiten von Archigram, in denen schon so etwas Ähnliches wie ein „ungeschliffener“ Friendly Alien auftaucht, gibt Einblicke in Korrespondenzen und Sketchbücher vieler Beteiligter. Materialproben und Bauelemente ergänzen die Schau.

Rund um den heuer voraussichtlich fertig werdenden Louvre-Klon in Abu Dhabi baut der in New York lebende, gebürtige Libanese Walid Raad eine Erzählung, die in den Schützengräben des ersten Weltkriegs beginnt und sich über Charlie Chaplin, traumatisierte Forensiker, Immobilienspekulationen in New York, sich verändernde Kunstwerke bis zu den Ankäufen für den Louvre II erstrecken. In bester arabischer Geschichtenerzählermanier breitet Raad in Kicking the Dead ein Universum aus Sprache, Bildern, Filmen und Installationen aus, das sein Publikum von Beginn an fesselt, staunen und wundern lässt. Für diese ziemlich einmalige Qualität gibt es die Höchstnote: Das Ganze bitte nochmals von vorn!

  • Niki Passath
    Workshop - Von Menschen und Maschinen
    bis 14.10.2017
    Di-Fr: 16:00-19:00, Sa 11:00-15:00
    Kunsthalle Graz
    Conrad von Hötzendorf Straße 42 a, 8010 Graz
  • SCHARFSTELLEN_1
    bis 25.11.2017
    Mo-Fr: 10:00-18:00, Sa12:00-16:00
    < rotor > Zentrum für zeitgenössische Kunst
    Volksgartenstraße 6a, 8020 Graz
  • Özlem Altin: Processing
    bis 19.11.2017
    Di-So: 10:00-17:00
    Camera Austria
    Lendkai 1, 8010 Graz
  • we are here!
    bis 22.10.2017
    Di-So: 10:00-18:00
    HDA Haus der Architektur
    Palais Thinnfeld, Mariahilferstraße 2, 8020 Graz
  • trigon 67/17 – ambiente nuovo / post environment
    bis 23.11.2017
    Di-So: 10:00–18:00, Do: 10:00–20:00
    Künstlerhaus
    Burgring 2, 8010 Graz
  • Graz Architektur
    Rationalisten, Ästheten, Magengrubenarchitekten, Demokraten, Mediakraten
    bis 28.01.2018
    Di-So: 10:00-17:00
    Kunsthaus, Lendkai 1, 8020 Graz
  • Auf ins Ungewisse
    Peter Cook, Colin Fournier und das Kunsthaus
    bis 25.03.2018
    Di-So: 10:00-17:00
    Kunsthaus, Lendkai 1, 8020 Graz
  • Walid Raad – Kicking the Dead
    bis 14.10.2017
    Di & Mi: 11:00-17:00
    Do-So: 11:00-22:00
    Festivalzentrum im Palais Attems
    Sackstraße 17, 8010 Graz

    > Walkthrough mit Walid Raad
    Do, 28.09. + Fr, 29.09, 18:00 & 21:00
    Sa, 30.09., 13:00, 15:00 & 18:00

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Do. 28/09/2017

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