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"Wer A sagt"

Es ist die prominenteste Brache der Grazer Altstadt: Der Pfauengarten, eingezwängt zwischen dem 2005 urbanisierten Karmeliterplatz und dem Stadtpark, trägt zwar einen hübschen Namen, sieht aber gar nicht so aus. Seit 2004 parken unter dem "Garten" Autos in einer Tiefgarage. Auf deren "Dach" zeigt sich Gestaltungslosigkeit in Form wuchernden Unkrauts und trauriger Leere.

Das soll sich ändern. Ab 2009 werden hier 17 Millionen Euro verbaut. Seit mehr als zwanzig Jahren harrt das Grundstück, auf dem einst die Karmeliter ihr Gemüse anbauten, schon der Bebauung. In jüngerer Vergangenheit war der Pfauengarten lange für das geplante "Trigon-Museum" im Gespräch. Stattdessen kam das Kunsthaus. Und künftig? Künftig wird man im Pfauengarten in einem Sparmarkt einkaufen können.

Dass es sich dabei um einen neuralgischen Bauplatz im Verbund des Unesco-Weltkulturerbes handelt, war klar, als die Eigentümer das Grundstück im Jahr 2000 vom Land Steiermark erwarben und vergangenes Jahr den Wettbewerb "Pavoreal" ausschrieben. Es ging um die diffizile Ergänzung historischer Bausubstanz, die "Nachverdichtung", am schwierigen Geländesprung zwischen Altstadt und Parkanlage. Löblich für private Investoren, dass via europaweit offenem zweistufigen Wettbewerb der beste baukünstlerische Entwurf gekürt werden sollte. Das ist eigentlich nur für die öffentliche Hand Pflicht.

Gefordert wurde viel im Raumprogramm: ein "attraktiver Mix aus mehreren urbanen Funktionen - Wohnen, Arbeiten, Handel". Ein Innenstadthotel sollte das Herz der Anlage bilden. Im März fiel das Urteil der Jury einstimmig auf den Entwurf des Wiener Büros Pichler & Traupmann. Öffentlich wurde bislang aber nur ein Schaubild des Siegerprojekts. Dafür aber verbreitete eine PR-Agentur die Eklogen der Jurymitglieder. Der als "Stararchitekt" titulierte Vorsitzende und in Graz ausgebildete Architekt Kjetil Thorsen äußerte sich preisend: "Ich darf auch auf die Ambition des privaten Auftraggebers, einen wesentlichen öffentlichen Beitrag leisten zu wollen, hinweisen."

Trotzdem bleibt die Optik schief. Dass man die Qualität eines Standortes erst erkennt und dort ein öffentliches Gebäude platzieren will, dafür die Fläche in Bauland umwidmet, im Weiteren aber den sensiblen Platz an Private verkauft, sieht wie das Gegenteil strategischer Stadtplanung aus. Mehr als an das "gemeinschaftliche Denken" der Investoren zu appellieren und unscharf vorzuschreiben, doch eine öffentliche Verbindung zwischen Platz und Park zu schaffen, ist da nicht drin. "Die Stadt kümmert sich zu wenig um die Grundstücke", sagt Gertrude Celedin, Vorsitzende der Altstadtkommission. Warum ein derart wichtiges Grundstück überhaupt verkauft wurde, rührt daher, dass die Stadt eben eine Tiefgarage wollte und froh war, diese finanziert zu bekommen. Damit wurde allerdings auch die oberirdische Bebauung akut. "Wer A sagt, muss auch B sagen - es gibt das Recht der Eigentümer auf Bebauung", sagt Stadtbaudirektor Bertram Werle.

Dass aber die Interessen Privater nicht unbedingt deckungsgleich mit denen der Öffentlichkeit sind, zeigt sich in Graz immer wieder - beim ECE in der Annenstraße, in Bezug auf das Kino im Augarten oder am Beispiel Andreas-Hofer-Platz, der ebenso wie die Thalia vom Bauträger Acoton entwickelt wird. Allein die Tatsache, dass in der kleingewerblich strukturierten Paulustorvorstadt auch ein Supermarkt projektiert wird, spiegelt die Investoreninteressen.

Faktum ist: Mit Überantwortung wichtiger Schlüsselprojekte an private Investoren betreibt das Stadtbauamt ein Spiel mit offenem Ende. Günter Koberg, Sprecher der "Plattform Architektur", appelliert, doch endlich einen Gestaltungsbeirat einzurichten: "Ich kenne keine Stadt vergleichbarer Größe ohne einen solchen Beirat."
Das Thema wurde vielfach diskutiert, scheiterte aber, als sich die Immobilienbranche querlegte. "Das Argument lautet immer, dass sich die Verfahren verzögerten. Aber die Praxis zeigt das Gegenteil." Ein Kernproblem ist für Koberg die Passivität der Behörden: "Das Stadtbauamt hat einfach keine Ideen! Bei uns herrscht Beratungsresistenz: In Vorarlberg leistet sich jedes Dorf einen Beirat." Das stattdessen eingeführte "Grazer Modell", das nachhaltige Stadtentwicklung sichern sollte, erwies sich im konkreten Fall als zahnlos.

Auch der baukünstlerische Aspekt müsste reflektiert werden – wie sich gerade im Pfauengarten mit zeitgenössischer Architektur ein sensibles Projekt entwickeln ließe. Das erforderte allerdings Diskussionen, die derzeit in Graz nicht öffentlich geführt werden und auch von einer Jury nicht einfach nachgeholt werden können. Denn nach allem, was das bislang veröffentlichte Schaubild des Siegerprojekts erraten lässt, bleiben tatsächlich Wünsche offen. Ein Kommentator spricht im Internetforum "GAT" gar von einer "Hochgarage auf der Tiefgarage". Nicht zu Unrecht, hinterfragt man etwa die zeilenartig-rhombischen Baukörper sowie die Lochblechfassade. Ein Material, das dem historischen Ensemble in keiner Weise gerecht wird. Und auch die bandartigen Einschnitte der dominierenden Balkone verbreiten die Anmutung vorstädtischer Nachkriegsmoderne.

Nun bleibt aber sowieso offen, ob die PG Liegenschafts-Verwaltung auch baut, was sie prämieren ließ. Der Wettbewerb hatte auch nur Vorentwürfe eingefordert. Zudem: Das Volumen des prämierten Projekts lässt rätseln, wie das Raumprogramm darin Platz finden könnte. Ob es sich tatsächlich um ein vorbildliches Vorgehen handelt, wird erst das Ergebnis zeigen - dann, wenn es zu spät ist. Für die Stadtpolitik wird es schwierig, nach dem vorbehaltlosen Mittragen des Projekts Einsprüche zu erheben. Die implizierten ohnehin, dass überhaupt maßgebende Kriterien entwickelt worden wären.

Am 20.5., 19 Uhr, werden die sieben Projekte der zweiten Wettbewerbsstufe und eine Auswahl der insgesamt 46 eingereichten Projekte im HDA Graz präsentiert. Bis 28.5.

Verfasser/in:
Albert Kirchengast, Kommentar; erschienen im Falter Stmk. 19/08

Datum:

Di. 20/05/2008

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