Wer plant das Murkraftwerk Graz-Puntigam?

In regelmäßigen Abständen findet sich gegenwärtig das Thema des Murkraftwerksbaues in den Tageszeitungen wieder. Diverse Renderings über die Gestaltung der Staustufe Graz-Puntigam und deren Begleitmaßnahmen kursieren in den Medien – Pro und Contra werden dabei heftig diskutiert. Bürgermeister Siegfried Nagl kündigte an, dass sich das neue Kraftwerk durch eine ansprechende moderne Architektur am noch nicht verliehenen Titel „City of Design“ orientieren sollte (Kleine Zeitung, 17.08.2009. Eine Erläuterung über das genaue Ausmaß der Planung und detaillierte Informationen zum bereits durchgeführten Architekturwettbewerb zur Gestaltung des Murkraftwerks Graz-Puntigam ist Nagl der Öffentlichkeit jedoch schuldig geblieben.

Recherchen ergaben, dass entlang der Mur die Errichtung von fünf Staustufen geplant ist. Die Energie Steiermark AG (ESTAG) ist federführend bei dem Kraftwerksbau in Graz-Puntigam. Die bereits in Bau befindlichen Anlagen in Kalsdorf und Gössendorf sowie die projektierten Werke in Gratkorn und Stübing werden von der Steweag-Steg GmbH (Tochterkonzern der ESTAG) in Kooperation mit dem VERBUND Austrian Hydro Power AG (AHP) durchgeführt. Für die Kraftwerke Gratkorn und Graz-Puntigam wurde bereits die Umweltverträglichkeitserklärung (UVE) beim Land Steiermark eingereicht.

Das gesamte Projektgebiet im Stadtraum von Graz umfasst rund sechs Kilometer und reicht von der Murinsel (Stauwurzel) bis zum Murfeld (Unterwasser) und umfasst eine Gesamtinvestitionssumme von rund 94 Mio. Euro.
Die eingereichten weiteren Begleitmaßahmen zur Gestaltung der Murböschungen, deren Konzept von Hubert Rieß stammt, umfassen die Neugestaltung des südlichen Bereiches der Seifenfabrik mit Verlegung des Puchstegs, dessen Neuanbindung an die Sturzgasse und die Errichtung einer Dammanlage mit Seichtwasserzone im Uferbereich. Im Bereich des Kraftwerks Graz-Puntigam sind Dammanlagen mit Ausgleichsbecken, -teiche und Nebengewässer mit Einbindung in den Petersbach geplant. Des Weiteren erfolgt nördlich der Puntigamer Brücke am linken Murufer die Tieferlegung und Umgestaltung des Lavaparks zu einem sogenannten Aupark am Murufer. Weiter südlich im Bereich Rudersdorf soll ein Au-Biotop mit 2,3 ha Waldfläche und Naturlehrpfad angelegt werden. Zudem gibt es noch weitere Gestaltungsideen für die Uferpromenaden wie Gastronomiebetriebe, Freiluftkino etc.

Das Herzstück, die geplante Staustufe des Kraftwerks Graz-Puntigam, befindet sich ca. 620 m nördlich der Puntigamer Brücke auf Höhe der Olympiawiese. Der Stauraum mit 3,6 km reicht bis kurz vor die Erzherzog-Johann-Brücke (ehemals Hauptbrücke).
Die Staustufe würde jährlich 74 Gigawattstunden Strom erzeugen und soll laut ESTAG die Versorgung von ca. 20.000 Haushalten im Raum Graz sicherstellen. Erklärtes Ziel ist, die Energieversorgung möglichst autark zu gestalten und so auf die prognostizierte Bevölkerungszunahme im Großraum Graz zu reagieren. Durch die Situierung im Stadtgebiet von Graz wird laut ESTAG auch eine hohe Verfügbarkeit der Netzkapazitäten erreicht, während die Netzverluste minimiert werden.

Bereits Mitte August 2009 lobte die ESTAG ein anonymes geladenes Gutachterverfahren zur architektonischen Gestaltung des Kraftwerks Graz-Puntigam aus. Dass ein geladener Architekturwettbewerb durchgeführt werden konnte, geht auf eine Intervention der Stadt Graz zurück. Der Wettbewerb wurde allerdings nicht in Kooperation mit der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Steiermark und Kärnten ausgelobt. Christoph Rath, Projektleiter für den Kraftwerksbau, führt dies darauf zurück, dass einerseits die Wettbewerbsabwicklung über die Kammer mehr Zeit in Anspruch genommen hätte als aufgrund des engen Terminplans zur Einreichung der UVE zur Verfügung stand, andererseits sei die Auslobung eines Wettbewerbs laut Bundesvergabegesetz nicht notwendig gewesen.

Die ESTAG – als Mutterkonzern mit 75 % Anteil am gezeichneten Kapital des Unternehmens im beherrschenden Einfluss des Landes Steiermark – unterliegt damit zwar generell dem Bundesvergabegesetz und übt Sektorentätigkeiten aus, allerdings gilt seit 07.07.2008 eine Neuregelung durch die Europäische Kommission (2008/585/EG), die eine Ausnahme und Freistellung vom Geltungsbereich des Bundesvergabegesetzes (BVergG) zur Erzeugung von Strom vorsieht. Dies wurde durch die letzte Novellierung (04.03.2010) in das BVergG aufgenommen. Allerdings gibt es nun laut Christoph Rath eine Vereinbarung mit der Kammer, zukünftige Projekte in Kooperation mit dieser auszuloben.

Da die Ausschreibung nur die Leistungen zur Gestaltung der Wehranlage, der Außenfassade des Krafthauses und die Außenanlagen umfasste und damit der geschätzte Auftragswert unter dem vorgesehenen Schwellenwert von 473.000 Euro (ohne Umsatzsteuer, inklusive Preisgelder) laut BVergG für Verfahren von Sektorenauftraggebern liegt, war nur eine Auslobung als geladener Wettbewerb erforderlich..

Die Auswahl der vier teilnehmenden Architekten – Pittino & Ortner, Konrad Geldner, Franz Eitzinger und Hubert Rieß – erfolgte aufgrund der bestehenden Referenzen im Bereich des Kraftwerksbaus. Die Jurysitzung, die am 19. Oktober 2009 unter Vorsitz von Architekt Ernst Giselbrecht stattfand, empfahl das Projekt von Pittino & Ortner zur Realisierung und das Projekt von Konrad Geldner als Nachrücker.

Im Entwurf sind optional eine Geh- und Radwegquerung über den unterwasserseitigen Wehrpfeilern, ein Gründach und eine Ladestelle für E-Bikes vorgesehen. Die zum Teil bewegliche Fassade beherbergt eine Photovoltaikanlage, welche die Synergie aus Wasserkraft und Sonnenenergie betonen soll. Der geradlinige Entwurf ermöglicht zusätzlich zur normalen Gebäudefunktion und zum vorgeschriebenen Schauraum eine flexible Nutzung für diverse Veranstaltungen, indem der Schauraum, der Krafthausvorplatz und der Sozialraum durch das aufklappbare mobile Fassadensystem, das gleichzeitig als Witterungs- und Sonnenschutz dient, zusammengeschaltet werden kann. „Es ist gewissermaßen ein Zeichen der Mobilität und Wandelbarkeit unserer Zeit, dass eine Anpassung an Funktionalität auch an einem modernen Kraftwerksbau zur Anwendung kommt“, präzisieren dazu Pittino & Ortner in ihrer Projektbeschreibung.

Damit ist das Siegerprojekt das einzige, das eine Art Öffentlichkeit – einen Meetingpoint – geschaffen hat, meint hierzu Ernst Giselbrecht – wobei zu hoffen bleibt, dass dieser auch umgesetzt und entsprechend betreut wird.

Projektdaten:
Bauherr: Energie Steiermark AG und Verbund Austrian Hydro Power AG (AHP)
Projektleitung: Ing. Christoph Rath
Wasserkraftanlage: Laufwasserkraftwerk in Form eines Flusskraftwerkes
Projektgebiet: Die Gesamtlänge beträgt ca. 6 km, von der Stauwurzel (bei Mittelwasserführung MQ von 108 m³/s) auf Höhe der Murinsel bei Mur-km 178,990 bis zum Ende der Unterwassereintiefung bei Mur-km 173,021 am südlichen Rand der Stadt Graz (Murfeld).

Zeitplan:
Mitte 2010: Abgabe der Unterlagen für die Umweltverträglichkeitserklärung (UVE),
Ende 2011: Verhandlung Umweltverträglichkeitsprüfung,
Herbst 2013: Baubeginn und
Ende 2015: Fertigstellung.

Baukosten:
Gesamtinvestitionssumme in Graz ca. 94 Mio. Euro
davon geschätzte Kosten für architektonische Gestaltung Krafthaus 365.000 Euro
und geschätzte Kosten für Steganlage optional 315.000 Euro

Technische Daten Kraftwerk:
Regelarbeitsvermögen: 74 GWh
Engpassleistung: 16,3 MW
Ausbaudurchfluss: 200 m³/s
Rohfallhöhe: 9,6 m
Stauraumlänge: 3,6 m

Verfasser/in:
Petra Kickenweitz, Bericht

Datum:

Mo. 06/09/2010
Kommentar antworten