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Bildungscampus Algersdorf, 2015-2016
Architektur: ARGE Mesnaritsch-Spannberger, ©: Helmut Pierer

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Bericht
Wenn gute Schulen Schule machen
Bildungsbau als Zukunftsinvestition

Die Schule manifestiert in ihrer gebauten Form jenen Stellenwert, den Kinder und ihre Ausbildung in einer Gesellschaft einnehmen. Die stetige Weiterentwicklung der pädagogischen Konzepte und architektonischen Typologien machen deutlich, dass Schule und Gesellschaft unabdingbar miteinander verwoben sind. Schulgebäude müssen auf neue Anforderungen und gesellschaftliche Umformungen reagieren. Sie sind somit Konstrukte, die in ständiger Bewegung sind, sich den aktuellen Gegebenheiten anpassen müssen und somit nie als abgeschlossenes Projekt betrachtet werden können.

Die Beschaffenheit der räumlichen Umgebung sowie die strukturellen, funktionellen und ästhetischen Prinzipien, die herangezogen werden, um diese Orte zu schaffen, sind Einflussfaktoren, welche die Planung maßgeblich prägen. Diese muss – nicht zuletzt aufgrund der Finanzierung durch die öffentliche Hand – sehr sorgfältig geschehen. Ein wesentlicher Faktor für erfolgreiche Schulkonzepte ist außerdem der Mut zu innovativen Lösungen, die oftmals bestehende Normen aufbrechen.
Der Bevölkerungszuwachs in der Stadt Graz und die damit einhergehende Zunahme der schulpflichtigen Kinder zieht in logischer Konsequenz den Ausbau und die Neuetablierung von Schulstandorten nach sich. Somit betreffen die Themen der nächsten Jahre vor allem effektive Schulneu-, Um- und Zubauten. Die Stadt Graz investierte bereits in den letzten Jahren maßgeblich in diese notwendige Entwicklung. So wurden die Anforderungen bei den ausgeschriebenen Architekturwettbewerben entsprechend formuliert: Zeitgemäße pädagogische Konzepte sollten durch qualitätsvolle Architektur gestützt werden und die dabei entstehenden Gebäude den aktuellen Erfordernissen im Bereich des Lernens, aber auch des Lehrens und der Ganztagsbetreuung entsprechen. Die daraus hervorgegangenen Projekte sind beispielhafte Ergebnisse für einen gemeinsam verfolgten Weg aller am Prozess beteiligten Personen.

Beispielhaftes Neues
In der Ausstellung werden sechs aktuelle Beispiele gelungenen Schulbaus, die jeweils andere Schwerpunkte in der Adaptierung bzw. im Neubau setzten, genauer vorgestellt:
Die Volksschule Brockmann und die Neue Mittelschule Viktor Kaplan veranschaulichen, dass durch innovative Eingriffe und Zubauten am Altbestand ein zeitgemäßer Schulbetrieb ermöglicht werden kann. Das um 1900 errichtete Gebäude der Volksschule bot dabei ganz andere Anforderungen aber auch Möglichkeiten an als der 1970er Bau der Mittelschule.
Für zwei Beispiele von Neuerrichtungen stehen die Volksschule Mariagrün und die Volksschule Algersdorf. Beide wurden an schon etablierten Schulstandorten errichtet, wodurch sich diese zu einem Bildungscampus weiterentwickeln konnten. In Mariagrün ergänzt die Volksschule eine Kindergrippe und einen Kindergarten, in Algersdorf befindet sich eine Neue Mittelschule in unmittelbarer Nachbarschaft.
Nicht nur in Graz lassen sich interessante Antworten auf die Anforderungen im Schulbau finden. Vier der gezeigten Projekte repräsentieren steirische Schulen mit kleinstädtischem oder ländlichem Bezug, wovon wiederum zwei interessante Beispiele für progressive Konzepte und Entwicklungen der 1960er und 1970er Jahre stehen. Der Eröffnungszeitraum der Volksschule Blumau sowie jener der Volksschule Hausmannstätten liegt nahe beieinander, auch stehen beide Projekte für Wendepunkte im Schulbau. Ging die Wettbewerbsausschreibung der VS Blumau noch von einem relativ gewöhnlichen Gangschultypus aus, wurde der darauf folgende Entwurf – vor allem durch eine intensive Auseinandersetzung mit den zeitgemäßen Bedürfnissen im Schulalltag und Mut zu ungewöhnlichen Detail- und Materiallösungen – zu einem Schulgebäude der besonderen Art weiterentwickelt. Auch die 2011 eröffnete Volksschule Hausmannstätten ist mit der Typologie einer Clusterschule und dem außergewöhnlichem Umgang damit, ein wegweisendes Beispiel für jungen, innovativen steirischen Schulbau.

Beispielhaftes Altes
Alle in der Ausstellung gezeigten neueren Projekte veranschaulichen beispielhaft, dass pädagogisches Konzept und räumliche Typologie in den letzten zehn Jahren wieder zunehmend zueinander gefunden haben. Diese notwendige jedoch nicht selbstverständliche Verbindung finden wir aber auch in den beiden – vor über vierzig Jahre errichteten – Schulen in Kapfenberg-Walfersam und Weiz. Die beiden Beispiele ermöglichen es, über ihre Konzepte und Lösungsansätze, Verbindungen zu gegenwärtigen Ideen und Vorstellungen herzustellen.
Die Anforderungen an heutige Schulgebäude sind vor dem Hintergrund gegenwärtiger gesellschaftspolitischer Umformungen sicherlich komplexer geworden, jedoch lassen sich in den Beispielen von damals bereits grundlegende Überlegungen finden, die auch heute wieder zum Tragen kommen. Innovative, typologische Zugänge wurden in ihrer Konzeption vorangetrieben, so wurde versucht den reformierten pädagogischen Ansprüchen entgegenzukommen. Der Erfolg dieser Bemühungen kann am besten daran abgelesen werden, dass beide Schulen noch beinahe unverändert – natürlich ist dieser Umstand auch dem Denkmalschutz zuzuschreiben – in Betrieb sind und zusätzlich immer noch adäquate räumliche Strukturen für den gegenwärtigen Schulbetrieb gewährleisten. Da Schulen immer auch auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren müssen und davon auszugehen ist, dass sich auch neu errichtete Gebäude in naher Zukunft neuen Anforderungen stellen müssen, kann ein Rückblick für vorausschauende Überlegungen ebenso hilf- wie auch lehrreich sein.

Typologien
Ein weiterer Fokus der Ausstellung liegt im Aufzeigen unterschiedlicher Ausformulierungen von Typologien im Schulbau in Graz und der Steiermark. Eine Timeline spannt hierzu einen Zeitbogen von 1965 bis ins Jahr 2030 auf, der von der demografischen Entwicklung der Stadt Graz begleitet wird. In dem dargestellten Zeitraum wurden schematische Darstellungen typologisch interessanter Schulprojekte chronologisch und im selben Maßstab angeordnet. Diese Typen, die sich den jeweiligen pädagogischen, technischen und politischen Gegebenheiten anpassen mussten und müssen, sind als ein Extrakt der Entwicklungen und Auseinandersetzungen im Schulbau der letzten Jahrzehnte zu verstehen. Die Klassenzimmer können als der kleinste gemeinsame Nenner angesehen werden. Ihre Anzahl, Größe, Proportion, Form, ihre Lage zueinander und der Raum der sich zwischen ihnen entwickelt, sind jene Faktoren, welche die Schulen letztendlich voneinander unterscheiden. Als ein weiterer informativer Layer sind Zitate zu Schulgebäuden und zur Thematik des Schulbaus aus unterschiedlichen Jahrzehnten angeführt.

Ausstellungstafeln

  • Bildungscampus Algersdorf
    Architektur: ARGE Mesnaritsch I Spannberger / Bauherrin: GBG / Wettbewerb: 2013 / Ausführung: 2015-2016
  • Erweiterung Volksschule Viktor Kaplan
    Architektur: Hohensinn Architektur / Bauherrin: GBG / Wettbewerb: 2014 / Ausführung: 2015-2016
  • Volksschule Brockmanngasse
    Architektur: balloon architekten / Bauherrin: GBG / Wettbewerb: 2014 / Ausführung: 2015
  • Volksschule Mariagrün
    Architektur: Architekturwerk Berktold Kalb ARGE / Bauherrin: GBG / Wettbewerb: 2010-2011 / Ausführung: 2012-2014
  • Volksschule Hausmannstätten
    Architektur: .tmp architekten / Bauherrin: Marktgemeinde Hausmannstätten / Wettbewerb: 2009 / Ausführung: 2010-2011
  • Volksschule Bad Blumau
    Architektur: Feyferlik | Fritzer / Bauherrin: Gemeinde Bad Blumau / Wettbewerb: 2006 / Ausführung: 2009-2010
  • Schulzentrum Kafpenberg Walfersam
    Architektur: Werkgruppe Graz / Ferdinand Schuster / Bauherrin: Gemeinde Kapfenberg / Wettbewerb: --- / Ausführung: 1967-1973
  • NMS Weiz
    Architektur: Viktor Hufnagl / Bauherrin: Stadtgemeinde Weiz / Wettbewerb: --- /Ausführung: 1964-1968

Verfasser / in:

Elisabeth Koller, Bernhard Luthringshausen, Evelyn Temmel
HDA – Haus der Architektur
Stadtbaudirektion Graz

Datum:

Mi. 24/05/2017

Terminempfehlungen

Infobox

Wenn gute Schulen Schule machen 
Bildungsbau als Zukunftsinvestition

Elisabeth Koller, Bernhard Luthringshausen und Evelyn Temmel, die KuratorInnen der Ausstellung, beleuchten die Hintergründe der Schau im Haus der Architektur in Graz. Diese beschäftigt sich mit gegenwärtigen Tendenzen im Schulbau in der Steiermark und stellt parallel dazu einen Vergleich zu Entwicklungen und Konzepten aus den 1960er und 1970er Jahren her.

Ausstellungsbegleitend wurde am Eröffnungstag ein Symposium zum Thema abgehalten.

VeranstalterInnen
HDA in Kooperation mit Stadtbaudirektion Graz und der GBG

Ausstellung bis 12.06.2017
im HDA

Ergänzt wird der Artikel auf Seite 2 mit einem Rückblick auf das Symposium am 11.05.2017.

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