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HafenCity Hamburg: Die Treppen am Kaiserkai sind beliebte Verweilorte.
Foto: ELBE&FLUT, ©: HafenCity Hamburg

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Bericht
Wem gehört die Stadt?

Es beginnt im Kleinen – doch was passiert, wenn der Trend zur Privatisierung des städtischen Raums weitergeht? Am Beispiel von Graz.

Soll die Rede sein von der Stadt, so stellt sich vorweg die Frage, was Stadt eigentlich ist und was sie ausmacht. Reden wir alle vom selben, wenn wir von „der Stadt“ sprechen? Eine allgemein gültige Definition von Stadt gibt es nicht. Wie auch, wird der komplexe Organismus Stadt doch einem steten Transformationsprozess unterzogen und außerdem von den verschiedenen Akteuren der Stadt aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln wahrgenommen. Als kleinster gemeinsamer Nenner für den Begriff können Dichte, Diversität und gemeinsamer Raum stehen.

Für den Soziologen Richard Sennett ist die Stadt „eine Siedlungsform, die die Begegnung einander fremder Menschen wahrscheinlich macht“. Diese ist demnach der Ort der Sozialisation, an dem Menschen das Fremde und andere kennen und tolerieren lernen. Auf lange Sicht gesehen gelingt dies allerdings nur, wenn jeder Raum bekommt, und Segregation nicht stattfindet. Was in Urlaubsdestinationen unser Interesse findet, sollten wir auch zu Hause in Kauf nehmen, denn wir wissen: Öffentliche Räume erzeugen nicht per se Urbanität, sondern sind nur dann vitale Orte der Begegnung, wenn sie von allen Gruppen einer Stadtgesellschaft in Gebrauch genommen werden können. Klar, dass damit Konfliktpotenzial gegeben ist.
Städte, die sich im Vergleich zu anderen profilieren und ihren Werbewert steigern wollen, die teures Stadtmarketing betreiben, um „marktgerecht“ zu agieren und Investoren anzuziehen, scheuen solche Konflikte jedoch wie der Teufel das Weihwasser. Der umfassenden ökonomischen Verwertung, Kommerzialisierung und Privatisierung des städtischen Raums sind demnach sowohl Randgruppen im Weg wie auch „Leerstellen“ im Stadtraum, die keiner Verwertungslogik folgen.
Graz, die schöne Südliche, die von Jahr zu Jahr mehr Touristen anzieht und seit geraumer Zeit auch wieder wächst, ist ein Beispiel solcher Bestrebungen und unterscheidet sich damit nicht von Entwicklungen anderer europäischer Städte mit ähnlicher Attraktivität. Die Stadt wird „herausgeputzt“ – zentrale Gebiete werden saniert, umgebaut und im Sinne städtischer Verdichtung mit Neuem aufgefüllt und überbaut. Nicht immer geschieht dies im Interesse der Stadt und ihrer Bewohner, wenn man darin alle, deren Lebensraum die Stadt ist, einschließt.

An Beispielen mangelt es nicht. Wenn sich ein renommiertes Schuhgeschäft in der Herrengasse ein neues Outfit gibt und der umgebaute Laden den zuvor intensiv öffentlich genützten Durchgang zum dahinter liegenden Färberplatz als Geschäftsfläche inhaliert, so stellt dies eine Einschränkung freier Bewegung dar, auch wenn der Durchgang als private Fläche nur eine jahrzehntelang ersessene Dienstbarkeit war. Dasselbe gilt für das größte Warenhaus der Innenstadt. Wo früher eine öffentliche Passage eine verkehrsberuhigte Abkürzung von der Sackstraße in die Murgasse ermöglichte, müsste sich der Flaneur heute zwischen Pulten und Regalen mit Waren durchschlängeln, wollte er diesen Weg weiterhin nehmen. Die Absicht ist deutlich. Nur der Konsument ist als Passant erwünscht. Genau dieser ökonomischen Handlungslogik entspricht eine absurde, inzwischen wieder zurückgenommene Maßnahme des Grazer Bürgermeisters, der das zentrale Brunnendenkmal auf dem Grazer Hauptplatz mit Büschen in Töpfen umzäunen ließ, damit sich Trinker und Obdachlose nicht niederlassen können. Der Konsum von Alkohol ist auf diesem Platz per Verordnung verboten, allerdings nur, solange nicht Megaevents wieder jährliche Adventmarkt und das „Aufsteirern“-Fest stattfinden, das die Innenstadt für ein Wochenende im September für viele ohnehin lärmgeplagte Bewohner zur exterritorialen Zone werden lässt.

Konsumfreie öffentliche Räume hingegen sind rar und werden weiter beschnitten. Zurzeit denkt der Bürgermeister laut über eine „bessere“ Nutzung des Forum Stadtpark nach, dem er im Erdgeschoß ein Café verordnen will. Mag sein, dass die Aktivitäten und der kreative Output dieser international renommierten Institution derzeit (wie übrigens auch in früheren Zeiten) weder mehrheitsfähig noch für die Masse anziehend sind. Dies mit der Beschneidung des Freiraums zur künstlerischen Entfaltung zu beantworten ist unakzeptabel und einer Stadt nicht würdig, die sich rühmt, Brennpunkt einer kreativen Szene zu sein.

Will eine Stadt lebenswert für viele bleiben und soziale Konflikte im Zaum halten, so ist sie nicht nur gut beraten, öffentlichen Raum nicht nach ökonomischen Kriterien zu bewerten und ausreichend, ja, verschwenderisch viel davon bereitzustellen, sie tut auch gut daran, diesen sorgfältig zu planen und bewohnbar zu machen. Öffentliche Räume und Allgemeinflächen sind oft nicht mehr als Restflächen mit undifferenzierter Textur. Sensibel ausgelotete Abstände und Übergänge zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen lassen sie ebenso vermissen wie Aufenthaltsqualität.

Direkt am Grazer Stadtpark, wird seit Kurzem auf einem der letzten größeren Areale der Altstadt ein Wohnprojekt realisiert. Ein erheblicher Teil der Wohnungen, die mit ruhiger Lage und der Attraktion des angrenzenden Parks beworben werden, ist im Luxussegment angesiedelt. Teil der Wettbewerbsvorgaben war, einen Übergang vom Karmeliterplatz in den Stadtpark vorzusehen. Dieser wird auch gebaut werden, nur wie! Drei Baukörper erheben sich über einem bauplatzgroßen Sockel, der über der schon jetzt bestehenden öffentlichen Tiefgarage eine Garage für die Bewohner enthalten wird. Mit dieser Maßnahme wird eine geschoßhohe Barriere zum Platz errichtet. Wer künftig, etwa vom Hauptplatz kommend, den kurzen Weg über das „Pfauengartenareal“ in den Park wählt, muss erst einmal dieses Plateau erklimmen, um dann auf der anderen Seite nicht nur die Höhe der historischen Stadtmauer hinabzusteigen, sondern auch ein zusätzliches Geschoß. Nach derzeitigem Stand wird der Weg des Flaneurs an Büros und geschlossenen Fassaden entlangführen, da öffentliche Erdgeschoßzonen in den drei Baukörpern nicht vorgesehen sind. Ist das attraktiver, öffentlich genutzter Raum? Zukünftige Szenarien der Durchquerung lassen sich schon jetzt erahnen, denn wer so teuren Wohnraum kauft, glaubt, damit auch das Recht auf die in der Bewerbung versprochene Ruhe zu kaufen.

Öffentliche Räume tragen erheblich zu einem funktionierenden Gemeinwesen bei. Ihre umsichtige, sorgfältige Gestaltung und Pflege ist daher nicht nur eine städtebauliche, sondern auch eine politische Aufgabe, die immer im Sinne des Gemeinwohls bewältigt werden muss. Am genannten Beispiel kann dies gar nicht gelingen, und die Schwächeren werden zurückgedrängt werden. Dabei ist nicht den Investoren ein Vorwurf zu machen, sondern jenen, die den politischen Kraftakt zu entsprechenden, die Totalvermarktung der Stadt verhindernden Prinzipien und Vorgaben in der Stadtplanung als nicht notwendig erachten.

Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

Di. 20/08/2013

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Kommentare

henri lefebvre

Öffentlich?

In Graz werden große Projekte anscheinend grundsätzlich unter möglichster Ausklammerung der öffentlichen Meinung abgewickelt. Eine Diskussion mit den Bürgern wird als Störung des Geschäftsmodells angesehen und daher gekonnt unterbunden. Wenn dann - wie beim Pfauengarten-Projekt - alle maßgeblichen Institutionen (Stadtbaudirektion, Stadtplanung, Denkmalamt, Altstadtkommission) in der vom Investor dominierten Jury vergattert werden, dann kommt halt so ein Ergebnis heraus. Und als dann umgeplant werden musste, wurde klar: eine Wohnanlage kann nicht so "öffentlich" gestaltet werden wie das geplante Hotel. Und einfach die Admontergasse an den Kastner zu verkaufen, kostete unsere Stadtregierung höchstens ein Achselzucken. Wichtig, das Karin Tschavgova das so treffend aufzeigt, aber eigentlich hätte die in Graz angesiedelte Tagespresse schon vor Jahren aufheulen müssen. Sie ist aber vielleicht zu sehr den Inserenten verbunden und hat kritisches Hinterfragen von Projekten dieser Art wohl nicht mehr in ihrem Repertoire. Max Mayr hat leider keine Nachfolger gefunden.

Infobox

Der Artikel von Karin Tschavgova erschien erstmals am 17. August 2013 im
SPECTRUM der Tageszeitung Die Presse

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