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Rezension
Weiterbauen. Für eine besondere Baukultur

Weiterbauen! Weiterbauen. Weiterbauen? Ein Buch über die Steiermark zu schreiben und dabei keine Schablonen zu verwenden, ist schon eine Kunst. Herbert Achternbusch hat einmal gesagt, „Heimat“ kommt von „Hemad“, also Hemd, und so solle sie auch sein, nicht zu eng und nicht zu weit. Albert Kirchengast legt ein Buch vor wie ein Hemad, das genau passt. Es handelt von bemerkenswerten Häusern oder Bauten, die sich durch längere Zeiten, also mehrere Jahrhunderte, durchgewurschtelt haben und noch immer stehen, was ja sowieso ein Wunder ist. Es handelt von der Beiläufigkeit, die sie erhalten hat, von Umständen, von ganz kritischen Momenten, Zufällen, von der Liebe der Bewohner zu ihren Behausungen. Von kritischen Geistern, die sich etwas abgerungen haben, Geld zum Beispiel und Mühe, um ein Objekt zu erhalten und für unsere Zeit bewohnbar zu machen. Vom Wahl haben und keine Wahl haben. Das Spannende ist, dass die Bewohner, die Steirer, wer immer die sind, ihre Geschichten erzählen. Diese Geschichten sind sehr gut recherchiert, der Herausgeber Albert Kirchengast war neugierig und sorgfältig, das liest man heraus. Er ist aus Feldbach, hat in Graz Architektur studiert und ist seit 2008 Assistent an der ETH Zürich.
„Momentan gibt es noch Reste des Baubestandes, um den das Buch kreist.“, schreibt er. „Aber in Gebieten großen Siedlungsdrucks ist er längst gefährdet (…).“ Das Buch zieht aber viel weitere als diese Kreise, nämlich geschichtliche, industrielle; territoriale, beispielsweise mit der konzisen Beschreibung der Region südlich von Graz: „Allein in dieser Gemeinde gibt es ein Betonwerk, Asphaltwerk, Abfallverwerter, Mähdrescher- und Traktorenhandel und - Werkstätte, Autohändler, KFZ-Werkstätte, die Südautobahn läuft durch, die Pyhrnautobahn kommt zweispurig, nun kommt die Koralmbahn, die 380 KV-Leitung - jetzt soll dieses Stahllogistik-Center angesiedelt werden (…)“, erzählt eine Bewohnerin und Besitzerin eines renovierten Althauses in Wildon. Ist diese Darstellung oder dieser Blick nicht ein Hammer? Das Buch zieht ethnologische Kreise und handwerkliche, beispielsweise über die Kalkbrenner und den antibakteriellen Kalkputz in den Häusern; dann Nazikreise insofern, als es die Geschichte der Grazer Villa Oser in der Johann-Fux-Gasse aufrollt, die dem Grazer Nobelpreisträger Otto Loewi gehörte, den man bis Mai 1938 im Polizeigefängnis einsperrte und dann mit Berufsverbot belegte. Dem man sein Nobelpreisgeld wegnahm und die Villa und überhaupt alles, weil er Sondersteuern zahlen musste, „beispielsweise die Reichsfluchtsteuer und die sogenannte Judenvermögensabgabe“, wie in dem Buch steht.
Die Kirchenkreise nicht zu vergessen, die Schlosskreise, die Literaturkreise, die Arbeiter- und Bauernkreise in der Obersteiermark. Das ergibt 28 ausgewählte exemplarische, genau analysierte und beschriebene Beispiele für erhaltene Bauten mit diversen Nutzungen, die sich bisweilen so auflösen „Das Äußere des Gebäudes ist fast gleich geblieben, aber die Einteilung der Räume wurde stark verändert (…). Wir haben damals zwei Zimmer gehabt mit ca. 36 Quadratmetern. (…) Ich kann gar nicht sagen, warum ich mein Leben hier eigentlich nicht beschließen wollte (…)“ (Die 86-jährige Aurelia S. über ihr Leben im Prinzenhaus, einem Senioren-Pflegezentrum in Vordernberg, in dem sie auch ihre Jugend verbracht hat.)
Mit seinem neuen Buch La carte et le territoire (Landkarte und Territorium - Prix Goncourt 2010) rückt Michel Houellebecq den ländlichen und auch den Stadtraum in mehrere Perspektiven: Er lässt seinen Haupthelden Landkarten fotografieren, die der stofflich sehr geschickt mit der Urbanität zunächst verwebt und dann wieder herauslöst; er beschäftigt sich mit der Rezeption und Reinterpretation des ländlichen Raums und der Region durch Fernsehen und durch den Tourismus, mit der Rahmung und Umformulierung durch die Medien bis in eine nachindustrielle Zeit hinein.
Kirchengast stellt mit seinem Buch eine ähnliche Entwicklung dar, weniger literarisch zwar, aber die Art und Weise, wie er aus der Vergangenheit eine mögliche Zukunft schafft, der Rückgriff auf Geschichten und Bilder, ist sehr ähnlich - ganz abgesehen davon, dass er sehr ästhetisch und vorsichtig vorgeht. An einer Stelle beschreibt Houellebecq den ländlichen Raum, den Naturraum, als „subtile, komplexe, sich verändernde Mischung aus Wiesen, Feldern, Wald und Dörfern“, der gerecht zu werden schwierig sei - Kirchengast ist das gelungen.

Verfasser / in:

Maria Nievoll

Datum:

Mo. 17/01/2011

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Veröffentlicht: 2010-07-01
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