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©: Karin Tschavgova

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Bericht
Vielfalt und Nebeneinander

Belgrad im Jänner 2012. Wer wohlwollenden Rat in den Wind schlägt und zur Fahrt ins Hotel den öffentlichen Bus nimmt, betritt am Slavija-Platz die Stadt und erhält gleich eine eindrucksvolle Lektion in Belgrader Stadtplanung. Fünf große Straßen münden in den Kreisverkehr um die Grünfläche, auf der nicht nur die überdimensionierte Büste eines sozialistischen Schriftstellers steht, sondern unter der, etwas makaber auch seine Gebeine liegen. Mit den bröckelnden Mauern eines kleinen Vorstadthauses oder dem, was einmal ein Haus war, mit Parkplätzen in Baulücken, dem Hochhaus des Hotel Slavija, das schon bessere Zeiten gesehen hat, und einem Park, der eigentlich eine grün überwachsene Baugrube ist, über der 1940(!) ein Warenhaus errichtet werden sollte, bleibt der Platz eine offene Wunde im Gewebe der Kernstadt am rechten Ufer der Save. Die erste osteuropäische McDonald’s Filiale ändert daran auch nichts.

Auch für den Slavija-Platz soll Nikola Dobrovic als vielleicht wichtigster Urbanist und Theoretiker Belgrads einen Vorschlag entwickelt haben. Der wurde wie alle seine Projekte zur städtischen Entwicklung nie umgesetzt. Ironie der Geschichte: das einzige in Belgrad realisierte Werk dieses Architekten, der den Entscheidungsträgern in den 1930ern zu modern war, ist eine Ruine. Aber was für eine: es ist der riesige Komplex des Generalstabs, den die NATO 1999 bombardiert hat und der heute, unter Schutz gestellt, als schaurig-schönes Fotomotiv herhalten muss. Immerhin kann man Dobrovics siegreiches Wettbewerbsprojekt von 1929 für die Terazije über Planunterlagen mit dem Istzustand vergleichen. Für das langgezogene Oval, das nicht Platz und nicht Straße ist, an einer der nicht nur topographisch spannendsten Stellen am Hügel, hatte der Architekt eine großstädtische Geste aus kaskadenartig abgestuften Baukomplexen vorgesehen, die einen stattlichen öffentlichen Platz rahmen. Heute ist dort, mit großartigem Ausblick auf die Ufer der Save und das dahinter aufsteigende Gewirr der mächtigen Wohnblöcke von Novi Beograd, noch immer eine Brache. Die Terazije wird an einer Seite von einem eben erst fertiggestellten, mittelmäßigen Bürohaus gesäumt, auf der anderen von Feuermauer, Hinterhofchaos und Nichts.

Und doch sind es das Nebeneinander und die sich darin ausdrückende Vielfalt, die diese Stadt interessant machen. Sie liegt an zwei Flüssen, an Save und Donau. Ausgedehnte grüne Uferzonen, die von Hausbooten – etwa 150 davon sollen Partyboote sein – und Radwegen gesäumt sind, der Lido auf der unbesiedelten Kriegsinsel, Cafes, Bars und Nachtclubs vermitteln eine Ahnung von der Lebensqualität der Stadt in der warmen Jahreszeit. Belgrad hat mehr – konkret – längere Uferzonen als New York.

Vielfalt liegt schon in der Geschichte der Stadt begründet, die Jahrhunderte lang als strategisch wichtiger Ort heiß umkämpft war. Vom Barock der Habsburger, die 1718 die mittelalterliche, ummauerte Stadt einebneten, um im heutigen Stadtteil Dorcol ein deutsches Viertel für Einwanderer aus deutschen Ländern zu errichten, blieb nur das orthogonale Straßennetz, als die Türken die Stadt zurückeroberten. Selbst an ihre Herrschaft erinnern nur wenige bauliche Spuren – eine Moschee und ein paar Sultanshäuser.

Doch auch, was der Stadt an gebauter Substanz erhalten blieb, ist ein buntes Nebeneinander, das den Schritt um jede Ecke zum neuen Erlebnis macht. Neben der eher geringen Zahl an Häusern im serbisch-byzantinischen Stil und einigen schönen sezessionistischen Beispielen wie dem ersten modernen Warenhaus der Stadt von 1907, das Viktor David Azriel nach Pariser und Londoner Vorbildern geplant hat, fällt der eklektizistische Stilmix an öffentlichen Repräsentationsbauten auf, der sich bis in die 1930er-Jahre hinein halten konnte. Zeitgleich, im Widerstreit mit dem monarchischen Zeitgeist, formierte sich eine „Gruppe der Architekten der modernen Bewegung“, denen Belgrad Bauten zu verdanken hat, die der europäischen Moderne in Prag oder Paris in nichts nachstehen. Immer noch imponierend: der Albania Palast (1940) am Beginn der Fußgängerzone oder die durch Um- und Dachaufbauten nicht wieder erkennbare Kinderklinik (1940) des in Graz an der Technischen Hochschule ausgebildeten Milan Zlokovic.

Was der 2.Weltkrieg und zwei Bombardements auch in dieser Stadt gestoppt hatten, die Bewegung der Moderne, konnte im Nachkriegsbelgrad fruchtbar fortgesetzt werden. Der Weg Titos – seine Initiative zur Gründung der blockfreien Staaten und die außenpolitische Annäherung Jugoslawiens an den Westen – brachten nicht nur Entwicklungsgelder ins Land, sondern auch die Liberalisierung der Gesellschaft mit sich. Aus dieser Zeit der Rekonstruktion Belgrads, die bis in die 1970er andauerte, stammen zahlreiche Wohnhäuser im Geist der Moderne und le Corbusier’scher Theorien zum Habitat. Einige öffentliche Bauten dieser Ära, in der Belgrad sich zu einer Metropole internationalen Zuschnitts entwickelte, wie die Nationalbibliothek von Ivo Kurtovic oder die Fakultät für Philosophie von Licina am Studentski Trg, zeigen eine eigenständige regionale Ausformung des Modern Style, in der unter anderem die facettenreiche Anwendung und Verarbeitung von Stein Bedeutung erlangte. Pretiosen jugoslawischer Baukunst sind auch das Sportzentrum des 25. Mai von Ivan Antic an der Mündung der Save oder sein Museum für Zeitgenössische Kunst in Neu-Belgrad (Novi Beograd) – beide kraftvoll in Form und Ausdruck beide. Das spektakulär hochgehobene Restaurant des Sportzentrums aus 1973 ist einem Fitnesszentrum für Muskeln trainierende junge Serben gewichen, umgebaut vom jungen „4 of 7 Studio“. Das Museum ist zu unserer großen Enttäuschung geschlossen, sein Umfeld mit zahlreichen Großskulpturen trist, vernachlässigt und bei scharfem Wind und Temperaturen um den Gefrierpunkt nur öde.

Novi Beograd, die Stadt aus unzähligen, nicht enden wollenden Wohnquartieren am linken Ufer der Save, in der heute etwa 300.000 Menschen leben, hat seine Existenz nicht nur dem enormen Zuzug nach 1945 zu verdanken, sondern auch der Tatsache, dass die kommunistische Nomenklatura alles Bestehende und damit das alte Belgrad verachtete. Novi Beograd war das Symbol der neuen Ordnung – erbaut ab 1960 nach einem Generalplan, der immer wieder adaptiert wurde, mit einer Einteilung in Blöcke und viel gepriesener Weitläufigkeit. In der Kälte des zugigen Wintertags ist es auch hier nur trist. Punkthochhäuser, die lange Schatten auf ihre Nachbarn werfen und endlos lange, bis zu vierzehn Geschoße hohe Häuserzeilen lassen einen froh sein, dass man diesen Stadtteil nicht zu Fuß durchmessen muss. Durchgrünung ist vom Auto aus kaum zu sehen, hingegen weisen Supermärkte, Behelfshallen und Kioske auf eine Nachverdichtung hin. Weitgehend frei von Bebauung zeigt sich nur die nordöstliche Uferzone des Stadtteils. Hier liegen einige der Symbole der Privatisierungen seit 2001 (mehr als 2600 sollen es sein). Das berühmte Hotel Jugoslavija, das dem serbischen Mafioso und Kriegsgewinnler Arkan als „Hauptquartier“ gedient hat, ist zurzeit geschlossen. Das Einkaufszentrum Usce mit dem Hochhaus, das einst, als Tito mit seinem Schielen nach dem Westen und Amerika Stalin provozieren wollte, als Sitz des Zentralkomitees gebaut wurde und das heute, nach der NATO-Bombardierung 1999 und der Renovierung und Erneuerung der Curtain Wall Fassade, den Schriftzug „Hypo“ auf dem Dach trägt.

Hier wie dort hat man den Eindruck, dass vieles auf Wiederbelebung wartet. Alle großen Museen sind gesperrt, nur das Nationalmuseum am Platz der Republik lässt durch sichtbare Zeichen von Renovierung vermuten, dass eine Wiedereröffnung geplant ist. Wann? Keiner weiß es. Einzig die Kneza Mihaila zeigt sich herausgeputzt. Sie, die als Fußgängerzone alle internationalen Modeketten aufbietet, bleibt doch sehenswert durch die Vielfalt an schönen, stattlichen Gebäuden. Gleich um die Ecke ein anderes Bild: viele Bauten sind heruntergekommen und renovierungsbedürftig, was nicht nur mit Krise und politischer Isolierung, sondern wohl auch mit der noch nicht erfolgten Restitution zu erklären ist. Seit Oktober 2011 sieht die EU Serbien als offiziellen Beitrittskandidaten, vorausgesetzt, die Kosovo-Vereinbarungen werden umgesetzt.

Vielleicht haben die jungen Architekten, die sich jetzt alles Mögliche einfallen lassen müssen, um über die Runden zu kommen, dann mehr Arbeit. Jetzt können sich nur wenige profilieren, wenn sie die Chance bekommen, einen Wohnbau, ein Bürohaus oder ein privates Haus zu planen. Was es an Neuem des letzten Dezenniums gibt, füllt noch kein Buch, zeigt aber an einigen schönen Arbeiten wie dem Privatmuseum von Ivan Kucina & Nenad Katic aus 2008 Methodik und konzeptuelle Denk- und Arbeitsansätze.

Krise hin oder her – Belgrad ist eine Stadt mit pulsierendem Leben, vollen Kaffeehäusern und geschäftigem Treiben. Das Warten auf bessere Zeiten wollen sich die Belgrader trotz prekärer Arbeitsverhältnisse nicht vermiesen lassen. Und so schwärmt Miodrag, der junge Architekt mit universellen Kenntnissen der Belgrader Stadtentwicklung, in einem supercool gestylten Restaurant, das neben vielen anderen Kneipen in der provisorisch revitalisierten Beton Hala (Beton Halle) am Hafen eröffnet wurde, vom dort erlebbaren grandiosen Wintersonnenuntergang, den man notfalls auch ohne Kaffee genießen kann.

LITERATURHINWEISE:

Belgrad – Momente der Architektur, erschienen 2011 im Müry Salzmann Verlag (ISBN 978-3-99014-049-9) anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Ringturm vom 19.Juli bis zum 11.November 2011.

Die Publikation gibt einen schönen Überblick über die wechselvolle Rolle, die Städtebau, Stadtplanung und Architektur seit dem Beginn des 20.Jahrhunderts in dieser Stadt spielen - als Spiegelbild eines aufgeklärten, kosmopolitischen Belgrad vor dem 2.Weltkrieg, als gebaute Manifeste politischer Ideologien und am Westen orientierte Zulassungen eines Machtapparats, der eine Sonderstellung innerhalb des Ostblocks anstrebte und, in jüngster Zeit als bewundernswerter Versuch, in den wenigen Bauaufträgen an europäische Trends und Qualität anzuschließen.
Neben Adolph Stiller, der die Ausstellung initiiert und kuratiert hat, geben serbische Autoren (und Architekten) profunde Auskunft über Zeitläufe, einzelne Ausnahmeerscheinungen wie den Theoretiker und Hochschullehrer Nikola Dobrovic und über die Baukultur im sozialistischen Jugoslawien. Vesna Vucinic, die serbische Korrespondentin von A10, versucht einen Überblick über die junge Architektenszene und beschreibt deren positive Energie, die sie zum Ausharren befähigt.
Der Katalog ist gut geeignet als erste Annäherung an die überraschend vielfältige Baukultur dieser Stadt, wenn man vorhat, sie zu besuchen. Was derzeit einfach, relativ kostengünstig und auf jeden Fall empfehlenswert ist.

Belgrad: Formal / Informal, erschienen 2012 im Verlag Scheidegger & Spiess AG, Zürich (ISBN 987-3-85881-254-4) deutsch / engl., 68,00 Euro

Diese Studie über die Entwicklung der Stadt Belgrad und ihre Transformation seit ihrer Isolierung ab 1990 ist Teil einer Serie von Städteportraits, die das Studio Basel der ETH Zürich unter dem Aspekt des Spezifischen seit 2002 erstellt hat. Sie basiert auf der tiefschürfenden Arbeit von etwa zehn Teams von Studierenden, die ein Semester lang vor Ort intensive Erkundungen, sogenannte „Bohrungen“ durchgeführt haben und sie wird ergänzt durch analytische Beiträge der Autoren Marcel Meili, Roger Diener, Christian Müller Inderbitzin u. Milica Topalovic.
Interessant ist, dass das Spezifische, die Eigenständigkeit Belgrads in der urbanistischen Entwicklung der letzten beiden Jahrzehnte nicht, wie man vermuten würde, der erzwungenen Isoliertheit aufgrund internationaler Ausgrenzung geschuldet zu sein scheint, sondern – nicht anders als in anderen Städten – Ausdruck der Spannung zwischen traditioneller Stadt und globalen Handlungsmustern ist. Für Belgrad heißt dies nach den Untersuchungen in dieser Studie, dass in kürzester Zeit Verfahren, Ordnungssysteme und Player, die öffentliche und private Beziehungen in der sozialistischen Stadt in einer gewissen stabilen Balance gehalten haben, verworfen und abgesetzt und durch neue, teils undurchsichtige und widersprüchliche Verfahren ersetzt wurden. Die urbane Umwälzung Belgrads, schreiben die Betreuer und Autoren des Reports, ist nicht wie in anderen Städten eine des Maßstabs, sondern eine der Regeln. Innerhalb dieses „Regelsystems“ seien formelle und informelle Felder zu finden, Unbestimmtheit und Destabilisierung. Letztere etwa im epochalen Modell des riesigen Wohnquartiers Novi Beograd, Verfestigung durch informelle Siedlungen an den Rändern der Stadt (und die daran anschließenden Legalisierungsaktivitäten). In ausführlichen Essays werden beide thematisiert, ebenso wie urbane Gegenwelten und das „In between“ der Stadt.
Wer das Englische gut beherrscht, dem sei empfohlen, die Essays in größer gesetztem Englisch zu lesen, da sich das Lesen der deutschen Version in äußerst kleiner, eng gesetzter Schrift als ermüdend erweist. Dennoch: dieses Buch, das sparsam, aber durchaus informativ illustriert ist, empfiehlt sich als höchst lohnenswerte Lektüre. Nicht nur, weil ein „Masterplan der Wirklichkeit“ am Ende des Buches als eine Art Abbild der Studienerkenntnisse sehr schön zeigt, wie sich eine Stadt entwickelt, wenn klare Regulative fehlen, die vorausschauendes Planen umsetzen (und voraussetzen).

spike Art Guide East. A Briefing on Contemporary Art and Culture in Central and Eastern Europe, Volume 1, spike, Vienna 2009, Herausgeber: Antje Mayer, Rita Vitorelli
ISBN 978-3-200-01499-2
Paperback, English
336 pages with numerous illustrations
€ 25/$ 34/£ 23/CHF 39
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Verfasser / in:

Karin Tschavgova

Datum:

So. 05/02/2012

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