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Ausstellungsansicht 'Die Mur. Eine Kulturgeschichte'
©: UMJ / N. Lackner

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Rezension
Unten am Fluss

Die letzte innerstädtische Holzbrücke über die Mur, die ehemalige Hauptbrücke in Bad Radkersburg, wurde 1929 durch einen Eisgang zerstört. Um 1850 gab es auf der Mur 43 Schiffsmühlen, schwimmende aber fest verankerte Spezialkonstruktionen, die aus einem uferseitigen Mühl-, einem flussseitigen Wellenschiff sowie einem dazwischen liegenden Wasserrad bestanden. Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts expandierte die Murauer Brauerei und errichtete in einer Murschleife eine Anlage zur Erzeugung und Reinigung von Bierfässern.
Viele Beispiele von funktionaler Architektur finden sich in der neuesten Ausstellung Die Mur Eine Kulturgeschichte des Universalmuseums Joanneum (Jahresthemas Landschaft). Ein eigener Abschnitt geht auf diese Bauwerke ein, die mit der Geschichte des wichtigsten Flusses der Steiermark verbundenen sind oder waren, das Leben und Arbeiten der Menschen am Fluss prägen oder geprägt haben.

Für Museumsleiterin Bettina Habsburg-Lothringen und ihrem Team war es wichtig, sich der Mur aus verschiedensten Perspektiven zu nähern und dabei die Geschichte des Flusses auch über den innerösterreichischen Verlauf hinaus zu präsentieren.

Die Ausstellung blickt auf Zeiten, in denen auf der Mur Waren mit Flößen und Plätten transportiert und der Fluss mit Fähren überquert wurde, zeigt aber auch das Scheitern, beim Versuch die Personenschifffahrt zu etablieren. Städte bedrohende Hochwasserphasen führten zu Eingriffen, die an manchen Orten den Lauf des Flusses nachhaltig veränderten, die Regulierungsmaßnahmen unter Ritter von Hohenburger in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verkürzten die Mur um rund 15 Kilometer.
Der Verklärung in Mythen, in Literatur und im Bild, das der touristische Blick auf den Fluss wirft, werden Gegenpositionen, wenn die Mur zur politischen Trennlinie, zur Grenze und zum Fluchtweg im Ost-West-Konflikt des 20. Jahrhunderts wurde, entgegen gehalten.
Renaturierungs- und Sanierungsmaßnahmen setzten in den 1990ern ein, um die Mur nach Umweltzerstörungen durch Wasserkraftwerksbau und jahrhundertelanger Verunreinigung durch die Abwässer von Haushalten und Industrie wiederzubeleben.
Anekdotisches findet sich, wie das aufwändige Einleiten von bis zu 15.000 Kübeln Warmwassers in die seinerzeitige Militärschwimmschule nahe der Keplerbrücke, um das rund 14 Grad kalte, aus dem Mühlgang gespeiste Wasser um einige Grade zu erhöhen.  
Anderes Bildmaterial zeigt dagegen historisch Grausames wie die Auslieferung der Kosaken durch die Briten an die Sowjetbehörden im Juni 1945 auf der Judenburger Murbrücke.

Ablagerung des Zeitlichen nennt sich der letzte Abschnitt, in dem der Fotograf Nicolas Lackner Spuren von Bauten entlang der Mur, wie der ehemaligen Römerbrücke nahe Frohnleiten oder den über die ganze Stadt verstreuten Zierelementen der ehemaligen Hauptbrücke Graz, nachging.

Von Moritz Fehr stammen zwei Installationen, die Geräuschmomente der Mur über und unter Wasser hören lassen.

Ein reichhaltiges Rahmenprogramm mit Lesungen, Buchpräsentationen und Vorträgen begleitet die fast elf Monate dauernde Ausstellung durch 2015 und 2016. Für Bewegungsfreudige werden Wanderungen entlang des Flusses und durch den Mühlgang, eine Führung durch das Kraftwerk Pernegg oder ein Paddelkurs angeboten.

Zur Ausstellung erschien ein 120-seitiger Katalog, der das inhaltliche  Konzept, die Ausstellungsgestaltung und den Atmosphärenraum skizziert und die Ausstellung dokumentiert.

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

Sa. 05/09/2015

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Infobox

Die Mur
Eine Kulturgeschichte

Die Ausstellung setzt die Beziehung des Menschen zum Fluss in den Mittelpunkt. In sechs Kapiteln wird ein Raum vermessen, der aus Wahrnehmung und Erfahrung, Aktion und Reaktion, kulturellen und sozialen Praktiken sowie durch eine Vielzahl von Akteurinnen und Akteuren immer wieder neu entstand.

Kuratierung: Bettina Habsburg-Lothringen

28.08.2015 – 17.07.2016
Mi-So 10:00-17:00 Uhr

Museum im Palais
Sackstraße 16
8010 Graz

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