fh_joanneum_modellbauwerkstatt_marion_luttenberger.jpg
In der Modellbauwerkstatt der FH JOANNEUM
©: Marion Luttenberger

_Rubrik: 

Interview
Studieren an der Fachhochschule: Unbekannte X
FH-Ausbildung: Zielgerichtet, praxisnah & international vernetzt

Wer in Graz Architektur studieren möchtet, steht zu Studienbeginn vor der Wahl dies an der TU Graz oder an der FH JOANNEUM zu tun. Was unterscheidet und verbindet diese zwei Systeme? Arch. DI Wolfgang Schmied ist Studiengangsleiter des Masterstudiengangs Architektur an der FH JOANNEUM und unterrichtet zudem seit vielen Jahren an der TU Graz. GAT bat ihn zum Interview.

Herr Schmied, an der TU Graz gab es im Wintersemester 2014/15 149 StudienanfängerInnen, wie sieht es an der FH JOANNEUM aus?

Schmied: Bei uns gibt es ein Aufnahmeverfahren für BewerberInnen für das Bachelor- und das Masterstudium. Im Bachelor werden im Bereich der Architektur standardgemäß 25 bis 30 Leute aufgenommen, im Master maximal 23. 

Und wie viele Leute bewerben sich für diese wenigen Plätze?

Schmied: Das hängt stark von den verschiedenen Jahrgängen ab. Im Bachelor ist es manchmal die doppelte Anzahl, im Master ist das sehr unterschiedlich. Wir haben viele Leute aus dem Ausland und anderen österreichischen Bachelorstudiengängen, da haben wir zum Teil um 50 bis 70 Prozent mehr Bewerbungen. 

Aus welchen Ländern bzw. von welchen Hochschulen kommt der Zuwachs?

Schmied: Sowohl von anderen Universitäten Österreichs, z.B. aus Wien, Spittal in Kärnten oder Innsbruck, aber auch aus dem süddeutschen Raum, Ungarn, Slowenien, Kroatien usw. Bei der Aufnahme für das Masterstudium ist die Qualität des Architektur-Bachelor-Curriculums und die Qualität der Arbeitsmappen entscheidend. Das ist nicht immer ganz einfach. Wir haben Leute aus Georgien etc., wo es ganz andere Studienpläne gibt als z.B. an der TU Wien. Da muss man schauen, inwieweit die curricularen Anforderungen den Aufnahmekriterien entsprechen.

Ist das Verhältnis der FH-BachelorabsolventInnen und der Uni-BachelorabsolventInnen unter den FH-Masterstudierenden ausgeglichen?

Schmied: 70 bis 75% der Masterstudierenden haben bereits eine Bachelorausbildung an einer FH gemacht. Von den 25 bis 30% der Studierenden, die den Master an der FH nach einem Studium an einer Universität beginnen, kommen viele aus dem Ausland. Wir haben z.B. viele Bewerbungen aus Deutschland von UniabsolventInnen für den Master. In Deutschland dürfte es so sein, dass die Systeme eher verschwimmen als in Österreich. 

Wie sieht die Architektur-Fachhochschul-Landschaft in Österreich aus?

Schmied: Österreichweit gibt es kaum Fachhochschulen, die eine Architekturausbildung haben. Es gibt die FH JOANNEUM und die FH Kärnten in Spittal an der Drau, das sind die einzigen, die tatsächlich eine Architekturausbildung anbieten. Es gibt Randbereiche, die sich mit Architektur beschäftigen, aber sehr speziell ausgerichtet sind, wie „Green Building“ am FH Campus Wien oder „Smart Building“ an der Fachhochschule Salzburg. 

Gibt es Kooperationen zwischen den Fachhochschulen oder mit anderen Universitäten

Schmied: Eigentlich nicht, in Österreich sind wir erst dabei, diese Kooperationen aufzubauen – auch auf dem Fachhochschulsektor. Ich wünsche mir, dass es in der Zukunft mehr Kooperationsmöglichkeiten gibt, auch mit der TU Graz. Das werden wir in den nächsten Jahren versuchen zu forcieren. Wir sind eine relativ kleine Mannschaft und ich sehe FH und Universität nicht als Konkurrenz, sondern als Erweiterung und Ergänzung im Bildungssystem.
Ins Ausland haben wir interessanterweise bereits gute Kontakte zu Universitäten und Fachhochschulen – das hält sich ziemlich die Waage. 

Welche Länder sind das vor allem? Wie kann man sich diese Kooperationen vorstellen?

Schmied: Wir haben Partnerschaften auf verschiedenen Ebenen. Wir praktizieren Lehrendenaustausch, Studierendenaustausch, internationale Workshops oder arbeiten in der Forschung zusammen. Wir haben europaweit um die 15 Partner (Fachhochschulen und Universtäten), z.B. in Spanien, Portugal, Deutschland, Ungarn, Großbritannien und den skandinavischen Ländern.  

Ist das eine regelmäßige Zusammenarbeit oder sind das einmalige Projekte?

Schmied: Das ist etwas Regelmäßiges. Eine besonders enge Zusammenarbeit gibt es mit den Universitäten in Lissabon (Portugal), Pécs (Ungarn) und Göteborg (Schweden).
Im Masterkurs gibt es jedes Jahr ein internationales Projekt. Die letzten drei Jahre hatten wir Erasmus-geförderte, also aus EU-Mitteln geförderte Projekte, die wir mit anderen europäischen Universitäten gemeinsam durchgeführt haben. Zusätzlich kommen dann noch Projekte auf Wunsch von ausländischen Investoren zustande, die wir in Workshops mit Partneruniversitäten bearbeiten. 

Forschung ist im Architekturbereich bekanntermaßen nicht so einfach – welche Forschungsgebiete betrachten Sie besonders?

Schmied: Bei uns liegt sicher die Kernkompetenz in der Lehre und der Ausbildung der Studierenden. Aber es gibt durchaus verschiedene Bereiche, in denen wir versuchen in der Forschung aktiv zu sein: Bauen im Bestand, Umgang mit bestehenden Strukturen, Holztechnologie, Holzbauforschung, Nachhaltigkeit und Städtebau. Bei komplexen Forschungsthemen, bei denen es um städtebauliche, energetische, verkehrstechnische Aspekte etc. geht, ist es toll, wenn man in einem interdisziplinären Team arbeitet, bestehend aus verschiedenen FH-internen als auch externen Partnern aus Bereichen wie Energieplanung, Verkehrsplanung, Umweltplanung, Architektur, Soziologie etc. Das ist ein großes Konsortium vor allem bei internationalen Anträgen. Wir haben z.B. gerade ein Projekt eingereicht, „Urban Management“, ein Horizont 2020-Projekt, da haben wir sowohl architektonische Partner gehabt aus Holland und Schottland als auch externe ExpertInnen aus der Umwelt- und Verkehrsplanung. 

Was ist der Unterschied zwischen einer FH und einer Universität. Sie lehren auch an der TU Graz und kennen daher beide Systeme gut. Gibt es gewisse Dinge, die an der Uni oder an der FH einfacher oder komplizierter sind? 

Schmied: Ich denke, das sind prinzipiell zwei ganz verschiedene Systeme, die einerseits von vorhandenen Studierendenzahlen abhängen, andererseits auch von den Konzepten, die dahinterstehen. Ich bin bereits seit vielen Jahren Lehrbeauftragter an der TU Graz. Beide System brauchen ihren Platz, denn beide Systeme bringen Leute mit verschiedenen Ansätzen heraus. In Wien gibt es die Angewandte und die TU, die Akademie der Bildenden Künste. Da stellt sich auch niemand die Frage: Brauche ich eines der Systeme vielleicht gar nicht? Zum Großteil ist die Ausbildung gar nicht vergleichbar, weil es unterschiedliche Ausrichtungen und Methoden gibt – auch auf Seiten der Lehrenden.  
Das praxisnahe Konzept der FH ist ein sehr generalistisches System. Wir möchten den Studierenden die wesentlichen Elemente, die sie für eine breite Ausbildung brauchen, vermitteln – von der Entwurfsplanung bis zur Umsetzung von Projekten. Wir messen Entwurfsarchitektur sehr wohl große Bedeutung zu, versuchen das Ganze aber in einem Kontext zu sehen. Wir betrachten die Wechselwirkung vom Entwurfsprozess bis zum Abwicklungsprozess wie im wirklichen Leben als ArchitektIn. Wie beeinflussen sich die unterschiedlichen Schritte, wie ist der Umgang mit Fachplanern und Subplanern? Diese Themen versuchen wir in den Lehrveranstaltungen zu simulieren. Das ist natürlich nur möglich, weil die Studierendenanzahl verhältnismäßig gering ist und wir ein sehr gutes Betreuungsverhältnis haben. Mit einer großen Studierendenzahl kann man so etwas nicht durchziehen. Die TU hingegen ermöglicht (nicht zuletzt durch ihre Größe) eine Spezialisierung auf verschiedene Elemente wie Städtebau, Raumgestaltung etc. durch die verschiedenen Institute.

Wie sehen Studierendenarbeitsplätze an der FH aus?

Schmied: Es gibt ein großes Studio, wir haben auch eine große Modellbauwerkstatt mit kleinen und großen Maschinen. In dem Studio arbeiten beide Masterjahrgänge gemeinsam vor Ort. Ganz bewusst – so gibt es ein Verschränken zwischen den Jüngeren und den Älteren, das ein „vertikales Lernen“ ermöglicht. Ähnlich wie in den Zeichensälen der Technischen Universitäten.

Hat dort jede/r Studierende/r einen fixen Platz?

Schmied: Ja, genau. 

Und die Bachelorstudierenden?

Schmied: Das Bachelorstudium Bauplanung und Bauwirtschaft Studienzweig Architektur hat  so etwas Ähnliches ab dem dritten Semester. Das ist ein bisschen kleiner und nennt sich nicht Studio, sondern „Projekträume“ und ist mehr nach Semestern getrennt. 
Das System der Studios funktioniert natürlich vor allem deshalb sehr gut, weil wir eine begrenzte Anzahl an Leuten haben. Wenn ich mir das Ganze mal 10 vorstelle, also in einer Größenordnung der TU, dann wird das Ganze um Vieles schwieriger! Das fängt bei den Raumressourcen an, aber es ist auch nicht mehr so einfach zu führen, als Team. Bei uns gibt es keine Institute, die eigene Ausrichtungen verfolgen, sondern ein übergeordnetes zentrales Ziel.

Architekturbüros bekritteln manchmal, dass AbsolventInnen der TU im Büro anfangs kaum zu gebrauchen sind, da sie viele Dinge, die im Büroalltag verlangt werden, nicht gelernt haben. Studieren FH-Studierende näher an der Realität?

Schmied: Wir erfragen bei Büros , was die Anforderungen sind, aber wir versuchen nicht, die Leute doktrinierend darauf hinzutrimmen. Wir wollen den Studierenden eine baukünstlerisch/architektonische Breite mitzugeben, sodass jede/r Einzelne für sich entscheiden kann, wo seine Qualität in der Architektur liegt. Das sind sehr wichtige Punkte in der Ausbildung! Zusätzlich geben wir aber den Studierenden weitere Ausbildungselemente mit, die für eine erfolgreiches Arbeiten in Büros von Bedeutung sind. In einem Architekturbüro liegt nur noch ca. 20% der Arbeitszeit im Entwurf, der Rest liegt in einem großen Abwicklungsteil. In all diesen Bereichen brauchen wir AbsolventInnen, die das leisten können! Wenn ich mir unsere AbsolventInnenstatistik anschaue, dann arbeitet ein Drittel der Leute im Entwurf, ein Drittel in der Planung und ein Drittel im Bauabwicklungsprozess. Also ein statistisch gleich verteiltes Verhältnis, das ist ganz interessant und spricht für den Praxisansatz in der Ausbildung. Dadurch haben wir auch kaum arbeitslose Absolventen.

Arbeitserfahrung macht mit der Praxis vertraut. Wie viele Praktika sind im Lehrplan vorgeschrieben?

Schmied: Im Bachelor gibt es ein verpflichtendes Berufspraktikum von 15 Wochen im 6. Semester in einem Büro. Währenddessen ist der Lehrbetrieb quasi stillgelegt. Im Master gibt es kein verpflichtendes Praktikum, aber wir legen den Studierenden nahe, in den Ferien in Büros zu arbeiten und das machen auch die meisten. Ich halte das Berufspraktikum für einen ganz wesentlichen Aspekt, weil die Studierenden so sehen, wie die Fächer, die sie studiert haben, in der Praxis wirklich funktionieren. In Lehrveranstaltungen versuchen wir Arbeitsabläufe, wie es sie in einem Büro gibt, zu simulieren.  

Es ist ja oft gar nicht so einfach, einen Praktikumsplatz zu finden. Hilft die FH dabei, eben solche zu vermitteln?

Schmied: Zum Teil gibt es Anfragen aus Büros, die PraktikantInnen suchen, zum Teil müssen die Studierenden Bewerbungen schreiben, um einen Praktikumsplatz zu bekommen. 

Beim Master ist kein verpflichtendes Praktikum im Studienplan vorgesehen. Könnten Studierende, um Praxis zu sammeln, neben dem Studium wöchentlich zehn bis zwanzig Stunden in einem Büro arbeiten?

Schmied: Ich würde sagen, in den ersten zwei Semestern kaum. Zwanzig Stunden nebenher arbeiten, das wäre sehr, sehr hart. Die Ausbildung ist sehr intensiv, v.a. in den ersten zwei Semestern. Ab dem dritten Semester ginge es vielleicht.

Besteht die Möglichkeit, einfach etwas langsamer zu studieren?

Schmied: Man könnte sich karenzieren lassen. Prinzipiell müssen Studierende ein Jahr positiv abschließen – eine negative Note oder gar keine Note in einem oder mehreren Fächern, das geht nicht! Bei uns werden nicht wie an der Universität einzelne Prüfungen betrachtet. Ein Semester muss als Gesamtpaket aus verschiedenen Lehrveranstaltungen positiv abgeschlossen werden, sonst muss das ganze Jahr wiederholt werden. 

Viele Leute haben kein Bild davon, wie eine FH-Ausbildung im Unterschied zu einer Universität funktioniert. Wie verschult ist das System wirklich, wie unterscheidet es sich von einer Universität?

Schmied: Uns werden sehr oft Fragen gestellt wie: „Wie ist das eigentlich bei euch, das ist doch alles so verschult, oder?“ Das ist heute aber eigentlich die falsche Frage. Wir leben heute in einem Bologna-Prozess, der nicht mehr so aussieht wie das Studium zu Zeiten, als ich noch studiert habe. Vor zwanzig, dreißig Jahren hatte man ein völlig freies Studium. Man hat die Fächer belegt, auf die man gerade Lust hatte – unabhängig davon, für welches Semester sie vorgesehen waren. Heute gibt es in allen Systemen Fächerbündel, die voneinander abhängig sind, Voraussetzungen, damit man in das nächste Level einsteigen kannst, Prüfungsvoraussetzungen... Es gibt heute auch an den Universitäten ein Bachelor-/Mastersystem. Diese völlige Durchlässigkeit, die es früher gegeben hat – das gibt es einfach nicht mehr. Es herrscht oft noch diese verklärte Sicht, wie es früher einmal war. Es gibt heute einen großen Druck von außen, unabhängig davon, ob man an der Universität oder an der FH studiert und welche Studienrichtung man gewählt hat: Die Familienbeihilfe ist altersmäßig heruntergefahren worden, die Stipendienbezüge sind zeitlich verringert worden usw. Außerdem sind es die Bologna-Spielregeln, die ein mehr oder weniger verschultes System auf allen Ebenen erfordern. Ob das gut oder schlecht ist, möchte ich einmal dahingestellt lassen. Es ist jedenfalls nicht abhängig von FH oder Universität. Das ist ein europäisches Muster, zu dem man sich in Österreich bereit erklärt hat, es einzuführen. Die Folgen sind die, dass man ein viel strukturierteres oder wie viele es nennen „verschulteres“ System hat. 

Welche Studienbeginner werden Ihrer Meinung nach eher vom System der FH angesprochen, welche vom System einer Universität? 

Schmied: Die Frage ist, warum wähle ich welches Studium? Wenn Studierende zu uns kommen, wissen sie, dass sie in fünf Jahren fertig sind. Zur FH geht ein Typ Mensch, der zielorientiert arbeitet, zielorientiert an seinem Erfolg arbeitet und weiß, nach zehn Semestern will ich zielgerichtet dieses oder jenes machen. Auf der Universität kann ich mich in verschiedenen Bereichen spezialisieren, mein Wissen in weiteren Lehrveranstaltungen vertiefen. Dort kann die Breite der Bildung allerdings auch dazu führen, dass die Zielorientierung verloren geht. Früher war es an der TU so, dass man eigentlich überhaupt kein Ziel hatte. Es war egal, ob du zehn oder 18 Semester studiert hast. Es hat ja ohnehin  jeder ab dem sechsten Semester gearbeitet. Durch den Druck von außen und den vorgegeben Rahmen ist das heute für Studierende – auch an der Universität – kaum mehr möglich neben dem Studium 20 Stunden die Woche zu arbeiten. 

Was steht im Laufe dieses Jahres noch Spannendes an?

Schmied: Wir nehmen im Sommer mit zwei Projekten am Architektursommer teil. Wir haben eine Ausstellung in Leoben in Kooperation mit der Stadt Leoben. In Graz wird es eine mobile Ausstellung geben, mit der wir versuchen möchten, die Architektur zu den Menschen zu bringen und nicht umgekehrt. Es wird kleine Interventionen im öffentlichen Raum geben, im Rahmen derer wir Studierendenprojekte vermitteln möchten. Zu Jahresende gibt es natürlich wie immer eine Ausstellung von Studierendensemesterprojekten bei uns im Haus und in Kooperation mit der Steiermärkischen Sparkasse die Diplomandenausstellung im Foyer der Steiermärkischen Sparkasse am Sparkassenplatz.

Verfasser / in:

Yvonne Bormes

Datum:

Mi. 27/05/2015

Artikelempfehlungen der Redaktion

Infobox

Arch. DI Wolfgang Schmied, Studiengangsleiter des Masterstudiengangs Architektur der FH JOANNEUM und Lehrbeauftragter der TU Graz, im Gespräch über den Unterschied zwischen einem Studium an einer FH und einer Ausbildung an einer Universität, Praxiserfahrungen Studierender, den Bologna-Prozess und internationale Kooperationen. 

Kontakt:

Kommentar antworten