Streetart - Projekt CHIARO_SCURO
CHIARO_SCURO
©: Claudius Pratsch

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Bericht
Streetart - Projekt CHIARO_SCURO

CHIARO _ SCURO, Hommage an M.F., ist ein Gemeinschaftsprojekt von Claudius Pratsch mit Sergio Azzolini.
 Das Werk ist eine vielschichtige Interpretation der musikalischen Fassung des Chorals Zion hört die Wächter singen aus der Kantate BWV 140 Wachet auf, ruft uns die Stimme von Johann Sebastian Bach, 1731.
CHIARO _ SCURO wurde erstmals am Freitag, dem 17. Oktober 2014 in der 
Zionskirchstraße 20 in 10119 Berlin-Mitte präsentiert und ist seitdem dort zu sehen und über Smartphone zu hören.

CHIARO _ SCURO, ein Streetart-Projekt im komplexesten Sinn, nahe einem historischen Ort, der Zionskirche, deren Bedeutung für die Entwicklung Berlins und seiner Gesellschaft auch dieser Tage mit der Einweihung des renovierten Kirchplatzes gefeiert wird. Die Atmosphäre des am 14. August 2014 eigens für dieses Projekt im Konzertsaal Rezekne (Lettland) auf historischen Instrumenten unter der Leitung von Sergio Azzolini eingespielten 4. Satzes der Kantate BWV 140 wird räumlich und visuell von Claudius Pratsch zu einem Gesamtkunstwerk zusammengeführt: Musik und Bild sind ergänzend zur Fassadenarbeit ab dem Tag der Präsentation auch mit mobilen Empfangsgeräten aus dem Internet abrufbar.

Künstlerisches Konzept: Claudius Pratsch
Musikalische Interpretation: Sergio Azzolini
Ensemble:
Barockvioline: Sanita Zarina
Barockfagott und Leitung: Sergio Azzolini
Barockvioloncello: Ilze Grundule
Cembalo: Marc Meisel
Aufnahme: Karel Valter
Bild: Claudius Pratsch / Bildschnitt: Michelle Barbin

Einführung ins Werk von Detlef Jessen-Klingenberg

Warum nicht Chiaroscuro in einem Wort?
 Claudius Pratsch wird den Titel seines gemeinschaftlichen Streetart-Projektes mit Sergio Azzolini sehr bewusst mit einem Unterstrich versehen haben. Und so wie Überlegungen zum Komma von Sans, Souci. am Potsdamer Schloss Friedrichs des Großen ein ganzes Buch füllen, mit dem dessen Biographie gewissermaßen neu aufgerollt wurde, lohnt es auch hier, in kleinerem Maßstab, über den Unterstrich nachzudenken.
Chiaroscuro in einem Wort bezeichnet ursprünglich die sogenannte Hell-Dunkel-Malerei der Renaissance und des Barock – man denke an Rembrandts Nachwache – aber auch entsprechende Effekte in der Low-key-Fotografie oder im Film noir
 des 20. Jahrhunderts, die von schwarz bis weiß die größtmögliche Bandbreite an Lichtkontrasten ausnutzen und damit eine starke räumliche und atmosphärische Wirkung erzielen.
In der Musik ist der Begriff Chiaroscuro ebenfalls geläufig, unter anderem im Zusammenhang mit Ensembles, die Barockmusik mit alten Instrumenten einspielen, um sich dem ursprünglichen, historischen Klang anzunähern, den man sich feiner und weicher vorstellen muss. In dieser Weise wurde unter der Leitung von Sergio Azzolini der bekannte Choral Zion hört die Wächter singen aus der Bachkantate Wachet auf, ruft uns die Stimme eingespielt, der eine Reverenz an den Ort, den Platz, die Zionskirche ist.

Chiaroscuro meint also demnach nicht die Polarität hell-dunkel oder laut-leise, sondern das fein abgestimmte und zugleich ausdrucksstarke Spielen in einem großen Feld von Tönen oder Abtönungen.
In seiner Notation der ersten Takte, die Claudius Pratsch als Stencil auf die Hauswand gebracht hat, findet sich ebenfalls dieses Spiel mit Feinheit und Kontrast. Gegenüber dem Vorentwurf wurden die Farb- und Helligkeitskontraste zu der Hauswand stark abgemildert, gleichzeitig weisen die Rechteckflächen und Kreislinien auf die zwei Tonreihen der Musik hin, den ruhige Takt, der mit dem Fassadenraster zusammengeht und das darübergelegte kreisförmig notierte schnellere zweite Thema.

Zurück zum Unterstrich in Chiaro_Scuro. Er hebt das Leerzeichen zwischen den beiden Worten hervor, die also vielleicht eher jedes für sich gelesen und verstanden werden wollen, übersetzt als klar_düster oder offensichtlich_verborgen. Hiermit eröffnet sich das Feld der Wege, Erinnerungen und Assoziationen, zu denen das Stencil, die Musik, zu denen Architektur, Straße, Platz und Umfeld anregen. Die Hauswand etwa verbirgt sicherlich manches Graffiti, das unter der neuesten Farbschicht verborgen liegt, sie zeigt in ihrer Leere, die erst Platz und Notwendigkeit für eine neue Bespielung bildete, den Verlust der ehemaligen Stuckverzierungen, wie man sie an einigen Nachbarhäusern noch findet. Der Satz aus der Bachkantate, die man sich im Clip über das Smartphone erschließt, verweist – für den, der es weiß – auf die Vorlage des Chorals von Philipp Nicolai aus dem 16. Jahrhundert, der im Text wiederum auf Zion als personifiziertes Jerusalem verweist, auf den historischen und metaphorischen Berg Zion als Ort, wo Gott wohnt.

Hier am Zionskirchplatz denkt man natürlich an die Übertragung des Namens auf diese Anhöhe an der Grenze des eiszeitlichen Plateaus des Barnim, auf der zuvor im 17. Jahrhundert Wein angebaut wurde.
 Namensgebend war die Zionsgemeinde, für die im Zuge der Stadterweiterung im 19. Jahrhundert der neoromanischen Kirchenbau errichtet wurde. Die Kirche wurde exponierter Blickpunkt – und ist aus städtebaulichen Gründen ungewöhnlicherweise nicht geostet – und Zentrum der Rosenthaler Vorstadt, die nach dem städtebaulichen Rahmenplan von James Hobrecht ein typisches Quartier des steinernen Berlin war, mit prekären Wohnverhältnissen, die sich hinter schönen Stuckfassaden verbargen.
 Ihre bis heute präsente Bedeutung bekam der Zionskirche als Ort des couragierten Widerstandes, als Wirkungsstätte Dietrich Bonhoeffers und in den 1980er Jah
ren als Ort der Bürgerrechtsbewegung. Die jüngere Entwicklung seit 1990 kann man entweder als Rekonstruktionsprozess begreifen, wie der gerade neu eingeweihte Zionskirchplatz zeigt, oder als eine mit dem schönen Wort Gentrifizierung bezeichnete Entwicklung auffassen, die nicht nur viele Bewohner, sondern etwa auch Kohlenhändler und Autowerkstätten aus den umliegenden Hinterhöfen nach Pankow oder Hohenschönhausen hat wegziehen lassen, um Platz für solventere Investoren und Baugruppen zu machen.

Angesichts dieser ganzen Last an Gedanken mag es einem wie dem Engel in Wim Wenders Der Himmel über Berlin gehen, der alles sieht und hört, alles weiß, aber den die Sehnsucht nach dem Fühlen und dem Vergänglichen antreibt, nicht zuletzt übersättigt durch die Allgegenwart der Geschichte Berlins.

Für Chiaro_Scuro, ein Projekt, das Architektur und Musik zusammenführt, kann man sich in diesem Sinne an Goethes Worte zum Verhältnis beider Künste erinnern, der schrieb: "Die Stimmung, die von der Baukunst ausgeht, kommt dem Effect der Musik nahe". Entsprechend ist es vielleicht die angemessenere Annäherung, sich ganz auf die sinnliche Wirkung des Ortes, des Stencils, der Musik einzulassen, und den eigenen Assoziationen, Stimmungen und Gedanken freien Lauf zu lassen. Genau dies
 mag Claudius Pratsch mit dem Unterstrich gemeint haben, den man nicht nur als Trennstrich, sondern als eigenes drittes Element lesen kann, als Leerstelle, die jeder für sich füllen kann. (Detlef Jessen-Klingenberg, Oktober 2014)

Verfasser / in:

Redaktion GAT GrazArchitekturTäglich

Datum:

Fr. 05/12/2014

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Chiaro_Scuro, ein Projekt, das Architektur und Musik zusammenführt, wurde von Claudius Pratsch konzipiert und am 17. Oktober 2014 in der 
Zionskirchstraße 20 in 10119 Berlin-Mitte präsentiert.

Musik und Bild sind ergänzend zur Fassadenarbeit seither auch mit mobilen Empfangsgeräten aus dem Internet abrufbar.

In der GAT-Reihe architektur><kunst werden Bauwerke innerhalb und außerhalb Österreichs veröffentlicht, die an der Schnittstelle von Architektur und Kunst einzuordnen sind. Bei der Kuratierung werden Projekte von AkteurInnen bzw. ProtagonistInnen mit Bezug zur Steiermark bevorzugt.

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