sonntag_307_jameos-del-aqua-innen.jpg
©: Emil Gruber

_Rubrik: 

Sonntag
sonnTAG 307

Latin Lava - Erbauliches über Lanzarote

César schaute in einen Abgrund. Der Abgrund war nicht unbedingt Schwindel erregend, gerade ein paar Meter tief. Aber ein Baum ragte aus ihm heraus. Das ist auf einem Feld von erstarrter Lava durchaus etwas Besonderes.

„Am 1. September 1730, zwischen neun und zehn Uhr am Abend, öffnete sich plötzlich die Erde in der Nähe von Timanfaya, 2 Meilen (ca. 11 km) von Yaiza entfernt. In der ersten Nacht erhob sich ein riesiger Berg aus dem Schoß der Erde und aus seiner Spitze drangen Flammen, die neunzehn Tage lang brannten."

Don Andrés Lorenzo Curbelo, der Pfarrer von Yaiza konnte noch nicht ahnen, dass die über sechs Jahre dauernden Eruptionen im Südwesten von Lanzarote einmal dem Begriff des Tiefbaus eine neue Wendung geben werden.

Wie beim Feigenbaum, der am Rande des Ortes Tahiche aus scharfem Geröll wuchs, waren César Manriques Wurzeln auf der nördlichsten Insel der Kanaren. Ein Architekt in einem spanischen Dorf, das musste in eine Herausforderung münden.

Architektur war nur ein Gewächs in Césars Welten. Soldat auf der falschen Seite im spanischen Bürgerkrieg, Asket, Maler, Bildhauer, Gärtner, Naturschützer, Aktivist - erst die Summe aller Teile fügen das Puzzel Manrique zusammen. Er kannte Miro und Picasso, war mit Warhol befreundet. Nelson Rockefeller finanzierte 1964 dem jungen Künstler ein erstes Studio in New York.

"When I returned from New York, I came with the intention of turning my native island into one of the more beautiful places in the planet, due to the endless possibilities that Lanzarote had to offer. "

Den Bauern, auf deren Grund der Baum aus der Lavahöhle wuchs, dürfte die Bitte nach dem Stück Land etwas seltsam vorgekommen sein. Sie schenkten Manrique trotzdem einen großen Teil ihres unnützen Besitzes. Über Jahre baute der Architekt an seinem ersten, für die Insel wegweisenden Projekt, der heutigen Fundación César Manrique. Während an der Oberfläche ein Katalog an Gebäuden entstand, der in seiner Struktur von maurischen Formen beeinflusst war, entwickelte sich das wirklich Spektakuläre in der Unterwelt. Fünf miteinander verbundene Lavahöhlen wurden zu neuen, an die Vorgabe der Natur angepassten Lebensräumen.
Der Inselpräsident wurde auf Manrique aufmerksam. Nach und nach entstanden weitere Projekte, die sanft Bauten in die vorgegebenen geologischen Gegebenheiten eingefügten.
In Jameos del Aqua durchquert der Besucher einen Teil der längsten Lavaröhre der Insel.
Ein Konzertsaal in einer natürlichen Höhle zog Größen wie Brian Eno oder John Cage in seinen Klang. Seltene Süßwasserkrebse leben in einem unterirdischen See. In den oberirdischen Bauten spiegeln sich Unendlichkeiten.

Mirador del Rio, ein ehemaliger militärischer Beobachtungshorst, wurde als spektakulärster Aussichtspunkt der Insel der Öffentlichkeit wieder zurückgegeben.
Der Jardin de Cactus, ein als Amphitheater angelegter Garten, Skulpturen für Kreisverkehrrondeaus, die Casa del Campesino als Mustermodell eines lanzarotischen Hauses, das Restaurant El Diablo im Timanfaya Nationalpark, im vulkanischen Herz Lanzarotes, sind ein paar Auszüge aus Manriques Naturlexikon für Architektur.

Als Insellösung bezeichnet das Lexikon ein System, das nur innerhalb seiner eigenen Grenzen wirksam ist und manipulative Fremdeingriffe von außen verhindern soll.

Manriques Traum war, jeden Massentourismus von Lanzarote fern zu halten. Während auf dem Rest der Kanaren die ersten Hotelsilos die Küstenstreifen verbunkerten, forderte der Architekt auf seiner Insel einen hochpreisigen Exklusivtourismus, der nur einer begrenzte Anzahl von Urlaubern den Zugriff ermöglichte.

Ab Ende der siebziger Jahre gewannen aber auch auf Lanzarote Investoren den Kampf um so manchen Küstenstreifen. César Manrique blieb aber weiterhin ein unermüdlicher Widerpart. 1992 kam der mittlerweile 73 jährige Architekt bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

Heute erweist sich die Insel als zweigeteilt. Während die Ostküste ein durchgehender baulicher Einheitsbrei für den brutzelnden Urlauber geworden ist, zeigt sich der Rest der Insel nach wie vor sehr beschaulich und ursprünglich. Große Teile Lanzarotes wurden zum Weltkulturerbe erklärt und bleiben frei von jedem Zugriff - Manriques Vermächtnis.

EMIL GRUBER
lebt in Graz
Bildermacher, Schreiber, Spaziergänger.
KONTAKT: katmai@aon.at
http://ortlos.com/photography

Alle Fotos: Emil Gruber

Verfasser / in:

Emil Gruber

Datum:

So. 29/11/2009

Das könnte Sie auch interessieren

Kontakt:

Kommentar antworten